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Sport

Spaniens neuer WM-Trainer

"Nicht in zwei Tagen einreißen, was in zwei Jahren aufgebaut wurde"

Die Nachricht kam in Spanien als "Erdbeben" an: Bald-Real-Trainer Lopetegui entlassen, neuer Nationaltrainer Fernando Hierro, bisher Sportdirektor. Der Plan: So wenig ändern wie möglich.

REUTERS

Neu-Coach Fernando Hierro und Verbandschef Luis Rubiales

Mittwoch, 13.06.2018   19:06 Uhr

Frisch einkleiden musste man Fernando Hierro wohl nicht vor seiner ersten Pressekonferenz im neuen Amt. Hierro betrat das Podest im Teamquartier in Krasnodar in einem grauen Polohemd mit dem Wappen des Verbandes, das er auch schon als dessen Sportdirektor im Schrank hängen gehabt haben dürfte. Nun ist er für die Dauer der WM Trainer der spanischen Nationalmannschaft.

Begleitet wurde Interimscoach Hierro vom Präsidenten des spanischen Fußballverbandes RFEF, Luis Rubiales, selbst erst seit Mai im Amt. Aber der ehemalige Linksverteidiger von UD Levante hatte durchgegriffen nach Bekanntwerden des geplanten Wechsels von Julen Lopetegui zu Real Madrid: Er entließ Lopetegui - zwei Tage vor Spaniens erstem Spiel, gleich gegen Portugal (Freitag 20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Auch Ramos konnte Lopetegui nicht retten

Es ist "ein Erdbeben", kommentierten die Sportzeitungen in Spanien praktisch gleichlautend den in der WM-Geschichte wohl einmaligen Vorgang. "Es ist nicht die beste Lösung, aber man darf mir nicht in den Rücken fallen. Nach allem, was passiert ist, konnten wir nicht anders handeln", sagte Rubiales am Mittwoch bei der Verkündung seiner Entscheidung.

Er betonte, der Verband RFEF sei nicht in die Verhandlungen involviert gewesen, diese Art des Vorgehens könne er nicht dulden. Offenbar hatte Real den Verbandschef überrumpelt. "Ich kann mich nicht auf einen Anruf fünf Minuten vorher einlassen", sagte Rubiales. Lopetegui, der seinen Vertrag erst im Mai bis 2020 verlängert hatte, machte von einer Ausstiegsklausel Gebrauch. Real zahlt dem Verband zwei Millionen Euro Ablöse.

Im Gegensatz zu Rubiales wusste Sergio Ramos wohl Bescheid: Der Kapitän von Real und der Nationalmannschaft soll seinen Segen zu der Verpflichtung von Lopetegui gegeben haben, allerdings konnte er seinen neuen Klubtrainer nicht vor dem Rauswurf bei der Roten Furie retten.

Schon bei seiner Ankunft im spanischen WM-Quartier hatte der wütende Verbandschef Lopetegui feuern wollen, auch eine Mini-Meuterei der Spieler um Ramos am Dienstag stimmte ihn nicht um. Nach der Entscheidung rief Ramos Spaniens Anhänger in einem Tweet voller Pathos zur Einigkeit auf: "Wir sind die Selección, wir repräsentieren das spanische Wappen, die Farben, die Fans, das Land. Die Verantwortung und die Verpflichtung sind mit euch und für euch. Gestern, heute und morgen, gemeinsam. #VamosEspaña"´.

Bass erstaunt reagierte auch Bundestrainer Joachim Löw auf die Entwicklung beim Rivalen. "Das kam für mich völlig unerwartet. Dass so eine Entscheidung zwei Tage vor dem ersten Spiel der Mannschaft getroffen wird, ist ein Hammer", sagte Löw am Mittwoch im WM-Quartier des Weltmeisters in Watutinki. Dies sorge "mit Sicherheit für unnötige Unruhe innerhalb des Verbandes und wohl auch der Mannschaft".

Aus der "Segunda" nach Sotschi

Lob für den Verbandspräsidenten kam hingegen vom früheren spanischen Nationalspieler Xavi Hernández. "Rubiales hat sehr gut reagiert", wurde der Weltmeister von 2010 am Mittwoch in der Onlineausgabe der Sportzeitung "Marca" zitiert. Er habe "zu Recht die Interessen des Verbandes verteidigt, der wichtiger als alle Personen" sei, so Xavi.

"Notnagel" Fernando Hierro hat die spontane Übernahme des Postens des spanischen Fußball-Nationaltrainers als "wunderbare Herausforderung" bezeichnet. In seiner ersten Pressekonferenz sagte er, die Vorfälle der vergangenen zwei Tage würden ihn in seiner Arbeit nicht beeinflussen: "Mein Job ist Portugal, dann kommt der nächste, dann der nächste. Wir werden an nichts anderes denken als an die WM."

Nach dem "Erdbeben" stand für Hierro im Mittelpunkt, die Kontinuität im spanischen Team zu betonen: Man könne nicht in zwei Tagen einreißen, was in zwei Jahren aufgebaut wurde. "Die Vergangenheit ist Vergangenheit, wir müssen positiv denken. Der Tag war nicht einfach, aber die Jungs sind professionell und Sportler", sagte der 50-Jährige. "Die Spieler sind gewohnt, dass Trainer kommen und gehen."

Fernando Hierro war in 89 Länderspielen ein eisenharter Verteidiger - und eine Klublegende bei Real Madrid. Dort begann er auch seine Trainerkarriere - als Assistenztrainer unter Carlos Ancelotti. Verantwortlich trainierte er in der Saison 2016/2017 den Zweitligisten Real Oviedo (Platz acht), bevor er zurück íns Amt des Sportdirektors beim Verband wechselte. Aus der "Segunda" nach Sotschi, zum WM-Hit gegen Portugal - welch ein Sprung!

Die Frage ist, ob es Interimscoach Hierro gelingt, die möglicherweise wieder aufreißenden Gräben zwischen den Spielern von Real und des FC Barcelona zu schließen. Bereits die Nachricht von Lopeteguis Wechsel sei bei der Mannschaft "nicht gut angekommen - außer bei den Spielern von Real", schrieb die Zeitung "Sport".

Den scheidenden Nationaltrainer Lopetegui fing die spanische Presse am Flughafen ab. "Ich bin sehr traurig", sagte er, lobte aber das Team und fügte an: "Ich hoffe, wir gewinnen die Weltmeisterschaft."

feb/SID/dpa/AP

insgesamt 17 Beiträge
RalfHenrichs 13.06.2018
1. Hasta la vista, Espana!
Hatte Spanien im Halbfinale gesehen. Denke jetzt an ein Aus in der Vorrunde. Natürlich sagt sich jetzt leicht: die Spieler haben das Fussballspielen ja nicht verlernt und werden nicht als Hühnerhaufen über den Platz schleichen. [...]
Hatte Spanien im Halbfinale gesehen. Denke jetzt an ein Aus in der Vorrunde. Natürlich sagt sich jetzt leicht: die Spieler haben das Fussballspielen ja nicht verlernt und werden nicht als Hühnerhaufen über den Platz schleichen. Dennoch Hierro wird die Autorität (z.B. bei Auswechslungen, überraschenden Taktiken) fehlen. Und Überraschungen gibt es bei einer WM immer. 2014 war Spanien in der Vorrunde (bei besserer Verfassung) auch nur 3., Italien 3. und England 4. Und das Chaos von Frankreich 2010 hat jeder wohl noch in Erinnerung. Ein Team ist ein sensibles Gebilde. Natürlich bin ich kein Prophet und bei einem Sieg gegen den Europameister im ersten Spiel könnte es ganz anders kommen und es heißt am Ende, dass dieses nun nötige Zusammenraufen ein Erfolgsfaktor war. Aber ich rechne eher mit einer Niederlage und dann einem weiteren Zerfall. Gut für das deutsche Team, aber die müssen denke ich auch erst einmal das Achtelfinale gegen Brasilien überstehen.
Nonvaio01 13.06.2018
2. wahnsinn
ich denke damit ist Spanien raus.
ich denke damit ist Spanien raus.
roninger2000 13.06.2018
3. Wer braucht
schon einen Coach? Der Kapitän schreibt elf Namen auf den Spielbogen u. dann geht’s los. Spanien hat eine überragende Qualität. Wenn die Spieler das wollen können sie wieder Weltmeister werden. ¡Vamos España!
schon einen Coach? Der Kapitän schreibt elf Namen auf den Spielbogen u. dann geht’s los. Spanien hat eine überragende Qualität. Wenn die Spieler das wollen können sie wieder Weltmeister werden. ¡Vamos España!
loquuntursaxa 13.06.2018
4. Unter Druck arbeiten
Deswegen weil die Epik es verlangt Nuss erstmals Spanien gegen Portugal gewinnen, dann sind alle Gespenster vorbei. Ich sah eher Spanien zu vertrauensvoll und das mag nicht die beste Stimmung sein wenn man gegen den [...]
Zitat von Nonvaio01ich denke damit ist Spanien raus.
Deswegen weil die Epik es verlangt Nuss erstmals Spanien gegen Portugal gewinnen, dann sind alle Gespenster vorbei. Ich sah eher Spanien zu vertrauensvoll und das mag nicht die beste Stimmung sein wenn man gegen den portugiesischen Löwen spielt.
SK3112 13.06.2018
5. Merkwürdig
Verstehe das, wer will: wieso hält Real nicht noch ein paar Wochen dicht bis nach der WM? Hätte es sich um einen nicht-spanischen Club gehandelt, möchte man an gezielte Indiskretion glauben. Aber was hat Real davon?
Verstehe das, wer will: wieso hält Real nicht noch ein paar Wochen dicht bis nach der WM? Hätte es sich um einen nicht-spanischen Club gehandelt, möchte man an gezielte Indiskretion glauben. Aber was hat Real davon?

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