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Sport

Bundesliga-Dominanz in der Relegation

Von wegen Abstiegskandidat

Egal, wie mies sich die Erstligisten die Saison über präsentierten - in bisher neun Relegationsspielen setzten sie sich sieben Mal gegen den Kandidaten der zweiten Liga durch. Woran liegt das?

[M] Getty Images

Wolfsburger Mannschaftskreis (links), Kiels Rafael Czichos (rechts)

Von
Donnerstag, 17.05.2018   17:17 Uhr

Milivoje Novakovic wirkte müde. Patrick Helmes und Thomas Broich spielten schwach. Am Ende verlor der 1. FC Köln sein letztes Saisonspiel in Kaiserslautern 0:3. Die hohe Pleite war aber verschmerzbar: Kölns Aufstieg in die Fußball-Bundesliga stand bereits vor dem 34. Spieltag der Zweitligaspielzeit 2007/2008 fest - obwohl das Team noch vom zweiten auf den dritten Platz abrutschte.

Damals stiegen noch die ersten drei Mannschaften direkt in die Bundesliga auf. Ein Jahr später wäre Kölns schwacher Auftritt in Kaiserslautern problematisch geworden. Die Relegation wurde wiedereingeführt. Seither muss sich der Zweitligadritte in Hin- und Rückspiel gegen den Tabellen-16. der Bundesliga für die höchste deutsche Spielklasse qualifizieren.

Die Relegation mag die Spannung der Fußball-Saison verlängert haben und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zusätzliche TV-Einnahmen bringen. Für den Zweitligadritten ist sie vor allem eine zusätzliche Hürde auf dem Weg in die Bundesliga - und nur die wenigsten haben sie erfolgreich genommen: Seit 2009 sind sieben von neun Zweitligisten in der Relegation gescheitert.

Relegationsspiele zur Bundesliga

Jahr Zweitligist Ergebnis Erstligist Hinspiel Rückspiel
2009 FC Nürnberg 5:0 Energie Cottbus 3:0 2:0
2010 FC Augsburg 0:3 FC Nürnberg 0:1 0:2
2011 VfL Bochum 1:2 Mönchengladbach 0:1 1:1
2012 Fortuna Düsseldorf 4:3 Hertha BSC 2:1 2:2
2013 FC Kaiserslautern 2:5 TSG Hoffenheim 1:3 1:2
2014 Greuther Fürth 1:1 (Auswärtstor) Hamburger SV 0:0 1:1
2015 Karlsruher SC 2:3 Hamburger SV 1:1 1:2 n.V.
2016 FC Nürnberg 1:2 Eintracht Frankfurt 1:1 0:1
2017 Eintracht Braunschweig 0:2 VfL Wolfsburg 0:1 0:1
2018 Holstein Kiel VfL Wolfsburg

*gefettete Teams haben sich in der Relegation durchgesetzt

Am Abend (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Eurosport-Player) will Holstein Kiel das dritte Team werden, das nach Nürnberg (2009) und Fortuna Düsseldorf (2012) den Bundesligaaufstieg über die Relegation schafft. Der Verein bekommt es mit dem VfL Wolfsburg zu tun, der auch im Vorjahr in der Relegation antrat und dort den Abstieg mit zwei Siegen gegen Eintracht Braunschweig souverän abwenden konnte.

Warum aber setzen sich die Erstligisten in der Relegation so häufig durch? Warum können die Zweitligadritten ihren Erfolgslauf nicht in der Relegation fortsetzen?

Mehr Qualität im Kader, mehr Erfahrung, höherer Etat - einige Argumente für die Überlegenheit der Erstligisten sind naheliegend. So soll der Lizenzspieleretat des VfL Wolfsburg bei etwa 70 Millionen Euro liegen. Kiel gibt für seine Profiabteilung nur etwa sechs Millionen Euro aus. Während der VfL mit Maxi Arnold oder Admir Mehmedi Nationalspieler in seinem Kader hat, heißt Kiels Hoffnungsträger Marvin Ducksch. Ein talentierter Stürmer, der in Paderborns Bundesligamannschaft 2014/2015 keine größere Rolle spielte. Holstein stand vor einem Jahr noch in der Dritten Liga, Wolfsburg vor zwei im Champions-League-Viertelfinale gegen Real Madrid.

Kurz: Der VfL ist Favorit gegen Kiel.

Wenn man sich von diesem Spiel entfernt, fällt auf: Die ansteigende Form der Erstligisten zum Saisonende ist ein weiterer Grund für die Dominanz der Bundesliga. Ein Beispiel: Der Hamburger SV rettete sich im Jahr 2015 mit einer spektakulären Aufholjagd unter Bruno Labbadia in die Relegation. In einer Formtabelle, die sich über die letzten fünf Spieltage erstreckt, wäre der HSV damals mit zehn Punkten sogar Tabellenvierter gewesen. Der Klub war nicht angeschlagen, sondern im Aufwind, das Umfeld euphorisiert: In dieser starken Verfassung setzte sich der HSV dann gegen den Karlsruher SC in der Relegation durch.

Auch Borussia Mönchengladbach (2011), Hoffenheim (2013) und Eintracht Frankfurt (2016) retteten sich mit ähnlichen Leistungsanstiegen zum Saisonende in die Relegation - und gewannen anschließend ihre Playoff-Spiele.

Das ist eine Krux der Relegation aus Sicht der Zweitligisten: Man bekommt mit dem 16. der Abschlusstabelle zu tun. Die aktuelle Form dieser Teams ist oft aber viel besser: Im Schnitt würden die bisherigen neun Relegationsteilnehmer der Bundesliga in einer Formtabelle über die letzten fünf Spieltage auf dem 13. Tabellenplatz stehen. Verlängert man diese Formtabelle auf die letzten zehn Spieltage, dann wären diese Teams im Schnitt sogar Zwölfter. Eine Ausnahme bildet der VfL Wolfsburg, der im vergangenen Jahr als schlechteste Bundesligamannschaft der letzten fünf Saisonspiele in die Relegation ging.

Deswegen dürfte es weitere Gründe für die Unterlegenheit der Zweitligisten geben - deren Heimschwäche fällt besonders auf. Es gilt als Vorteil, sein Heimspiel im Rückspiel austragen zu dürfen. In der Realität konnten die Zweitligisten diesen vermeintlichen Vorteil aber nicht nutzen. Bisher ist es nur dem FC Nürnberg 2009 gelungen, sein Relegationsheimspiel zu gewinnen. Damals siegte das Team gegen Cottbus - und stieg auf.

Besonders bitter ist die Heimschwäche auch, weil die Erstligisten in nur zwei von bisher neun Duellen mit einem Vorsprung von mehr als einem Tor ins Relegationsrückspiel gingen. In den vergangenen vier Jahren holten die Zweitligisten sogar drei Mal ein Remis im Hinspiel beim Erstligisten - um dann im Heimspiel doch den Aufstieg zu verpassen.

Ob es für Kiel besser läuft? In der laufenden Zweitligasaison hat das Team mit 31 Punkten immerhin die zweitbeste Heimbilanz. Das galt aber auch schon für Eintracht Braunschweig im vergangenen Jahr - die hatte sogar 42 Punkte vor eigenem Publikum geholt.

insgesamt 17 Beiträge
hoppelkaktus 17.05.2018
1. Aller guten Dinge...
Da sie in Wolfsburg ähnlich stur vernarrt ins fabrizieren halber Sachen sind wie beim HSV, wird wohl auch der VfL seine ganzen drei Anläufe brauchen, ehe die wilde Entschlossenheit der Vereinsführung endlich ihre schönen [...]
Da sie in Wolfsburg ähnlich stur vernarrt ins fabrizieren halber Sachen sind wie beim HSV, wird wohl auch der VfL seine ganzen drei Anläufe brauchen, ehe die wilde Entschlossenheit der Vereinsführung endlich ihre schönen Früchte trägt, unbedingt den Abstieg in die zweite Liga klarzumachen. Ich tippe daher auf zwei vermutlich interessant anzuschauende, vielleicht sogar richtig attraktive Relegationspiele Kiel - Wolfsburg, nehme jedoch pessimistisch an, dass die (gewiss nicht nur mir) symphatischere Mannschaft aus Kiel auch in der nächsten Saison ihre Heimspiele im winzigen Stadion in Liga zwo bestreiten wird. Und wenn dann aber die Wolfsburger sich 18/19 mal richtig konsequent miserabel zusammenreissen, was ich ihnen absolut zutraue, klappt's mit dem verdienten Abstieg eben ziemlich genau ein Jahr später. Kopf hoch, also wackere Wölfchen!
trantor73 17.05.2018
2. ... Hsv
Der HSV setzte sich gegen den KSC *nicht* wegen seiner Formstärke durch, sondern weil er sowohl in beiden Spielen viel Glück hatte (Hinspiel 2 mal Latte in 15 sekunden... kein elfer für Yabo...) als auch von einer [...]
Der HSV setzte sich gegen den KSC *nicht* wegen seiner Formstärke durch, sondern weil er sowohl in beiden Spielen viel Glück hatte (Hinspiel 2 mal Latte in 15 sekunden... kein elfer für Yabo...) als auch von einer katastrophalen Fehlentscheidung im Rückspiel profitierte.
naeggha 17.05.2018
3. Heuchelei der DFL
man möchte den besseren Verein in der liga halten. fakt ist doch aber nur, dass der aufstiegskandidat einen auf den einzelpositionen meist viel schwächeren kader hat als der bundesligist. stiege der vfl einfach ab und kiel auf, [...]
man möchte den besseren Verein in der liga halten. fakt ist doch aber nur, dass der aufstiegskandidat einen auf den einzelpositionen meist viel schwächeren kader hat als der bundesligist. stiege der vfl einfach ab und kiel auf, dann hätte kiel bis August nochmal zeit in den kader zu investieren und spielt dann möglicherweise eine bessere Saison als der vfl nächstes jahr. für mich ist das nur kommerz mit der Relegation. mit sportlicher fairness hat das überhaupt nix mehr zu tun, wie die Statistik offenlegt.
Einweckglas 17.05.2018
4. Auf das die Statistiken diesesmal versagen ...
Druecke Kiel alle Daumen! Bier steht bereit! :-)
Druecke Kiel alle Daumen! Bier steht bereit! :-)
cmann 17.05.2018
5. Wenn die DFL
Konsequent wäre würde sie zu der früher geübten Praxis zurückkehren und die Relegationsspiele abschaffen. Es kann dann durchaus sein, das der dritte der zweiten Liga (wenn es drei Aufsteiger gäbe) stets als erster Absteiger [...]
Konsequent wäre würde sie zu der früher geübten Praxis zurückkehren und die Relegationsspiele abschaffen. Es kann dann durchaus sein, das der dritte der zweiten Liga (wenn es drei Aufsteiger gäbe) stets als erster Absteiger gehandelt wird. Sinnvoller wäre da die "einfache Lösung" ; "zwei runter, zwei rauf" keine Relegation, ein sauberer Schnitt! Die Benachteiligung der Zweitligisten ist doch nicht weg zu Leugnen. So könnten sich alle Ligen auf eine derartige Regelung einstellen und Tragödien wie seinerzeit beim Spiel KSC gegen HSV oder Darmstadt gegen Aue würden vermieden.

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