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Sport

WM und Moral

Anpfiff verschoben

Korruption in der Fifa, Spieler hinterziehen Steuern, und die WM in Russland, wo Andersdenkende drangsaliert werden. Darf man sich da überhaupt an den Spielen erfreuen?

Getty Images

Deutsche Fußballfans

Ein Kommentar von
Donnerstag, 14.06.2018   14:30 Uhr

So, die Bratwurst liegt schon auf dem Grill, das Bier ist schön kalt, und der TV-Empfang ist kristallklar. Das Stickeralbum ist fast vollständig, Messi fehlt noch und der verdammt seltene DFB-Glitzersticker, aber das soll uns jetzt nicht kümmern. Sie kann endlich beginnen, die Fußball-WM.

Bleibt nur noch eine kleine Frage, aufgeschoben bis zuletzt: Darf man sich daran überhaupt freuen?

Denn wir sind ja nicht blöd, blind oder taub, und deshalb muss doch jeder und jedem klar sein: So einfach mal den Kopf ab- und das Eröffnungsspiel einschalten, das geht eigentlich nicht. Zu vieles läuft falsch. Und bevor Sie jetzt das erste Bier aufmachen, müssen Sie da leider noch mal durch.

Da wäre zum Beispiel das Gastgeberland. Wladimir Putin regiert Russland wie ein Zar, eine echte demokratische Opposition ist dabei nicht vorgesehen. Kritiker seiner Politik können entweder den Mund halten oder müssen damit rechnen, im Gefängnis zu landen. Selbst der deutsche Dopingexperte Hajo Seppelt reist lieber erst gar nicht nach Russland, weil er Sorge haben muss, sich wegen seiner unbotmäßigen Berichterstattung in Haft wiederzufinden.

Nur mit Putins Unterstützung konnte Bashar al-Assad den Bürgerkrieg in Syrien für sich entscheiden, mit russischer Militärhilfe hat er die eigene Bevölkerung bombardiert. Zwar hat der US-Präsident Putin gerade am Rande des G7-Gipfels quasi Absolution erteilt für die völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die fortgesetzte Unterstützung der Rebellen in der Ostukraine - aber beides bleibt doch Unrecht. Und es bleibt auch der begründete Verdacht, dass Russland nicht nur die Wahlen in den USA manipuliert hat, sondern auch weiterhin versucht, mit Hackerangriffen und Kampagnen in sozialen Netzwerken westliche Demokratien zu destabilisieren.

Und machen wir uns nichts vor: Selbst wenn die WM in einem demokratischen Musterstaat ausgetragen würde, handelte es sich dabei immer noch um eine Veranstaltung der Fifa, einer Organisation also, in der Bestechung und Geldgier womöglich noch weiter verbreitet sind als die Liebe zum Fußball.

Und manche Spieler, die hier für ihre Herkunftsländer auflaufen, nehmen es, wie wir wissen, häufig nicht so genau mit ihrer Vaterlandsliebe, wenn es ums Bezahlen von Steuern geht - ihren Beitrag für die Allgemeinheit vermeiden viele dieser Stars gern. Vielleicht kann man ihnen das gar nicht verdenken, sind sie doch, je besser sie spielen, umso weniger verwurzelt: Ihre Heimat ist kein Land mehr, es ist der Verein, der am meisten zahlt, egal wo, egal wer. Vertreter ihrer Völker sind solche globalen Ein-Mann-Sportkonzerne längst nicht mehr, ihre Lebensrealität und ihr Bankkonto sind Lichtjahre entfernt von jenen ihrer Fans.

Das ist paradox und schizophren und geht vollkommen in Ordnung

Kann man sich also, wenn man all das weiß, trotzdem vor das Fernsehgerät setzen und seufzend der russischen Hymne vor dem Eröffnungsspiel lauschen, die ja unbestritten eine der schönsten Hymnen der Welt ist? Darf man sich an einem Spielzug von, zum Beispiel, Lionel Messi erfreuen, wenn man weiß, dass er ein vorbestrafter Steuerhinterzieher ist, bereits eine Millionenstrafe zahlen musste, und dessen Geld sich in einem komplizierten Geflecht von Stiftungen verfüchtigt? Eigentlich kann man nicht. Trotzdem werden wir es tun.

Das ist paradox, schizophren, und wissen Sie was? Das geht vollkommen in Ordnung. Denn anders wäre das Leben, wäre diese kaputte Welt überhaupt nicht mehr zu ertragen. Man kann nicht gesund bleiben und einigermaßen klar im Kopf, wenn man sich jeden Tag, jede Minute mit dem Unrecht und Leid und den Verbrechen beschäftigt. Im Gegenteil: Gerade als aufgeklärter Mensch, der sich sorgt und redlich versucht, seinen kleinen Beitrag zu leisten, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen und etwas Anstand in die allgemeine Rempelei, gerade als solcher hat man sich auch mal eine Pause verdient. In den 90 Minuten eines Fußballspiels zählen nur der Ball, die Flanke, die Parade und das Tor. Der Rest ist danach wieder dran.

Gönnen wir uns diese große Pause von der Welt. Davor und danach wird es sowieso wieder ernst genug. Verschieben wir den moralischen Anpfiff, bis der Schlusspfiff verhallt ist. Mögen die Spiele beginnen!

insgesamt 58 Beiträge
sir wilfried 14.06.2018
1. und das Verrückte:
für keinen Zuschauer, der jubelt oder in Tränen ausbricht, hat sich persönlich nach einem Spiel irgend etwas geändert.
für keinen Zuschauer, der jubelt oder in Tränen ausbricht, hat sich persönlich nach einem Spiel irgend etwas geändert.
diplomat_ 14.06.2018
2. Ein guter Leitfaden
Ein überraschender Kommentar, der die Widersprüche unserer Zeit aufzeigt und einen Weg zeigt, die nächsten Fussballwochen zu genießen!
Ein überraschender Kommentar, der die Widersprüche unserer Zeit aufzeigt und einen Weg zeigt, die nächsten Fussballwochen zu genießen!
stoffi 14.06.2018
3. Haare in der Suppe findet man überall, wenn man nur lange genug sucht
Ich bin Fussballfan eines Vereins und der Nationalelf. Ich freue mich, wenn sie fair gewinnen und ärgere mich wenn sie unfair verlieren und das wars auch schon.
Ich bin Fussballfan eines Vereins und der Nationalelf. Ich freue mich, wenn sie fair gewinnen und ärgere mich wenn sie unfair verlieren und das wars auch schon.
hileute 14.06.2018
4. Also ich freu mich
bei der WM geht es hauptsächlich um fußball, das scheint der Kommentator vergessen zu haben. Das politisch in Russland nicht alles so ist wie wir es gerne hätten weiß ich auch, das ist ja bei jeder WM n Thema. Ich freu mich [...]
bei der WM geht es hauptsächlich um fußball, das scheint der Kommentator vergessen zu haben. Das politisch in Russland nicht alles so ist wie wir es gerne hätten weiß ich auch, das ist ja bei jeder WM n Thema. Ich freu mich schon auf den in acht Jahren erscheinenden Bericht, wo sich darüber aufgeregt wird das zu viele Mexikanische Drogenbosse an der WM verdienen
shivas88 14.06.2018
5. Ja genau weiter so^^
Und genau diese Art von Schlussfolgerung findet sich bei vielen anderen, ebenso moralisch fragwürdigen Themen wieder und genau das ist der Grund, warum sich nie was ändern wird! Motto: Soll sich erst das System ändern, bevor [...]
Und genau diese Art von Schlussfolgerung findet sich bei vielen anderen, ebenso moralisch fragwürdigen Themen wieder und genau das ist der Grund, warum sich nie was ändern wird! Motto: Soll sich erst das System ändern, bevor ich mich dazu bequeme. Problem ist dabei nur, dass das System (Z.B. Fifa) keinen Grund hat sich zu ändern, solange jeder die größte Schweinerei mit einem Achselzucken abtut. Traurig, wenn sich keine bessere Alternative für eine Pause vom "über-Probleme-der-Welt-Nachdenken" findet, als gewisse Problemverursacher zu unterstützen. Also ich persönlich boykottiere die WM aus den im Artikel genannten Gründen plus weiteren Gründen (z. B. Bau von teuren Stadien in Regenwälder, die danach zerfallen (Brasilien)) und habe nicht das Gefühl, dass mein Leben deshalb weniger lebenswert ist...

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