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Sport

Charmeoffensive des DFB-Team

Wir sind's, eure Nationalspieler

Schulbesuch, Kinder-Pressekonferenz, Selfies mit Stars: Die Nationalmannschaft gibt sich in diesen Tagen demonstrativ Fan-nah. Wie notwendig das ist, zeigt sich beim Ticketverkauf für die Länderspiele.

Bongarts/Getty Images

Serge Gnabry beim Selfie

Von
Mittwoch, 14.11.2018   13:39 Uhr

Dass sich die Nationalmannschaft mit dem Gegner befasst, ist vor Länderspielen normal. Vor der Partie gegen Russland in Leipzig (Donnerstag 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kämpft das DFB-Team allerdings gegen einen besonderen Kontrahenten: gegen sich selbst. Das bisherige Länderspieljahr war ein Desaster für die Mannschaft, das Renommee des deutschen Vorzeigeteams hat bei der WM in Russland extrem gelitten, das Image ist schlecht wie seit vielen Jahren nicht.

Und so schwirren dieser Tage beim DFB-Team ganz andere Worte durch die Luft als Dreierkette oder Umschaltspiel. Vielmehr ist von Annäherung die Rede, von Charmeoffensive, auch von Wiedergutmachung. Die Mannschaft versucht, das Bild von der abgehobenen Marketingcombo zu korrigieren. Am Dienstag ging es in eine Leipziger Oberschule zu dem, was DFB-Manager Oliver Bierhoff womöglich als "Meet and Greet" bezeichnen würde. Abends schaute eine Spielerdelegation dann beim Amateurverein SV Lindenau vorbei und nahm an einer Trainingseinheit mit den Kindern teil.

Und selbst das Allerheiligste des DFB-Teams, das Ausschließen der Medien vom Training nach den 15 Anfangsminuten, wurde in Leipzig aufgeweicht. Die Journalisten hatten ein paar Augenblicke die Gelegenheit, den Spielern beim Trainingsbetrieb zuzusehen und nicht nur wie sonst beim banalen Aufwärmprogramm.

Keine Smartphones beim Mittagessen

Die Botschaft ist klar: "Wir machen uns Gedanken darüber: Wie können wir wieder mehr in Kontakt zu unseren Fans kommen, vor allem zu den Kindern", sagte Bierhoff. Also durften Kinder bei der Pressekonferenz in der Schule ihre Fragen stellen, Autogramme und Selfies inklusive. In der "Sportbild" darf Bierhoff ausführlich darlegen, dass die Spieler jetzt beim gemeinsamen Mittagessen auf ihre Smartphones verzichten. Diese Regel hätten sich die Spieler "selbst erarbeitet".

DPA

Unten Schulkinder, oben Nationalspieler

Demut ist das Wort der Stunde, und wie es sonst die Marketingmaßnahmen mit den Sponsoren waren, geschieht auch dies wieder möglichst plakativ. Damit auch alle sehen: Wir haben verstanden. Zu den Terminen werden neben Mannschaftskapitän Manuel Neuer und dem Gute-Laune-Onkel Thomas Müller mit Vorliebe die jungen Spieler geschickt: Serge Gnabry, Leroy Sané, Julian Brandt. Auch das soll ein Signal ein: Wir setzen auf die Zukunft.

Die Vergangenheit sah anders aus: Öffentliche Trainings, Fankontakte - all das war zuletzt auf ein Minimum reduziert, die Zugänge für die Medien weiter verknappt worden. Das ging solange gut und blieb unterm Kessel, solange der sportliche Erfolg da war. Bei der WM, beim Fall Mesut Özil brach das Kartenhaus dann zusammen. Von der heilen Familie Nationalmannschaft, von der Beziehung zwischen Fan und Mannschaft blieb nicht mehr allzu viel übrig.

Mehr als 10.000 Tickets noch unverkauft

Deshalb wird jetzt demonstrativ Gegenpressing betrieben. Wie notwendig das allerdings ist, machen die zwei Länderspiele in Leipzig gegen Russland und am kommenden Montag in Gelsenkirchen deutlich. Beide Partien sind noch weit weg davon, ausverkauft zu werden. In Leipzig liegen mehr als 10.000 Tickets in den Regalen, auf Schalke ist die Größenordnung ähnlich - obwohl es gegen die Niederlande geht, den alten Rivalen und obwohl die Partie sportlich relevant ist: Es geht um den Verbleib in der Topgruppe der Nations League. Das erste Abstiegsspiel der Nationalelf seit Menschengedenken. Der Automatismus Länderspiel = Zuschauermagnet funktioniert nicht mehr.

Bierhoff sagt, man wisse, dass "das am Ende auch mit uns zusammenhängt, weil unsere Leistungen nicht so zufriedenstellend waren". Damit ist allerdings mit der Selbstkritik schon wieder Schluss. So läge es an den späten Anstoßzeiten, "die nicht von uns festgelegt werden, sondern von den Fernsehanstalten in Absprache mit der Uefa". Auch die sportliche so unbedeutende Partie gegen die Russen wird am Donnerstagabend erst um 20.45 Uhr angepfiffen. Der DFB hat allerdings bisher auch wenig Initiative gezeigt, dies zu ändern. Einfluss könnte er ausüben. Das gilt auch für die Ticketpreise, die in Leipzig bei bis zu 80 Euro liegen. "Wir machen uns auch darüber Gedanken", sagt der Manager.

Dass RB Leipzig im Europapokal spiele und somit Fußball häufiger als nur an Bundesliga-Wochenenden in der Stadt zu sehen sei, ist ein zusätzliches Bierhoff-Argument, warum die Leipziger so zögernd beim Kartenkauf sind. Den Grund, dass viele Zuschauer diese zuletzt so durchchoreografierte Nationalelf schlicht satt haben, gerät wieder in den Hintergrund. Es ist eben nicht nur die sportliche Misere, die Fans von der Mannschaft entfernt hat.

Solange Anstoßzeiten und Ticketpreise so bleiben, wie sie sind, müssen es Autogrammstunden und Selfies tun. Und noch etwas habe sich verändert, so Bierhoff in der "SportBild": Man lege wieder Wert darauf, dass die Spieler ihre Trikots nach Spielen und Training richtig gewendet zurückgeben, "aus Respekt gegenüber dem Zeugwart". Die Nationalmannschaft wird umgekrempelt, bei den Trikots fangen sie zumindest schon an.

insgesamt 12 Beiträge
afagus 14.11.2018
1. allein mir fehlt der Glaube...
So lange kein Wille zur ehrlichen Aufarbeitung der Altlasten erkennbar ist, ist die zur Schau gestellte Demut unglaubwürdig. Die Geldtöpfe sind für die aktuellen Funktionäre noch zu gut gefüllt und der Machterhalt zu [...]
So lange kein Wille zur ehrlichen Aufarbeitung der Altlasten erkennbar ist, ist die zur Schau gestellte Demut unglaubwürdig. Die Geldtöpfe sind für die aktuellen Funktionäre noch zu gut gefüllt und der Machterhalt zu attraktiv. Es ist aber gut zu wissen, daß das erlahmte Interesse an der Nationalmannschaft endlich beim DFB registriert wird.
brummer07 14.11.2018
2. Zu spät...
Nachdem mein Sohn beim letzten Test vor der WM in Lev vergeblich nach Spielende (zu familienfreundlichen Zeiten) auf ein paar Spieler (wenigstens die Wechselspieler) gewartet hat, ist die Liebe erkaltet - da kommen solche [...]
Nachdem mein Sohn beim letzten Test vor der WM in Lev vergeblich nach Spielende (zu familienfreundlichen Zeiten) auf ein paar Spieler (wenigstens die Wechselspieler) gewartet hat, ist die Liebe erkaltet - da kommen solche Maßnahmen schlichtweg zu spät. Er hat kein Interesse mehr, sich mit An- und Anreise einen Tag dafür aufzugeben. Selbst die TV Übertragung ist nicht mehr mit sonderlich viel Interesse gesegnet... knapp 10 Jahre Investitionen in die Marke futsch.
luganorenz 14.11.2018
3. Der Jogi soll es Mutti nachmachen
Letztlich ist die Nationalmannschaft sportlich genau dort angelangt, wo Klinsmann und Löw sie nach der EM 2004 übernommen haben. Die einstigen Revolutionäre sind selbst zur Altlast geworden. Ein Zyklus ist zu Ende und es ist [...]
Letztlich ist die Nationalmannschaft sportlich genau dort angelangt, wo Klinsmann und Löw sie nach der EM 2004 übernommen haben. Die einstigen Revolutionäre sind selbst zur Altlast geworden. Ein Zyklus ist zu Ende und es ist Zeit, Platz zu machen. Danke für die schönen Jahre!
konterspieler 14.11.2018
4. Eintrittspreise für die Reichen...!
Es ist schon seit Jahren auffällig, das bei dfb-Länderspielen in Deutschen Stadien das Schweigen herrscht. Sprechchöre, Fangesänge, große Fussballatmosphäre, wie es in früheren Zeiten selbstverständlich war, alles [...]
Es ist schon seit Jahren auffällig, das bei dfb-Länderspielen in Deutschen Stadien das Schweigen herrscht. Sprechchöre, Fangesänge, große Fussballatmosphäre, wie es in früheren Zeiten selbstverständlich war, alles Fehlanzeige. Die heutigen Länderspiele finden meistens vor steriler, stimmungsloser Kulisse statt. Die Frage ist woran das wohl liegt...? Herr Bierhoff & Co. aufgepasst: das liegt an Ihren exorbitant hohen Eintrittspreisen, mit denen der DFB die ärmeren Teile der Bevölkerung von den Spielen ausgeschlossen hat, die eigentlich den ursprünglichen Stamm des Fussballpublikums seit 1900 gestellt haben. Wenn stattdessen jetzt nur noch die gutsituierten Mastercard-"Gold" Inhaber an Fussballkarten kommen, dann sind alle die solche Karten nicht haben und alle, die die viel zu hohen Eintrittspreise nicht bezahlen können, aussen vor und kommen dann irgendwann auch einfach gar nicht mehr. Der Fussball ist dabei mit dieser Abkassierermasche sein originäres, traditionelles Publikum zu verlieren und das war immer das Publikum das die grosse Stimmung in die Stadien brachte und was immer einen großen Anteil an der Attraktivität von Fussballspielen hatte: grosse Kulisse mit großer Atmosphäre vor grossem Spiel. Wenn die über 15 Millionen Armen, die es in Deutschland gibt, sich die überhöhten Ticketpreise nicht mehr leisten können, bleiben die irgendwann ganz weg und ein Fussballstadion verwandelt sich in eine Art Freiichtbühne für "gehobenes Operettenpublikum". Das "Schweigen der Ränge" ist damit programmiert. Hier zeichnet sich die wirkliche Krise des Fussballs ab, die sich da ganz massiv ankündigt. Und wenn der selbstgefällige DFB nicht bald auf die Idee kommt, etwas dagegen zu unternehmen, ist es mit der scheinbar unverwüstlichen Fussballherrlichkeit in Deutschland vorbei, die Nationalelf muss dann immer mehr vor leeren Rängen spielen. Zu negativ? Nein! Ein Ticket für ein Fussballspiel darf nicht mehr als 15 EURO kosten, für Kinder 5 EURO, mehr nicht. Dann kommt auch das ursprüngliche Fussballpublikum wieder und die Atmosphäre ist auch zurück! Geldgier findet der arme Teil der Bevölkerung immer weniger "geil"!
nurEinGast 15.11.2018
5. nun ja
vielleicht liegt es ja nicht nur an der Mannschaft, dem abgehobenen und arroganten Marketing- sondern auch an etwas anderem? Den Ticketpreisen vielleicht? Oder der Verwurstung/ exzessiven Ausbeutung des Themas Nationalmannschaft? [...]
vielleicht liegt es ja nicht nur an der Mannschaft, dem abgehobenen und arroganten Marketing- sondern auch an etwas anderem? Den Ticketpreisen vielleicht? Oder der Verwurstung/ exzessiven Ausbeutung des Themas Nationalmannschaft? Sollte man vielleicht mal drüber meditieren...

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