Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Tabellenzweiter Hertha BSC

Sie sind der Meinung, das war spitze

Hertha BSC ist bisher so etwas wie die Attraktion der neuen Bundesligasaison. Das Team von Pal Dardai spielt erfrischend offensiv, die Mannschaft ist intelligent zusammengestellt. Anlass zum Ärger gibt es trotzdem.

FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Jubelnde Hertha-Spieler vor der Ostkurve

Von
Sonntag, 23.09.2018   14:03 Uhr

In Berlin klappt nichts. Die Baustellen, die Behörden, die S-Bahn, die Bundesregierung. Das Thema ist in Hauptstadtkolumnen zigmal durchgekaut. Aber jetzt das Schlimmste: Man kann nicht mal mehr über die Hertha meckern.

Der Spott über den Fußballverein im Berliner Westen ist so etwas wie eine Eignungsprüfung für Zugezogene. Im Moment tut man sich damit allerdings sehr schwer. Hertha BSC hat nach vier Spieltagen mit drei Siegen und einem Unentschieden eine kleine Fußballeuphorie um den Verein ausgelöst. Nach dem 4:2 über Borussia Mönchengladbach vom Samstagnachmittag war die Elf von Trainer Pal Dardai für fast drei Stunden sogar Tabellenführer, bevor der FC Bayern die Dinge im Abendspiel auf Schalke wieder zurechtrückte.

Dardai ist seit nunmehr dreieinhalb Jahren Cheftrainer der Hertha, er hat den Verein im ersten Jahr vor dem Abstieg bewahren können, in den Spielzeiten danach gab es die Plätze sieben, sechs und zehn. Das war nicht spektakulär, aber schon sehr solide. Und es hat dem Ungarn die Zeit gegeben, eine Mannschaft aufzubauen, die jetzt extrem austariert wirkt. Hertha ist derzeit ein gutes Beispiel für andere Vereine, was es bringen kann, einen Trainer über Jahre in Ruhe arbeiten zu lassen. Das war in Berlin selbst auch mal anders. Sehr anders.

Dardai hat das Gerüst gefunden

Vom starken Torwart Rune Jarstein über Außenverteidiger Marvin Plattenhardt, der es sogar in den WM-Kader geschafft hatte, über den selbstbewussten Nationalspieler in spe Arne Maier bis hin zu den Angriffs-Routiniers Vedad Ibisevic und Salomon Kalou hat Dardai sein Gerüst gefunden. Veredelt in dieser Spielzeit wird die Elf durch die zwei Zugänge Marko Grujic und Javairo Dilrosun, die Hertha aus der Premier League herübergelockt hat, und den slowakischen Spätstarter Ondrej Duda, der im dritten Hertha-Jahr entdeckt hat, wie schön Tore schießen sein kann. Auf Grujic muss Dardai allerdings nun erst einmal verzichten, der Serbe wurde gegen Gladbach verletzt und fällt in den kommenden Wochen aus.

In den ersten zwei Saisonspielen gegen Nürnberg und auf Schalke stand den Berlinern noch das Glück zur Seite, weil beide gegnerische Teams einen Elfmeter ungenutzt ließen. In Wolfsburg, bei der dritten Partie, wurde den Berlinern der Sieg in der Nachspielzeit noch entrissen, gegen die Borussia am Samstag präsentierte sich eine offensivstarke, von sich überzeugte Elf, die sich auch durch einen Rückstand nicht aus der Fassung bringen ließ. Die Tendenz ist unverkennbar: Es geht aufwärts.

Am kommenden Freitag zum Abschluss der englischen Woche kommt der FC Bayern ins Olympiastadion. Zum Spitzenspiel. So etwas gab es seit den Tagen von Lucien Favre in Berlin nicht mehr.

"Das war heute Spaß", hat Dardai nach dem Spiel in einem Satz alles gesagt, was aus Hertha-Sicht zu diesen 90 Minuten zu sagen war. Oder wie die Berliner Showlegende Hans Rosenthal in die Luft hüpfend gesagt hätte: "Sie sind der Meinung, das war spitze!"

Kritik entzündet sich an Geschäftsführer Keuter

Die Stimmung im Team ist gut, der sportliche Erfolg ist auch deswegen wichtig, weil es unter Hertha-Fans seit geraumer Zeit schon reichlich Unmut gibt. Auch am Samstag waren wieder Plakate zu sehen, die den Marketingkurs des Vereins heftig kritisierten und dabei vor allem den Geschäftsführer Paul Keuter in der Verantwortung sahen.

Keuter, früherer Manager bei Twitter, hat Hertha eine, vorsichtig formuliert, offensive Vermarktungsstrategie verordnet. Die Social-Media-Abteilung ist aktiv, zuweilen hyperaktiv, die teilweise ironischen Slogans wie "In Berlin kannst du alles sein. Auch Herthaner" stoßen nur teilweise auf Zuspruch. In der Vorsaison choreografierte eine Werbeagentur für Hertha einen Kniefall der Mannschaft - in Anlehnung an die Anti-Rassismus-Proteste in der nordamerikanischen Football-Profiliga NFL. Auch das war umstritten.

Dass der Verein zum Saisonstart dann die zwar leicht ältliche, aber (genau deswegen) immer noch beliebte Stadionhymne von Frank Zander "Nur nach Hause" als Einlauflied direkt vor Anpfiff durch den Seeed-Song "Dickes B" austauschte, war weit mehr das Thema des ersten Spieltages als der 1:0-Erfolg über den 1. FC Nürnberg. Tagelang war Frank Zander in den Berliner Medien wichtiger als Angela Merkel. Es hagelte Proteste, die Klubführung musste zurückrudern.

Der Verein will "irgendwann die ganze Vielfalt Berlins im Stadion haben", hat Keuter im Interview mit dem Fernsehsender Sky gesagt. Hertha und die ganze Vielfalt Berlins - so weit kommt es noch. Doch noch was zum Meckern gefunden. Dit is Berlin.

insgesamt 15 Beiträge
Nonvaio01 23.09.2018
1. Typisch
da will einer etwas verbessern und hat gute ideen, da wird gemeckert. Die Hauptstadt ins Stadionholen ist genau die richtige idee. Man bekommt Sponsoren durch aufmerksamkeit und erfolg. Erst kommt die aufmerksamkeit, dann das geld [...]
da will einer etwas verbessern und hat gute ideen, da wird gemeckert. Die Hauptstadt ins Stadionholen ist genau die richtige idee. Man bekommt Sponsoren durch aufmerksamkeit und erfolg. Erst kommt die aufmerksamkeit, dann das geld und dann der erfolg. Berlin koennte potente sponsoren ohne ende haben. Man muss den Klub nur besser Vermarkten. Das hat damals Uli schon erkannt.
meresi 23.09.2018
2. Ja bin ich
das war Spitze...wie Tiger Woods sich an die 1.Stelle am 3.Tag des Turniers in East Lake spielte. Ja, ich weiß, Golf ist nicht das Lieblingskind der Schreiber, was einfach zu erklären ist. Was die Hertha betrifft, was ja wohl [...]
das war Spitze...wie Tiger Woods sich an die 1.Stelle am 3.Tag des Turniers in East Lake spielte. Ja, ich weiß, Golf ist nicht das Lieblingskind der Schreiber, was einfach zu erklären ist. Was die Hertha betrifft, was ja wohl das Thema wäre, ich hoff sie demoliert die Münchner, mehr wünsch ich mir nicht
widower+2 23.09.2018
3. Etwas früher Hype
Nach gerade mal 4 Spieltagen und - zugegeben - guten Leistungen in diesen 4 Spielen. Aber jetzt schon von einem sehr gut austarierten und tollem Kader zu sprechen ist verfrüht. Am Dienstag muss die Hertha ins Weserstadion, was [...]
Nach gerade mal 4 Spieltagen und - zugegeben - guten Leistungen in diesen 4 Spielen. Aber jetzt schon von einem sehr gut austarierten und tollem Kader zu sprechen ist verfrüht. Am Dienstag muss die Hertha ins Weserstadion, was wohl kein Selbstläufer wird und Werders Kader ist keineswegs schwächer als jener der Berliner. Nur die Leistungen waren bisher mit zwei glücklichen Siegen auswärts und zwei eher unglücklichen Unentschieden zuhause noch nicht das Gelbe vom Ei. Wenn Werder gewinnt, stehen die vor der Hertha. Werden die dann auch gleich so gehypt? Hoffentlich nicht.
ortibumbum 23.09.2018
4.
Träum weiter..... Hertha; 6 Spieltage weiter sind sie da, wo sie hingehören.
Zitat von meresidas war Spitze...wie Tiger Woods sich an die 1.Stelle am 3.Tag des Turniers in East Lake spielte. Ja, ich weiß, Golf ist nicht das Lieblingskind der Schreiber, was einfach zu erklären ist. Was die Hertha betrifft, was ja wohl das Thema wäre, ich hoff sie demoliert die Münchner, mehr wünsch ich mir nicht
Träum weiter..... Hertha; 6 Spieltage weiter sind sie da, wo sie hingehören.
hamburger.jung 23.09.2018
5.
In Bremen wartet wohl ein Härtetest. Die spielen bisher noch nicht gut, haben aber trotzdem gar nicht verloren bisher. Euphorie und ein gerade mal zur Hälfte gefülltes Stadion? Schließt sich für mich irgendwie gegenseitig [...]
In Bremen wartet wohl ein Härtetest. Die spielen bisher noch nicht gut, haben aber trotzdem gar nicht verloren bisher. Euphorie und ein gerade mal zur Hälfte gefülltes Stadion? Schließt sich für mich irgendwie gegenseitig aus. Wenn es gut läuft und dann kommt Gladbach, sollten es schon 60.000 sein.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP