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Sport

Fußball-WM und Politik

Schweigen oder reden

Vor 40 Jahren reiste die deutsche Nationalmannschaft zur WM in ein Land der Militärdiktatur und ignorierte Folter und staatliche Willkür. 2018 steht wieder ein politisch schwieriges Turnier bevor. Hat der DFB dazugelernt?

picture-alliance/ dpa

Die Schmach von Cordoba

Von
Mittwoch, 13.06.2018   11:35 Uhr

Dieser Tage tut man gut daran, sich an einen toten Hund zu erinnern.

Viel wird derzeit darüber geredet, wie sich Fußballer und Fußballfunktionäre verhalten sollen, wenn sie zu einer WM in ein Land reisen, das autoritär regiert wird. Manchmal hilft bei so einer Debatte der Blick zurück. Genau 40 Jahre. Um zu sehen, wie es ist, wenn ein Regime den Fußball für seine Zwecke einspannt und (fast) alle dazu schweigen.

Toter Hund - das war die Übersetzung aus der Sprache der indigenen Bevölkerung für das deutsche WM-Quartier bei der Fußball-WM 1978 in Argentinien. Ascochinga, toter Hund. Was passend war, weil die Nationalspieler in einer Einöde nahe der Großstadt Córdoba untergebracht waren. Der ZDF-Reporter Rolf Kramer erinnerte sich später, dass es dort noch nicht einmal ein Geschäft gab, wo man etwas einkaufen konnte.

Toter Hund - das war darüber hinaus aber auch ein symbolischer Titel für eine WM in einer bleiernen Zeit. Argentinien war Ende der Siebzigerjahre eine brutale Militärdiktatur. Menschen verschwanden spurlos. Oppositionelle wurden gefoltert, sie wurden aus Hubschraubern ins Meer geworfen, bis heute ist nicht vollständig geklärt, wie viele Menschen damals starben. Es waren vermutlich Zehntausende.

Neuberger fand nichts Verwerfliches an der Junta-WM

Dort ein Fußballfest abzuhalten - eigentlich undenkbar, doch die Fifa und die Verbände in den Ländern hatten damals noch weit weniger Skrupel als heute, und das heißt schon etwas. Die DFB-Delegation unter Leitung des Präsidenten Hermann Neuberger reiste als amtierender Weltmeister an, das Wort des Titelverteidigers hätte Gewicht gehabt im Weltfußball, aber Neuberger und Co. fanden offenbar nichts Verwerfliches daran, in einem Land Fußball zu spielen, das Menschen aus Flugzeugen herauswirft.

AFP

Argentiniens Machthaber Videla (r.)

Schon ein Jahr zuvor hatte der DFB eine Testspielreihe in Lateinamerika absolviert, in Argentinien gewann die Mannschaft 3:1. Dass gleichzeitig die deutsche Studentin Elisabeth Käsemann in einem Folterkeller der Junta saß, war der DFB-Spitze durchaus bekannt. Man sagte nichts, man unternahm nichts, Käsemann wurde von den Militärs umgebracht. Erst als sie tot war, erfuhr die Mannschaft davon.

Stattdessen empfing der Verband 1978 kurz nach der Ankunft in Ascochinga den früheren Wehrmachtsoberst Hans-Ulrich Rudel. Rudel, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg nach Südamerika abgesetzt hatte und dort in einem Netzwerk alte Nazis um sich geschart hatte, die immer noch von der deutschen Weltmacht träumten und die die lateinamerikanischen Generäle darin berieten, wie man politische Gegner ausschaltet. So einer war Gast der Nationalmannschaft. Das stelle man sich heute vor.

Bis heute ist nicht ganz klar, auf wessen Einladung Rudel beim DFB auftauchte. Neuberger meinte, Kritik an dem Besuch käme "einer Beleidigung aller deutschen Soldaten gleich". Ein paar Reporter griffen das Thema auf, nach ein paar Tagen herrschte wieder Ruhe im toten Hund. Dass Deutschland später in der Zwischenrunde als gerechte Strafe gegen Österreich verlieren sollte, ging als "Schmach von Córdoba" in die Fußballgeschichte ein. Man hätte so aber auch den Umgang des DFB mit der Junta nennen können.

Russland ist nicht Argentinien

Russland 2018 ist nicht Argentinien 1978, der WM-Gastgeber von heute ist kein Folterstaat, in dem jede Kritik einem Todesurteil gleichkommen kann. Die Parallelen kann man eher auf einer anderen Ebene ziehen. Wieder ist Deutschland als Weltmeister ein einflussreiches Mitglied im Weltfußball, wieder geht es um die Frage: Wie mündig sollte und darf ein Fußballer sein, wenn es um die Beschäftigung mit politischen Missständen geht? Was tut der Verband, um sich für Menschenrechte einzusetzen?

Getty Images

Weltmeister Argentinien

Das Mantra des DFB hieß 1978: "Man sollte versuchen, den Sport so unpolitisch wie möglich zu halten." Das ist ein Zitat von Helmut Schön. Ganz frei von dieser Denke ist der Verband auch heute noch nicht. Der verdruckste Umgang mit der Erdogan-Affäre um Ilkay Gündogan und Mesut Özil hat das ebenso gezeigt wie die krampfhaften Bemühungen, die WM in Russland vor allem als fröhliches Fußballfest zu sehen.

DFB-Boss Reinhard Grindel, der sich als ehemaliger Bundestagsabgeordneter der politischen Dimension der WM jederzeit bewusst ist, twitterte am Montag: "Ich freue mich, dass uns so viele Fans in Russland unterstützen werden. Das WM-Fieber steigt, und wir sollten jetzt alle den Fußball in den Mittelpunkt stellen." Und Manager Oliver Bierhoff hat beim DFB-Trainingslager in Südtirol betont: "Politische Probleme müssen auf anderer Ebene gelöst werden."

Berti Vogts hat in seiner Eigenschaft als damaliger Kapitän der Mannschaft den berühmten Satz gesagt: "Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen." Viele Jahre später hat er sich erschüttert vom Fall Käsemann gezeigt und davon, wie der DFB mit Neuberger an der Spitze damals dieses Thema unter den Tisch hat fallen lassen. Jeder kann eben dazulernen.

insgesamt 12 Beiträge
fmar 13.06.2018
1. Berti Vogts
Das Zitat "Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen" war ein komplett absurdes Statement. Zum Glück für Vogts hat er sich offenbar später noch vernünftiger zur damaligen Situation Argentiniens [...]
Das Zitat "Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen" war ein komplett absurdes Statement. Zum Glück für Vogts hat er sich offenbar später noch vernünftiger zur damaligen Situation Argentiniens geäussert.
modemhamster 13.06.2018
2. Den DFB
alleine verantwortlich machen zu wollen, greift zu kurz. In Argentinien stannd auch die Wahl der Fernsehnorm für Farbfernsehen an. Beim falschem Verhalten hätte möglicherweise PAL nicht das Rennen gemacht. Die Dokumentation [...]
alleine verantwortlich machen zu wollen, greift zu kurz. In Argentinien stannd auch die Wahl der Fernsehnorm für Farbfernsehen an. Beim falschem Verhalten hätte möglicherweise PAL nicht das Rennen gemacht. Die Dokumentation über Elisabeth Käsemann zeigt aber auch das widerwärtige Verhalten des deutschen diplomatischen Corps und der ach so tollen Aussenministers Genscher in der Sache. Die Fußballer sind damals einfach nur dumm gehalten worden. Auch wenn ich Paul Breitner nicht mag, ihm traue ich genügend Unangepasstheit zu, den Mund auf zu machen. Aber selbst er sagt in dieser Dokumentation, dass den Fussballern Fakten vorenthalten wurden. Die moralischen Verbrecher saßen woanders.
charlybird 13.06.2018
3. Der DFB
war zu der Zeit auch durch H. Neuberger noch ziemlich braun bekleckert, wie viele Vereine und Verbände, und die ''Oberst Rudel Aktion'' war der Witz und eine Frechheit schlechthin. Berti Vogts' Kommentar ist ja [...]
war zu der Zeit auch durch H. Neuberger noch ziemlich braun bekleckert, wie viele Vereine und Verbände, und die ''Oberst Rudel Aktion'' war der Witz und eine Frechheit schlechthin. Berti Vogts' Kommentar ist ja hängengeblieben, aber genauso dusselig war die Äußerung von Mann Kaltz, die in etwa den Inhalt hatte, dass er dort Fußball spielen wolle, ihn das Foltern nicht belaste und er andere Sorgen habe. Die Niederländer haben übrigens den argentinischen Nazis den Handschlag beim Finale verweigert. Breitner hat das für die NM auch gefordert, aber Neuberger hat das verboten und die Niederländer dafür harsch kritisiert. Da war er halt immer noch, der lange Arm der bitteren deutschen Geschichte. Und nebenbei, zu den rückgratstärksten Organisationen gehört der DFB und was da dran hängt heute noch nicht. Immer wieder aufs neue für keine Überraschungen gut.
!!!Fovea!!! 13.06.2018
4. In einem Kommentar
soll H. Schön im Vorfeld der `78er WM über seine Mannschaft gesagt habe, dass die "satt sind und mit Sicherheit den Titel nicht holen...." Mit oder ohne Militätjunta und deutsche Gefangene, ich glaube, das wird [...]
soll H. Schön im Vorfeld der `78er WM über seine Mannschaft gesagt habe, dass die "satt sind und mit Sicherheit den Titel nicht holen...." Mit oder ohne Militätjunta und deutsche Gefangene, ich glaube, das wird wohl der Hauptgrund gewesen sein, warum Deutschland gegen Österreich unterging...
palerider78 13.06.2018
5. Es ist egal,
wo eine WM statt findet. Die FIFA würde ihr Spektakel jederzeit rücksichtslos durchziehen. Solange die Verbände, Medien und die Öffentlichkeit Beachtung schenken, wird es auch genau so weitergehen. Viel Spass in 4 Jahren [...]
wo eine WM statt findet. Die FIFA würde ihr Spektakel jederzeit rücksichtslos durchziehen. Solange die Verbände, Medien und die Öffentlichkeit Beachtung schenken, wird es auch genau so weitergehen. Viel Spass in 4 Jahren in der Wüste!

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