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Sport

Biografie des Bundestrainers

Was ist das für 1 Löw?

Joachim Löw gehört zu den bekanntesten Deutschen, trotzdem kennt ihn kaum jemand so richtig. Eine neue Biografie unternimmt einen Annäherungsversuch. Und zeigt, warum er kein Kandidat für den FC Bayern ist.

DPA

Joachim Löw

Von
Freitag, 28.12.2018   12:29 Uhr

Wer ist Joachim Löw? Seit zwölf Jahren ist er Bundestrainer, es gibt vermutlich nur wenige Jobs, die stärker im Scheinwerferlicht stehen, aber zu wissen, was dieser Joachim Löw wirklich denkt - das können nur die wenigsten von sich behaupten. Löw ist oft mit Angela Merkel verglichen worden. Wenn es eine Parallele zwischen beiden gibt, dann die: Fast jeder in Deutschland hat eine Meinung über sie, aber den Blick hinter die Fassade, hinter die öffentliche Person, den gewähren beide so gut wie nie. Auch ein Bundestrainer hat ein Privatleben, aber es ist privat geblieben.

Mathias Schneider probiert gar nicht erst, so zu tun, als wisse er mehr als alle anderen. Es ist vielmehr ein Annäherungsversuch, den der "Stern"-Redakteur auf mehr als 300 Seiten mit seiner Biografie über den Bundestrainer unternimmt. Schneider begleitet den heute 58-Jährigen durch dessen Leben, er hat Bekannte, Freunde getroffen, die Löw über die Jahre bei seinen Spieler- und Trainerstationen gesammelt hat, er hat Löw selbst über viele Jahre als DFB-Reporter beobachtet, aus alldem setzt er ein Puzzle zusammen. Aber er stellt sich nie vor den Leser mit der Behauptung: Ich bin Doktor Allwissend, und so ist Joachim Löw.

Der nicht so prominente Herr Löw

Das ist äußerst wohltuend, ohnehin ist eine unterhaltsam geschriebene Lektüre daraus geworden, zwar mit einem durchschimmernd wohlwollenden Blick auf Löw, dennoch lotet Schneider auch die Schwächen des Trainers aus, die auch die Schwächen des Menschen Löw sind. Sein Zaudern bei manchen Entscheidungen gerade zu Beginn seiner Trainerlaufbahn, seine Selbstgewissheit vor der WM 2018, dass alles beim Turnier schon gut laufen würde. Es lief nicht gut, wie man im Nachhinein weiß. Gar nicht gut.

Über Löw, den Bundesjogi, meint man, das meiste zu wissen: Die Selbstfindung der jungen Mannschaft bei der WM 2010, das Halbfinaldesaster bei der EM 2012 gegen Italien, der Triumph von Rio, der Absturz in Russland, der ewige Scout Urs Siegenthaler an seiner Seite, Löws Griff in den Schritt 2016, ja, auch das - Schneider zeichnet diese Stationen selbstverständlich nach, sie gehören zum Bundestrainer. Am interessantesten ist er aber immer dann, wenn es um den noch nicht so prominenten Löw geht.

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Joachim Löw: Der Weltmeister-Coach

Der Bundestrainer hat viele, fast alle Höhen erreicht, Joachim Löw ist aber - nach der WM 2014 hatten das viele vergessen - auch durch Tiefen gegangen. Als Spieler verletzte er sich schwer, als seine Karriere gerade loszugehen schien. Als Trainer hatte er Phasen des Misserfolgs, der Arbeitslosigkeit zu überstehen. Als Jürgen Klinsmann ihn 2004 zum DFB lotste, holte er Löw damals aus einer sportlichen Sackgasse. Niemand hätte damals daran geglaubt, dass Klinsmann einen künftigen Weltmeister-Coach verpflichtet hatte. Er selbst wahrscheinlich auch nicht.

Löws Wärmestube ist Freiburg, der Schwarzwald. Schneider steigt der Jugend Löws hinterher, dem Sohn des Ofensetzers Hans Löw aus dem 2500-Seelen-Dorf Schönau. Es ist eine ebenso kleine wie behütete Welt, in der Joachim Löw aufwächst, Schneider beschreibt diese Welt mit milder Ironie: "Das Dorf des Jungen ist geteilt, nicht in Ost und West, aber doch, was die Fußballvereine anbelangte. Es ist also etwas Ernstes."

Stoff für eine Neuauflage

Fußball ist schon in seiner Kindheit Löws Lebensmittelpunkt, und er ist es bis heute geblieben. Als Bundestrainer hat er sich gelegentlich auch zu gesellschaftlichen Themen geäußert, zu Integration, zu Rechtsradikalismus, aber wohl hat er sich in dieser Rolle nie gefühlt. Wohl fühlt er sich eigentlich nur dann, wenn er über Fußball sprechen kann. Auch dies liest sich aus der Biografie heraus.

Nach 2014 war Löw ein Superstar der Gilde, nach 2018 ist er für viele einer auf Abruf, skeptisch beäugt, ob er es hinbekommt, die Nationalmannschaft wieder in die Spur zu führen. Wobei Schneider deutlich macht, dass Löws Stärken von 2014 im Grunde die Schwächen von 2018 sind. Er hat sich wenig verändert, nur das Resultat war komplett anders. Sein Vertrauen in verdiente Spieler, sein Beharren auf der eigenen Überzeugung bis über die Grenze der Sturheit hinaus, sein Festhalten am vermeintlich verdienten Mitarbeiterstab - all das, was das Team einst weltmeisterlich machte, hatte es zuletzt zum Vorrundenaus geführt. Mit seinen 58 Jahren muss Löw sich das erste Mal als Bundestrainer hinterfragen. Ob ihm das gelingt, ist Stoff für eine Neuauflage.

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Mathias Schneider:
Löw: Die Biographie

Ullstein; 334 Seiten; 20,00 Euro

Das Bewährte, das Gewohnte, das Freiburg-hafte - das ist vielleicht am ehesten der Schlüssel zum Verständnis dieses Mannes. Schneider zerpflückt daher auch auf stimmige Weise die ständigen Spekulationen, Löw könne irgendwann einen großen Verein, den FC Barcelona, Real Madrid, Paris Saint-Germain, trainieren. Der wöchentliche, tägliche Stress, die nie endende Auseinandersetzung mit einer kritischen Öffentlichkeit, die Stunden auf dem Trainingsplatz, Tag für Tag - das wäre nichts mehr für den Jogi Löw, der es gemütlich mag.

Nicht umsonst hat er seine Misserfolge als Coach in Karlsruhe oder bei Austria Wien in der Tagesarbeit eingefahren. Es gibt kein Löw'scheres Leben als das des Bundestrainers. Mit seinen Ruhepausen, mit seiner Zeit zum Tüfteln, mit seinen Gelegenheiten, Muße in der alten Heimat zu nehmen.

Nach 334 Seiten weiß man nicht, was diesen Bundestrainer im Innersten wirklich zusammenhält. Aber man vermeint, den öffentlichen Joachim Löw besser zu verstehen, auch seine Entrücktheit, seine diffusen Momente. Was helfen kann, schließlich scheint der deutsche Fußball noch eine ganze Weile mit ihm zu tun zu haben.

Als Weihnachtsgeschenk kommt dieser Literaturtipp ein paar Tage zu spät. Aber, mal ehrlich: Wer würde nach diesem DFB-Jahr seinen Liebsten auch eine Löw-Biografie schenken?

insgesamt 13 Beiträge
ge1234 28.12.2018
1. Jogi Löw ...
... ist nach Helmut Schön nicht nur der erfolgreichste Bundestrainer aller Zeiten, sondern hat als Vereinstrainer auch nur einen Titel weniger als der derzeit am meisten gehypte deutsche Trainer Jürgen Klopp gewonnen; ich hätte [...]
... ist nach Helmut Schön nicht nur der erfolgreichste Bundestrainer aller Zeiten, sondern hat als Vereinstrainer auch nur einen Titel weniger als der derzeit am meisten gehypte deutsche Trainer Jürgen Klopp gewonnen; ich hätte mich über seine Biografie zu Weihnachten sehr wohl gefreut!
giggs1999 28.12.2018
2.
Der Rezension nach dürfte das Buch ziemlich langweilig sein. Ob wohl die Frage beantwortet wird, warum bei diesem Trainer nahezu jeder Konkurrenzkampf, besonders im Tor, außer Kraft gesetzt wird?
Der Rezension nach dürfte das Buch ziemlich langweilig sein. Ob wohl die Frage beantwortet wird, warum bei diesem Trainer nahezu jeder Konkurrenzkampf, besonders im Tor, außer Kraft gesetzt wird?
briancornway 28.12.2018
3. Persönliches
Die Rezension nennt das Buch "unterhaltsam". Und solche tollen Fragen wie "Warum wurde damals X eingewechselt statt Y ?" oder "Warum wurde Neuer mit zur WM genommen ?" interessieren doch eh nur [...]
Zitat von giggs1999Der Rezension nach dürfte das Buch ziemlich langweilig sein. Ob wohl die Frage beantwortet wird, warum bei diesem Trainer nahezu jeder Konkurrenzkampf, besonders im Tor, außer Kraft gesetzt wird?
Die Rezension nennt das Buch "unterhaltsam". Und solche tollen Fragen wie "Warum wurde damals X eingewechselt statt Y ?" oder "Warum wurde Neuer mit zur WM genommen ?" interessieren doch eh nur die Dumpfbacken.
sapiens-1 28.12.2018
4. Wenn das mal kein Ladenhüter wird...
...denn die Wohlmeinenden haben nach dieser WM wenig Grund sich ein solches Buch zu kaufen und die Anderen, die es immer schon besser gewußt haben, würden es auch nicht kaufen, wäre die N11 ein zweites mal Weltmeister geworden. [...]
...denn die Wohlmeinenden haben nach dieser WM wenig Grund sich ein solches Buch zu kaufen und die Anderen, die es immer schon besser gewußt haben, würden es auch nicht kaufen, wäre die N11 ein zweites mal Weltmeister geworden. Wenigstens könnten Letztere lernen, daß Löw kein Anführer einer schwäbischen Fußballmafia ist, da er aus dem tiefsten Südbaden kommt (was also genausowenig zusammengeht wie ein fränkischer MP Bayerns), also mehr ein Wiedergänger des zurecht allseits beliebten Joachim Streich ist! Ich würde es kaufen, wenn der Autor mir Löws Beratungsrestenz in Hinsicht auf das in jedem Interwiev 30mal gebrauchte "irgendwie" schlüssig erklären könnte. Denn das ist eigentlich das nervendste an dem Mann...
roenga 28.12.2018
5.
Das mit dem Torwart ist relativ einfach zu beantworten - wenn ich einen vierfachen Welttorhüter Anfang 30 im Tor habe, erübrigt sich die Frage nach einem Konkurrenzkampf und ja, auch der beste Torhüter sollte mal einen [...]
Zitat von giggs1999Der Rezension nach dürfte das Buch ziemlich langweilig sein. Ob wohl die Frage beantwortet wird, warum bei diesem Trainer nahezu jeder Konkurrenzkampf, besonders im Tor, außer Kraft gesetzt wird?
Das mit dem Torwart ist relativ einfach zu beantworten - wenn ich einen vierfachen Welttorhüter Anfang 30 im Tor habe, erübrigt sich die Frage nach einem Konkurrenzkampf und ja, auch der beste Torhüter sollte mal einen Fehler machen können ohne gleich ausgewechselt zu werden (siehe fast alle anderen Nationalmannschaften weltweit). Was die Frage nach dem Konkurrenzkampf der Feldspieler betrifft - benennen Sie doch mal eine Mannschaft aus Spielern die in Russland nicht auf dem Platz standen und garantiert erfolgreich gespielt hätten? Da wäre der sagenumwobene Leroy Sane, der bis zum heutigen Tag noch kein wirklich gutes Länderspiel absolviert hat mit der bemerkenswerten Bilanz von 2 Toren in 17 Länderspielen. Und sonst so.....?

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