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Wie Löw sein Team gegen Frankreich umstellen will

Die Partie gegen Frankreich wird jetzt schon als Schicksalsspiel für Joachim Löw und seine Elf tituliert. Der Bundestrainer scheint die Botschaft verstanden zu haben, er hat deutliche Veränderungen angekündigt.

Foto: REUTERS
Aus Paris berichtet
Dienstag, 16.10.2018   15:41 Uhr

Paris ist wunderbar in diesem nicht enden wollenden Herbstsommer. Die Stadt entfaltet noch einmal ihren gesamten Zauber, die Menschen sitzen am Montmartre oder am Place de l'Odéon bis in den Abend draußen in T-Shirt und Top und genießen die Oktobersonne.

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich den Bundestrainer zwischen ihnen vorzustellen, die Espressotasse vor sich auf dem Bistrotisch. Joachim Löw mag so etwas, das ist bekannt.

Aber urlaubsähnliche Bilder von ihm mit Sonnenbrille wird es in diesen Tagen mit Sicherheit nicht geben. Da ist Löw sozusagen ein gebranntes Kind nach den berühmten Laternen-Fotos von Sotschi aus diesem vermaledeiten WM-Sommer. Löw steht nicht nur unter besonderer Beobachtung nach dem 0:3 gegen die Niederlande, er steht auch unter besonderem Druck.

Schlecht geschlafen? Nur wegen der Grippe

Er hat das selbst vor dem heutigen Spiel beim Weltmeister Frankreich (20.45 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) noch einmal kleinzureden versucht, er habe zwar schlechter geschlafen in den vergangenen Nächten, aber dies habe allein daran gelegen, weil er vergrippt war, "die Situation bereitet mir keine Schlaflosigkeit".

Sein Bemühen, die Formkrise der Nationalmannschaft nicht zu einem Thema Löw werden zu lassen, ist nachvollziehbar. Trotzdem wird seit Samstag auch wieder über ihn diskutiert. Dass er bislang stets auf seine arrivierten Kräfte setzt und die ihn gegen die Niederlande so enttäuscht haben, scheint aber zumindest ein gewisses Umdenken bei ihm angestoßen zu haben.

"Wir müssen ein paar Dinge in jedem Fall verändern, taktisch und personell", hat er vor dem Frankreichspiel angekündigt. Jérôme Boateng, der sich angeschlagen über die 90 Minuten von Amsterdam gequält hatte, steht ohnehin nicht zur Verfügung, aber auch Spieler wie Thomas Müller, Jonas Hector und Emre Can könnten sich nicht beschweren, wenn sie sich im Stade de France zunächst auf der Ersatzbank wiederfinden.

Vieles spricht dafür, den Jungstars Leroy Sané und Julian Brandt eine Startelf-Chance zu geben. In der Öffentlichkeit ist der Einsatz beider ohnehin seit Tagen gefordert worden. Mit einer Aufstellung würde der Bundestrainer daher nur gewinnen können. Und wenn es schiefgeht, kann Löw zumindest darauf verweisen: Seht ihr, es geht eben doch nicht ohne die Erfahrenen.

Neuer bleibt unantastbar

Nur an seinen Torwart (und Mannschaftskapitän) traut sich der Bundestrainer nicht heran. Neuer hat von ihm bereits eine Einsatzgarantie ausgesprochen bekommen, der Bayern-Torwart selbst sagt, er sei "topfit" und "in guter Form", ihm habe "nur das Spielglück zuletzt gefehlt". Den Torwart zu wechseln, den Mann also herauszunehmen, auf den Löw vor der WM monatelang gewartet hat, womit er seinen zweiten Keeper Marc-André ter Stegen systematisch vergrätzte - diesen Schritt zu tun, ist für Löw noch zu groß. Neuer könnte sich mit einer überragenden Leistung am Abend gegen die Mbappés und Griezmanns erkenntlich zeigen, er sollte es vermutlich auch tun.

Direkt nach der WM hatte DFB-Manager Oliver Bierhoff im ZDF gegen Vorwürfe von TV-Experte Oliver Kahn zurückgepampt, er solle doch bitte schön mal sagen, welche anderen Spieler als die in Russland aufgebotenen Profis Löw habe nominieren sollen. Kahn fiel dann außer Sané nicht viel ein. Auch das ist ein Problem, das der Bundestrainer hat und an dem er wohl eher schuldlos ist. So viele personelle Alternativen gibt es in Deutschland 2018 nicht, die Etablierten kommen in die Jahre, und möglicherweise muss sich erst langsam die Erkenntnis durchsetzen, dass mit den Spielern, die zur Verfügung stehen, vielleicht einfach nicht mehr drin ist. Was eher noch ein Argument dafür wäre, den Umbruch radikaler zu gestalten - und die nächsten zwei, drei Jahre vollständig dem Neuaufbau zu widmen.

"Es ist klar, dass nach dem Spiel am Samstag die Kritik massiv war", sagt Löw und hat damit zumindest dem Vorwurf der Schönrednerei den Schwung genommen. Der Bundestrainer ist lange genug dabei und wird sich trotz aller ihm zugeschriebenen Entrücktheit bewusst sein, was nach einer hohen Niederlage gegen den Weltmeister passieren wird. Dann wird die zu Anfang von vielen verspottete und abgelehnte Nations League plötzlich ein riesiges Gewicht bekommen. Dann wird jeder das Wort Absteiger mit der DFB-Elf 2018 in Verbindung bringen. Dann werden die Rücktrittsforderungen kommen. Garantiert.

Schon jetzt war vom Schicksalsspiel gegen die Franzosen zu lesen. Das Wort hat man beim DFB auch lange nicht gehört.

Vor Amsterdam hatte sich schon wieder der Eindruck verfestigt, beim DFB ist man nach der Schockstarre im Gefolge der WM schon wieder beim Weiter- so angekommen. Das alte Denken war wieder da, die alten Fehler wurden noch einmal gemacht. Möglicherweise war das 0:3 vom Samstag daher auch heilsam. Löw hat dadurch noch einmal die Gelegenheit in die Hand bekommen, den Neuanfang weniger behutsam als bisher anzupacken. Vielleicht wird er den Niederländern dafür noch einmal dankbar sein.

insgesamt 42 Beiträge
retterdernation 16.10.2018
1. Wetten Das ...
trotz der Umstellungen ein Desaster droht. Alle Spieler die Löw jetzt nicht aufstellen wird, atmen mutmaßlich auf, dass man sie dann nicht für die mögliche Katastrophe verantwortlich machen wird. Frankreich spielt schließlich [...]
trotz der Umstellungen ein Desaster droht. Alle Spieler die Löw jetzt nicht aufstellen wird, atmen mutmaßlich auf, dass man sie dann nicht für die mögliche Katastrophe verantwortlich machen wird. Frankreich spielt schließlich daheim. Wenn die Franzosen also heute einigermaßen motiviert sind, dann gibt es mehr als drei Gegentore ... dieses Mal ... und dann ist der Jogi in Erklärungsnot. Und seien wir doch mal ehrlich, viele warten schon darauf - also auf den unabdinglichen Neuaufbau ...
Papazaca 16.10.2018
2. Keine Erfolge Löw's = Unzufriedene Sponsoren, weil, ...
wer will mit einer Loosertruppe werben? Wenn die ersten Sponsoren abspringen, bedeutet das weniger Geld. Und dann klingelt es auch bei Grindel. Denn wenn es um's Geld geht, ist Schluss mit lustig. Das gleiche gilt auch bei [...]
wer will mit einer Loosertruppe werben? Wenn die ersten Sponsoren abspringen, bedeutet das weniger Geld. Und dann klingelt es auch bei Grindel. Denn wenn es um's Geld geht, ist Schluss mit lustig. Das gleiche gilt auch bei einem schlechten Image der NM. Mercedes hat sicher keine Lust, in die Querelen um die NM reingezogen werden. Heute haben wir also nur eine Teiletappe, wie auch immer die ausgeht. Löw muß liefern, nicht nur heute.
hausfeen 16.10.2018
3. Den unwürdigen, langsamen Abschied ...
... hat Löw selbst so gewollt. Aber als Fan der N11 wird man unnötig lange damit konfrontiert. Wann hat das Trauerspiel ein Ende? Das fragen sich viele. Zumal es nichts gibt, was Löw in de kurzen Zeit noch ändern könnte. [...]
... hat Löw selbst so gewollt. Aber als Fan der N11 wird man unnötig lange damit konfrontiert. Wann hat das Trauerspiel ein Ende? Das fragen sich viele. Zumal es nichts gibt, was Löw in de kurzen Zeit noch ändern könnte. Vor Brasilien wurde viel getan, was man in Russland hat schleifen lassen. Z.B. die Arbeit an der Fitness. Aber man durfte ja Weltmeister nicht zu sehr strapazieren.
tomkey 16.10.2018
4. Ein Armutzszeugnis
Das scheitert eine Top-Fußballnation in der Vorrunde der WM aus und danach nehmen sich die Verantwortlichen mehrere Wochen Zeit für eine "Auswertung". Diese wird dann 2 Stunden den Vorgesetzten präsentiert, die [...]
Das scheitert eine Top-Fußballnation in der Vorrunde der WM aus und danach nehmen sich die Verantwortlichen mehrere Wochen Zeit für eine "Auswertung". Diese wird dann 2 Stunden den Vorgesetzten präsentiert, die anschließend der Öffentlichkeit mitteilen, dass der Trainer mit einem Konzept für eine Änderung und somit Verbesserung sorgen wird. Das erste Spiel gegen lustlose und vor allem satte Franzosen endet unentschieden und wird als Erfolg (???) verkauft. Und beim zweiten wirklichen Härtetest gegen junge Holländer mit all ihren typischen Tugenden geht die deutschen NM unter. Änderungen in Komzept, eine Neuausrichtung der NM waren nicht erkennbar. Nichts deutete auf ein neues Konzept des Trainers hin. IAußer sich gegenseitig eine Verbesserung zu versprechen scheint beim DFB und seinem Trainer nicht wirklich viel passiert sein. Für mich ist die Erkenntnis von Löw, JETZT was zu ändern ein Eingeständis von ihm, dass er in der Zeit nach der WM rein gar nichts analysiert hat und wenn, dann eben eine falsche Analyser abgeliefert hat. Die Änderungen die jetzt kommen, sind die Änderungen, die jeder der 80 Millionen Bundestrainer schon während oder kurz nach der WM geshene haben. Ein Armutszeugnis.
fritschii 16.10.2018
5. Trainer vs Nachwuchs
Wir brauchen gar nicht weit zu schauen. Das Desaster ist vor der Tür. Eine eingespielte Mannschaft kommt relativ schnell in die Jahre - siehe FC Bayern oder HSV Hamburg oder unsere Nationalmannschaft. Deshalb werden Trainer [...]
Wir brauchen gar nicht weit zu schauen. Das Desaster ist vor der Tür. Eine eingespielte Mannschaft kommt relativ schnell in die Jahre - siehe FC Bayern oder HSV Hamburg oder unsere Nationalmannschaft. Deshalb werden Trainer angestellt, die durch strukturierte Nachwuchsarbeit dafür zu sorgen haben, daß das Leistungsniveau einer Mannschaft immer mindestens auf einem vergleichbar guten Level bleibt. Nun können wir den Schluß daraus ziehen, daß müßte so sein. Aber was macht so eine 'arme Sau'wie Kovacs wenn er nur gebrauchte Spieler serviert bekommt und die dann auch noch zur weiteren Verwendung an Jogi Löw weitergeleitet werden. Mit anderen Worten: Das Elend wandert mit. Denn für Nachwuchsarbeit gibt es keine Lorbeeren, da gibt es nur Arbeit und die kann Jogi schon gar nicht vertragen. Oder fehlt vielleicht sogar der Mut einen in die Jahre gekommenen Torwart durch einen frischeren auszutauschen? Oder fehlt sohgar der Mut einen 'Schwachschützen' wie Thomas Müller auszuwechseln, wo es doch wirklich schnellere und schußgenauere Spieler gibt. Auch die 'Alten' sollten mal wie Buateng z.B. erkennen, daß eine Abreise günstiger für die Nationalmannschaft ist als der Gedanke: Ich bleib hier, weil der Trainer es so will. Das sollte auch noch erwähnt werden. Hrr Bierhoff kann noch so ein düsteres Gesicht ziehen. Er müßte auch wohl mal erkennen, daß sein Platz schon lange nicht mehr in der Nähe der Nationalmannschaft zu suchen ist, sondern vielleicht in Frankfurt als Bauleiter für die neue Akademie. Aber selbst da hätte ich bedenken. Es kommt eben auf den Nachwuchs an, der manches besser kann als die Oldies. Mannschaften
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