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Sport

Müller vor 100. Spiel für DFB

Der Gaudibursch braucht eine Pause

Thomas Müller feiert am Abend die Aufnahme in den 100er-Klub des DFB. Der Bayernprofi hat fast immer gespielt - eine große Belastung, keine Frage. Eine Auszeit wäre jetzt das Richtige.

imago/Pro Shots
Aus Gelsenkirchen berichtet
Montag, 19.11.2018   14:12 Uhr

Man könnte diesen Satz, den Teamkollege Joshua Kimmich so gelassen ausgesprochen hat, auch einfach so stehen lassen. Der Vereins- und DFB-Kollege von Thomas Müller sagte am Sonntag: "100 Länderspiele - das ist schon ein Brett." Wahrhaft ein dickes Brett, erst 13 deutsche Fußballer haben es bisher gebohrt.

Es sind erwartungsgemäß die Großen, Beckenbauer, Klinsmann, Streich, Lahm, Schweinsteiger, die diesem hoch exklusiven Klub angehören. Angeführt nach wie vor und bis auf Weiteres von Lothar Matthäus, zudem Mitglied im noch viel exklusiveren 150er-Klub, dem Klub, in dem er endlich alles sein kann, Vorsitzender, Trainer, Experte, Greenkeeper. Weil er das einzige Mitglied ist.

Jetzt kommt also auch Thomas Müller hinzu, aller Wahrscheinlichkeit nach wird er am Abend gegen die Niederlande seinen 100. Einsatz im DFB-Trikot bestreiten. Ob in der Startelf oder als Einwechselspieler, wie zuletzt häufiger, ist noch offen. Joachim Löw wird ihm diese Bühne jedenfalls nicht verweigern, der Bundestrainer hat seinem Spieler schon am Tag zuvor den "allerhöchsten Respekt" bezeugt. Nach dem bereits feststehenden Abstieg aus der Nations League braucht es für den Abend dringend einen Anlass, irgendetwas anderes als den sportlichen Erfolg zu feiern. Damit ein bisschen Stimmung aufkommt.

Das Mantra hat sich umgekehrt

Müller hat für seine 100 Länderspiele gerade mal ein bisschen mehr als acht Jahre gebraucht. Er stand in diesen acht Jahren fast immer zur Verfügung, auch weil sein Körper die außergewöhnliche Eigenschaft besitzt, die sonst üblichen Fußballerverletzungen zu verweigern. Müller hat in diesen acht Jahren fast durchgespielt, und das ist Teil des Problems.

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Müller vor 100. Länderspiel: Willkommen im Klub!

Das Mantra "Müller spielt immer", das zu seiner Marke dazugehört, hat sich umgekehrt. Vor zwei Jahren bei der EM in Frankreich, als es erstmals nicht so lief, wie das alle von ihm kannten, hat er bei einer Pressekonferenz von den Belastungen gesprochen, die ein Profi in seiner Karriere so mitmacht. Müller hat alles mitgenommen, er hat nie eine Auszeit genommen - vielleicht war es zu viel.

Es ist viel von der Krise des Thomas Müller die Rede, sie ist ja auch nicht wegzuleugnen. Seit Oktober 2016 hat er nur noch ein Länderspieltor erzielt, schon im Vorjahr blieb er komplett ohne Treffer in der Nationalelf, bei den vergangenen zwei Turnieren, bei denen er dabei war, wirkte er erst glücklos, dann ratlos.

Er macht alles wie früher

Er macht im Grunde alles so wie früher, er läuft, er bietet sich an, er versucht, auf dem Platz die gleichen Wege zu gehen, die ihn einst auf unerforschliche Weise zum Torerfolg geführt haben. Auch abseits des Fußballplatzes probiert er sich weiterhin in der ihm bewährten Mischung aus Lockerheit und Rotzigkeit. Aber die Magie ist verschwunden. Und woran das liegt, kann er womöglich genauso wenig begründen, wie er auch nicht begründen konnte, warum es jahrelang so wunderbar funktioniert hat.

Wer Müller in den vergangenen Partien der Nationalmannschaft gesehen hat, seine verzweifelte wie vergebliche Suche nach dem alten Erfolgsrezept, der könnte vergessen, wie viele überragende Länderspiele er in seinen ersten 70 von 99 Einsätzen abgeliefert hat. Ohne Thomas Müller wäre der Wärmestrom, der die Nationalelf 2010 in Südafrika durch die WM und die Fußballwelt getragen hat, frühzeitig verebbt. Ohne Thomas Müller, das darf man unwidersprochen sagen, wäre Deutschland in Brasilien nicht Weltmeister geworden.

Müller war immer anders

Die Leute haben sich darauf verlassen, dass das immer so weitergeht. Und er hat dies vermutlich auch getan. Es gab ja auch wenig Anlass, daran zu zweifeln. Mittlerweile jedoch läuft der ewige Gaudibursch seiner Form schon zu lange hinterher, als dass man von einer Formkrise, von einer Schwächephase reden kann.

DPA

Thomas Müller bei seinem DFB-Debüt 2010

Weil der Erfolg Müllers sich nie mit den üblichen Parametern der Fußballer erklären ließ: Schnelligkeit, Robustheit, technische Brillanz. Von alldem hatte der Junge aus Pähl im bayerischen Pfaffenwinkel nie allzu viel mitgebracht. Müller war anders als alle anderen, er hat vom Instinkt gelebt, er ist der Meister der Intuition gewesen, er wusste, wo der Ball hinkommen würde, er wusste, dass er in diesem Moment sich dorthin zu bewegen hat, wo Thomas Müller zu stehen hat: Dorthin, von wo der Ball anschließend den Weg ins Tor nimmt.

All das hat sich im Lauf der vergangenen Jahre aus seinem Spiel herausgeschlichen. Löw hat ihm trotzdem die Treue gehalten, wie das Joachim Löw nun einmal so gern tut. Aber wahrscheinlich hat kein Spieler eine schöpferische Pause nötiger als Thomas Müller.

insgesamt 17 Beiträge
Binideppert? 19.11.2018
1. Der neue Poldi
Der Müller-Thomas ist der neue Poldi. Fürs Spiel nicht mehr gebraucht, aber als Gaudibursch unentbehrlich!
Der Müller-Thomas ist der neue Poldi. Fürs Spiel nicht mehr gebraucht, aber als Gaudibursch unentbehrlich!
alternativlos 19.11.2018
2. Authentischer Rollentausch.
Es wäre gut wenn Müller die Rolle mit seinem Spiegel tauschen würde. Es wäre eine Offenbarung zu sich selbst und eine Anpassung seiner Identität. Dazu wird es aber niemals kommen, so dass wir auf die anderen Geschichten [...]
Es wäre gut wenn Müller die Rolle mit seinem Spiegel tauschen würde. Es wäre eine Offenbarung zu sich selbst und eine Anpassung seiner Identität. Dazu wird es aber niemals kommen, so dass wir auf die anderen Geschichten seines Beraterstabs gespannt sein dürften. Ob diese dem Bundestrainer zu mehr Authentizität verhilft, darf aber zumindest bezweifelt werden; seine Geschichte dürfte Müller nicht gefallen. Weiterhin Alles Gute
helmut.alt 19.11.2018
3. Die Routine killt die Kreativität
und die Einmaligkeit. Da ist Thomas Müller keine Ausnahme. Spitzensportler haben eben keinen permanenten Zenit. Der Artikel beschreibt die Situation sehr gut.
und die Einmaligkeit. Da ist Thomas Müller keine Ausnahme. Spitzensportler haben eben keinen permanenten Zenit. Der Artikel beschreibt die Situation sehr gut.
jujo 19.11.2018
4. ...
Schöner, positiver Artikel. Es wird kaum jemand geben,der Müller weder als Spieler noch als Typ nicht mag. Früher stand Müller fast immer richtig, z.Z. steht er fast immer falsch. Es kommt jetzt aber auch darauf an, das er [...]
Schöner, positiver Artikel. Es wird kaum jemand geben,der Müller weder als Spieler noch als Typ nicht mag. Früher stand Müller fast immer richtig, z.Z. steht er fast immer falsch. Es kommt jetzt aber auch darauf an, das er die Einsicht aufbringt und selbstkritisch seine sportliche Situation reflektiert eine Pause nimmt oder gar Schluß macht in der NM. Es gibt auch ein Leben nach der NM und dem Fußball. Er sollte es nutzen und genießen.
ranenberger 19.11.2018
5. Muss man 100 Spiele erreichen?
Der Müller Thomas, einer der Sympathieträger der NM und der Netteren des FCB, ist um. Warum auch nicht? Er hat gerackert und getroffen. Seine alten Kumpel sind weg, und er auch eher ein Schatten als ein Lichtblick. Lasst ihn die [...]
Der Müller Thomas, einer der Sympathieträger der NM und der Netteren des FCB, ist um. Warum auch nicht? Er hat gerackert und getroffen. Seine alten Kumpel sind weg, und er auch eher ein Schatten als ein Lichtblick. Lasst ihn die 100 voll machen und beim FCB ein wenig austraben. Ihm tut nichts mehr weh, ok, ich meine natürlich finanziell. Sollte beim DFB das Leistungsprinzip gelten, was ich bezweifle, gibt es viele junge Spiele, die nun mehr drauf haben als er. Schade, aber so isses.

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