Schrift:
Ansicht Home:
Sport

EM 2024 in Deutschland

Die Party kommt. Doch zu welchem Preis?

Mit ihrer Entscheidung, die EM 2024 nach Deutschland zu vergeben, geht die Uefa auf Nummer sicher. Aber ist das auch gut für den deutschen Fußball?

AFP

Freudig erregte DFB-Delegation

Von
Donnerstag, 27.09.2018   20:16 Uhr

Es war keine Minute nach der Entscheidung von Nyon vergangen, da hatte DFL-Präsident Reinhard Rauball bereits seine Presseerklärung in die Welt geschickt - mit dem bei solchen Anlässen üblichen "ein guter Tag für den deutschen Fußball". Die Erklärung war natürlich längst vorbereitet gewesen, die Entscheidung der Uefa, die EM 2024 an Deutschland zu vergeben, konnte niemanden überraschen.

"Ich spüre die Verantwortung", sagte DFB-Boss Reinhard Grindel nach dem 12:4-Votum der Uefa-Exekutive. Er dürfte zusätzlich die Erleichterung gespürt haben. Schließlich war der heutige Tag in der Öffentlichkeit auch zu so etwas wie einem Urteil über die Präsidentschaft Grindels gemacht worden. Die EM-Bewerbung war Chefsache beim DFB - ein Zuschlag für die Türkei wäre ein Rückschlag gewesen, den Grindel im Amt möglicherweise nicht überstanden hätte. "Personaldiskussionen sind überflüssig", befand er nach der Entscheidung. Nichtsdestotrotz gab es sie.

Die Uefa hat sich mit ihrem Votum für die Nummer sicher entschieden. Deutschland hat die Infrastruktur, die Stadien werden unter Garantie voll sein. Zudem ist die Nachnutzung der Arenen in allen Fällen gewährleistet. Weiße Elefanten, also Stadien, die wie Fremdkörper nach dem Turnier ungenutzt in der Gegend herumstehen und ihrem Verfall entgegendämmern, gibt es in der Ukraine oder in Brasilien, in Deutschland wird es sie nicht geben. International genießt man zudem immer noch den Ruf eines Landes, das organisieren kann.

Klicken Sie auf die markierten Stadien

Das Exekutivkomitee hat sich zudem die Debatte erspart, ob man ein Turnier in ein Land vergeben kann, in dem sich die Menschenrechtsfrage stellt. Sie wäre unvermeidlich entbrannt, hätte man die Ausrichtung einer Europameisterschaft dem Präsidialsystem Erdogans anvertraut. Bisher haben sich die internationalen Fußballfunktionäre zwar nicht vorrangig um Menschenrechtsthemen geschert. Und man darf schon darüber spekulieren, ob die Entscheidung auch so ausgefallen wäre, wenn die Türkei nicht in Währungsturbulenzen geraten wäre. In Deutschland dagegen kann die Uefa sicher sein, dass sie finanziell am Ende mit einem Plus herausgeht.

Menschenrechtsdebatte bleibt der Uefa erspart

Aber zumindest taucht das Thema Meinungs- und Pressefreiheit im Evaluierungsbericht der Uefa zu den EM-Bewerbern als Minuspunkt für die Türkei auf, das hätte es früher nicht gegeben. Die Hoffnung, die Vergabe eines sportlichen Großereignisses könnte dazu beitragen, die Härten eines Regimes aufzuweichen, haben sich ohnehin mittlerweile als Illusion erwiesen, ob in China oder in Russland. Katar wird das nächste Beispiel sein.

Fotostrecke

EM 2024 in Deutschland: In diesen Stadien rollt der Ball

In Deutschland jubeln die Offiziellen, Bundesinnenminister Horst Seehofer spricht von einem "tollen Erfolg", Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge stellt fest: "Das wird dem deutschen Fußball sicherlich gut zu Gesicht stehen". Überhaupt ist der Tenor eindeutig und war schon in den Vortagen überall aus der Bundesliga zu hören: Diese Entscheidung, so BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke stellvertretend, werde "dem Fußball in Gänze gut tun".

Müssen die Amateure leiden?

Das muss sich allerdings erst noch zeigen. Die Gefahr besteht jedenfalls, dass beim DFB in den kommenden Jahren so gut wie alles auf das "Leuchtturmprojekt" EM 2024 ausgerichtet wird. Was dann beim Verband noch übrig bleibt an Ressourcen, wird auf den Aufbau der Akademie ausgerichtet. Ob die Amateure, der Frauenfußball, ob Anti-Rassismus-Projekte - nach dem Fall Özil wichtiger denn je - oder Integrationsfragen dann noch hochgehandelt werden, darf man bezweifeln.

Man wolle "ein riesengroßes Fest mit ganz Europa feiern", hat Delegationsleiter Philipp Lahm, ab sofort OK-Chef der EM, gesagt. Die Assoziation mit dem Sommermärchen 2006 fällt nach den SPIEGEL-Enthüllungen zur WM-Affäre nicht mehr so ungezwungen und locker aus. Sportliche Großprojekte haben ihren Glanz schließlich eingebüßt, in Deutschland, aber auch anderswo. Zu oft und zu sehr sind sie mittlerweile untrennbar mit Gigantismus, Korruption, Bausünden, Kommerz-Overkill und Vetternwirtschaft verknüpft. Von EM-Fieber war denn auch rund um die Entscheidung im Lande noch nichts zu spüren. Freude ja, Euphorie nein. Das muss nichts Schlechtes sein.

Joachim Löw, der nach Nyon mitgereist war und die Bewerbung dem Exekutivkomitee gemeinsam mit Lahm vorgestellt hatte, sagte anschließend: "Jetzt sind wir sehr glücklich." Wann hat er das in diesem Jahr schon einmal sagen können?

insgesamt 51 Beiträge
giggs1999 27.09.2018
1.
Dank cleverem Marketing war die WM 2006 ein Sommermärchen und wird idyllisch verklärt. Demnächst folgt dann die Fortsetzung, die Mehrzal der Tickets geht an Sponsoren und der "Fan" trägt das kleine Schwarze zum [...]
Dank cleverem Marketing war die WM 2006 ein Sommermärchen und wird idyllisch verklärt. Demnächst folgt dann die Fortsetzung, die Mehrzal der Tickets geht an Sponsoren und der "Fan" trägt das kleine Schwarze zum Deutschland-Schal. Freut euch, worauf auch immer.
brooklyner 27.09.2018
2.
Ach Deutschland wieder. Während jedes andere Land der Welt im Taumel wäre, kommt hier wieder der deutsche Bedenkenträger an. Face it, auch andernorts weiss man um die Korruption bei solchen Ereignissen, aber man macht trotzdem [...]
Ach Deutschland wieder. Während jedes andere Land der Welt im Taumel wäre, kommt hier wieder der deutsche Bedenkenträger an. Face it, auch andernorts weiss man um die Korruption bei solchen Ereignissen, aber man macht trotzdem ein schönes Fest daraus.
aurichter 27.09.2018
3. Hoffen durfte man
nach den ganzen Ereignissen der letzten Monate. Dass es nun doch geklappt hat, ist sehr erfreulich, gerade auch auch Zeichen - zumindest von der UEFA - dass das Thema Menschenrechte (von den andere negativen Vorkommnissen will ich [...]
nach den ganzen Ereignissen der letzten Monate. Dass es nun doch geklappt hat, ist sehr erfreulich, gerade auch auch Zeichen - zumindest von der UEFA - dass das Thema Menschenrechte (von den andere negativen Vorkommnissen will ich gar nicht erst anfangen) wirklich auch dabei Beachtung findet. Herr Infantino sollte daraus für den Korruptionsstadl FIFA entsprechende Konsequenzen ziehen, wobei der Überredungsgrad bei diesen Executi Mitgliedern noch "billiger" anzusiedeln ist. M.E. ein Erfolg der UEFA in vielerlei Hinsicht. Für die Fußballfans in der Türkei, die mit der Politik auch nichts am Hut haben, tut es mir Leid, aber der Dank sollte an Erdogan gehen.
dergenervte 27.09.2018
4. German Angst
Die EM ist erst in 6 Jahren. Aber schon kommen die Bedenkenträger aus den Startlöchern. Ich sage dazu nur: "Haltet die Klappe". Vor der WM 2006 lag die Nationalmannschaft am Boden und was ist die WM für eine Party [...]
Die EM ist erst in 6 Jahren. Aber schon kommen die Bedenkenträger aus den Startlöchern. Ich sage dazu nur: "Haltet die Klappe". Vor der WM 2006 lag die Nationalmannschaft am Boden und was ist die WM für eine Party gewesen. Warum verdammt noch einmal soll es nicht wieder so funktionieren? Anscheinend gibt es immer wieder jemanden, der immer in allem ein Haar findet. Dabei sollten es alle jetzt als Aufgabe sehen Deutschland wieder zu einem weltoffenen Land zu machen. Ohne falschen Nationalismus und falschen Ängsten. Wenn es alle wollen wird es auch gelingen, think positiv.
cave68 27.09.2018
5.
genauso wenig wie das Wort German Angst ist das gegenteil hier angebracht. Deutschland ist natürlich aufgrund der vorhandenen Infrastruktur wesentlich besser geeignet als die meisten anderen Länder aber so wie es manch [...]
Zitat von dergenervteDie EM ist erst in 6 Jahren. Aber schon kommen die Bedenkenträger aus den Startlöchern. Ich sage dazu nur: "Haltet die Klappe". Vor der WM 2006 lag die Nationalmannschaft am Boden und was ist die WM für eine Party gewesen. Warum verdammt noch einmal soll es nicht wieder so funktionieren? Anscheinend gibt es immer wieder jemanden, der immer in allem ein Haar findet. Dabei sollten es alle jetzt als Aufgabe sehen Deutschland wieder zu einem weltoffenen Land zu machen. Ohne falschen Nationalismus und falschen Ängsten. Wenn es alle wollen wird es auch gelingen, think positiv.
genauso wenig wie das Wort German Angst ist das gegenteil hier angebracht. Deutschland ist natürlich aufgrund der vorhandenen Infrastruktur wesentlich besser geeignet als die meisten anderen Länder aber so wie es manch Funktionär hier ausmalt,dass Deutschland (oder auch jedes andere Land)wirtschaftlich,sportlich oder sonstwie nachhaltig von solch einer Veranstaltung profitiert halte ich für ebenso völlig übertrieben. Bedenken habe ich weniger darum,dass es eine tolle Party wird sondern,dass solch eine Party die Probleme des Fussballs auch hierzulande (explodierende Gehälter,Verschuldung vor allem der Amateurvereine,etc.)überdeckt und eben in Grössenwahn endet eben weil man sich einen Boom verspricht der so im nachhinein nicht kommen wird.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP