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Sport

Neuanfang beim HSV

Einmal zweite Liga?

Euphorie nach dem Abstieg - der Hamburger SV startet vor knapp 60.000 Zuschauern in seine erste Zweitligasaison. Großverdiener liegen dem Klub allerdings immer noch auf der Tasche. Und der Gönner will sein Geld zurück.

DPA
Von Daniel Jovanov
Freitag, 03.08.2018   13:02 Uhr

Experten für Fußballtaktik kamen bei Spielen des Hamburger SV zuletzt voll auf ihre Kosten. Genauer gesagt seit der Amtsübernahme von Cheftrainer Christian Titz im März dieses Jahres. Was vorher eher nach Satire geklungen hätte, ist inzwischen Realität: Der HSV versucht wieder Fußball zu spielen - und nicht nur zu zerstören.

Mal gelingt es besser, mal weniger gut. Aber die Tendenz stimmt Umfeld und Fans positiv. So positiv sogar, dass aus dem Abstiegsfrust schnell eine Abstiegseuphorie entstanden ist.

Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Titz ist es am Ende der vergangenen Saison zwar nicht mehr gelungen, den ersten Abstieg der Klubhistorie zu verhindern. Doch seine Art, Fußball spielen zu lassen, hat ein wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft geweckt und den Frust der Anhänger in Unterstützung umgewandelt. Wie genau diese Vorstellung von Fußball aussieht, war am vergangenen Wochenende beim 3:1-Testspielsieg über Champions-League-Teilnehmer AS Monaco zu sehen.

Zugegeben: Die Monegassen sind noch weit entfernt von ihrer Bestform und waren im Rahmen ihres Trainingslagers in Harsewinkel auch in den vorherigen Testspielen gegen den SC Paderborn (2:3) und den VfL Bochum (2:2) ohne Sieg geblieben. Die Leistung und taktische Weiterentwicklung des HSV schmälert das aber keinesfalls.

Kahn lobt HSV-Torhüterspiel

Besonders interessant ist dabei der Spielaufbau mit Torhüter Julian Pollersbeck als eine Art Libero. Lob dafür gab es selbst von vermeintlich höchster Stelle: Oliver Kahn, Experte für das ZDF während der Weltmeisterschaft in Russland, sieht in Hamburg eine besonders moderne Interpretation des Torwartspiels. "Wir haben bei der WM wahnsinnig viele Spiele gegen tief stehende Mannschaften gesehen. Da hat es schon Sinn, wenn der Torwart herausrückt und am Spielaufbau teilnimmt, sodass der Sechser nicht abkippen muss, sondern nach vorne gehen kann. Der Hamburger SV spielt genau das mit Pollersbeck sensationell."

Dass der HSV zuletzt als Lehrbeispiel für eine taktische Innovation hergehalten hat, ist wahrscheinlich genauso lang her wie die erfolgreichste Ära des einstigen Bundesligadinos mit dem Gewinn des Landesmeisterpokals von 1983. Allerdings ist es nicht nur der hoch stehende Torhüter, der das Spiel des HSV anders aussehen lässt.

Es liegt auch an Spielern wie Matti Steinmann: 23 Jahre alt, als ewiges Talent verschmäht, das mit dem Profidasein eigentlich abgeschlossen hatte. Er ist nach seiner Beförderung von der Regional- in die Bundesliga aber in Windeseile zum Denker und Lenker des HSV-Spiels aufgestiegen. Seine Übersicht und Passsicherheit hat den Rothosen entscheidend dabei geholfen, mehr Dynamik und Offensivdrang zu entwickeln. Die Anzahl der herausgespielten Torchancen ist unter Titz merklich gestiegen.

Tief sitzende Probleme bleiben

Der attraktivere Spielstil und aufblühende Spieler dürfen dennoch nicht über die tief sitzenden Probleme und Herausforderungen der neuen Saison hinwegtäuschen. Fans und Medien der Stadt erfreuen sich an den vielen hochgezogenen Talenten aus der eigenen Nachwuchsakademie und deuten den mit einem Durchschnitt von 22,9 Jahren jüngsten Kader der zweiten Liga nach jahrelangem sinnlosen Verprassen von Millionen als Umkehr zur Vernunft.

Gleichzeitig ist dieser Umstand auch als ein Beleg finanzieller Handlungsunfähigkeit zu verstehen. Nach dem Ausfall des Stammverteidigers Gideon Jung und des Verkaufskandidaten Kyriakos Papadopoulos (beide Knorpelschaden im Knie) fordert Titz als Verstärkung einen weiteren Routinier für seinen Defensivverbund. "Ich bin jemand, der sehr gerne auf junge Spieler setzt und sie fördert. Aber die Tendenz geht da hin, dass wir versuchen einen Transfer mit einem Spieler zu realisieren, der schon etwas mehr Erfahrung hat."

Großverdiener nicht vermittelbar

Wie schwer sich die Hamburger auf dem Transfermarkt tun, zeigt die bisherige Bilanz: Bis auf Khaled Narey von Greuther Fürth (kam für 1,7 Millionen Euro) haben die Verantwortlichen den Kader ausschließlich mit ablösefreien Spielern oder eigenen Talenten ergänzt.

Auf der anderen Seite stehen Einkünfte von etwa 15 Millionen Euro, die noch lange nicht ausreichen, um die Mindereinnahmen auf allen Ebenen nach dem Abstieg aufzufangen. Viele der Großverdiener wie Pierre-Michel Lasogga oder Filip Kostic sind schwer oder gar nicht vermittelbar.

Kühne will sein Geld zurück

Hinzu kommt mit Investor Klaus-Michael Kühne ein weiteres Problem: Der Milliardär half vor zwei Jahren bei der Finanzierung einiger Spieler und ließ sich vertragsgemäß zusichern, im Falle eines Transfers einen großen Teil seiner Investitionen zurückfordern zu dürfen. Der Verkauf dieser Spieler wäre für den HSV also nur sinnvoll, würde er deutlich mehr einnehmen können als er ursprünglich bezahlt hat.

Was womöglich nur beim brasilianischen Linksverteidiger Douglas Santos realistisch erscheint, den Titz aber unter keinen Umständen abgeben möchte. Das neue Führungsteam um den zurückgekehrten Bernd Hoffmann und Sportvorstand Ralf Becker steckt also in der Zwickmühle. Weitere Abgänge von gestandenen Spielern verkleinern die Chance auf den direkten Wiederaufstieg. Gelingt dieser nicht im ersten Jahr, ist ein zweites finanziell nur mit noch größerer Mühe als ohnehin schon zu stemmen.

Die transferpolitischen Überlegungen tun der Euphorie unter den Anhängern jedenfalls keinen Abbruch. Die Vorfreude auf die erste Saison in der zweiten Liga ist riesig. Sie verspricht deutlich mehr Siege als eine Etage höher. 57.000 Zuschauer werden am Freitagabend beim Auftakt gegen Holstein Kiel dabei sein. Erstklassige Rahmenbedingungen für zweitklassigen Fußball.

insgesamt 25 Beiträge
spon-facebook-1261351808 03.08.2018
1. Warum dieser Jubel?
Es wird im Moment so getan als ob der HSV schon die Champions League gewonnen hätte. Dabei hat die zweitgrößte Stadt Deutschlands keinen einzigen Erstligaverein mehr in den wichtigsten deutschen Mannschaftssportarten. Darüber [...]
Es wird im Moment so getan als ob der HSV schon die Champions League gewonnen hätte. Dabei hat die zweitgrößte Stadt Deutschlands keinen einzigen Erstligaverein mehr in den wichtigsten deutschen Mannschaftssportarten. Darüber sollte mal berichtet werden. Sportlich gesehen ist Hamburg mittlerweile Diaspora.
hileute 03.08.2018
2. Wäre
schön, wenn der HSV die 1-2 jahre 2.liha nutzt um sich zu regenerieren, das danach Mal wieder ein HSV in der Bundesliga spielt, wo man nicht das Kotzen kriegt wenn man sichs anguckt.
schön, wenn der HSV die 1-2 jahre 2.liha nutzt um sich zu regenerieren, das danach Mal wieder ein HSV in der Bundesliga spielt, wo man nicht das Kotzen kriegt wenn man sichs anguckt.
holgiplo 03.08.2018
3. Woher die Info...
...dass der Trainer noch einen Verteidiger will? Gestern bei der PK sagte er, es gäbe genug Optionen, die Ausfälle zu kompensieren...
...dass der Trainer noch einen Verteidiger will? Gestern bei der PK sagte er, es gäbe genug Optionen, die Ausfälle zu kompensieren...
troy_mcclure 03.08.2018
4.
Warum dieser Jubel? Weil jetzt das erste Mal seit Jahren so etwas wie Aufbruchsstimmung herrscht, nachdem alte Zöpfe weitestgehend abgeschnitten wurden und die Mannschaft in den letzten Spielen (leider aber zu spät) [...]
Zitat von spon-facebook-1261351808Es wird im Moment so getan als ob der HSV schon die Champions League gewonnen hätte. Dabei hat die zweitgrößte Stadt Deutschlands keinen einzigen Erstligaverein mehr in den wichtigsten deutschen Mannschaftssportarten. Darüber sollte mal berichtet werden. Sportlich gesehen ist Hamburg mittlerweile Diaspora.
Warum dieser Jubel? Weil jetzt das erste Mal seit Jahren so etwas wie Aufbruchsstimmung herrscht, nachdem alte Zöpfe weitestgehend abgeschnitten wurden und die Mannschaft in den letzten Spielen (leider aber zu spät) ansehnlichen Fußball gespielt hat. Das Gerede à la "Es wird im Moment so getan als ob der HSV schon die Champions League gewonnen hätte. " kommt in aller Regel von Leuten, die keine HSV-Fans sind. Die meisten von uns HSV-Fans wissen schon seit einigen Jahren die Lage vernünftig einzuschätzen.
cirus27 03.08.2018
5. ich bin pessimistisch, was den sofortigen wiederaufstieg
angeht, auch wenn BILD täglich den abreißkalender dazu liefert. alte zöpfe abgeschnitten? nicht doch. ein halbes dutzend unverkäufliche multimillionäre, die im vorjahr den abstieg nicht verhindern konnten oder wollten, [...]
angeht, auch wenn BILD täglich den abreißkalender dazu liefert. alte zöpfe abgeschnitten? nicht doch. ein halbes dutzend unverkäufliche multimillionäre, die im vorjahr den abstieg nicht verhindern konnten oder wollten, wird auch jetzt nichts reißen. dazu der haufen der vorturner bzw. selbstdarsteller, die erst einmal selbst zulangen, bevor der rest des geldes anderer leute verschleudert wird... auch das hat sich nicht geändert. also, 2 oder 3 jahre 2. liga, dürften diesem, meinem, verein guttun... und der herr aus der schweiz soll sich gehackt legen!

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