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Sport

Fußballtaktik militärisch gesehen

Guardiolas Waterloo

Guardiola gegen Klopp, Ballbesitzfußball und Gegenpressing - das gab es schon einmal. Anfang des 19. Jahrhunderts, in den Schlachten von Napoleon und Wellington. Eine fußball- und militärtaktische Analyse.

REUTERS

Pep Guardiola

Von
Mittwoch, 11.04.2018   20:31 Uhr

Die gesamte Saison über dominierte Manchester City die englische Premier League. Die Mannschaft von Trainer Pep Guardiola feierte eine beeindruckende Siegesserie, musste in der Liga lange Zeit nur eine knappe Niederlage hinnehmen - gegen Jürgen Klopps Liverpool. Nun aber verlor City innerhalb weniger Tage dreimal, einmal in der Liga gegen Manchester United, viel schlimmer aber: zweimal in der Champions League gegen Liverpool. Und flog damit aus dem wichtigsten europäischen Wettbewerb.

Bei vernichtenden Niederlagen fällt schnell ein Begriff: Waterloo. Auch der große Kaiser Napoleon siegte sich durch ganz Europa und bis nach Ägypten, verlor nur wenige Schlachten, unter anderem Waterloo. Es war sein Ende als Feldherr und Staatenlenker.

Anders als Waterloo für Napoleon bedeutet zwar das Ausscheiden gegen Liverpool nicht das Ende des Trainers Guardiola. Es gibt aber zwischen diesen beiden, wie überhaupt zwischen der aktuellen Dominanz des vor allem von Guardiola geprägten dominanten Ballbesitzfußballs und dem Siegeszug Napoleons erstaunliche Parallelen.

Spielfeld und Schlachtfeld

Das Zentrum stärken, über die Flügel kommen, in der Mitte durchbrechen, in den Rücken des Gegners gelangen - Fußball hat nicht nur sprachlich sehr viel mit militärischer Taktik zu tun. Fußballspiele sind Kämpfe, die Mannschaften wie zwei (zahlenmäßig gleich starke) Armeen, die sich auf dem Spielfeld begegnen. Beziehungsweise auf dem Schlachtfeld.

Im Fußball steht derzeit Guardiola wie kein Zweiter für ein Offensivsystem, das auf Ballbesitz und einem weit ins gegnerische Feld verlagerten Spiel basiert. Dagegen verbindet man Trainer wie Diego Simeone oder José Mourinho mit ausgeprägten Defensivsystemen. Und dann sind da noch Coaches wie Jürgen Klopp, deren Fußball sich nicht über Ballbesitz definiert, aber über Gegenpressing und Umschaltsituationen sehr offensiv funktioniert.

Auch in der militärischen Taktik gibt es Offensive und Defensive, Angriff und Gegenangriff, Pressing und Gegenpressing. Auch in der Militärgeschichte gab es immer wieder überlegene Systeme, etwa Defensivformationen wie die Phalanx der Makedonier unter Alexander dem Großen, oder das eher offensive Manipularsystem der Römer, denen durch taktisch weniger geschulte Feldherren und Armeen nur schwer beizukommen war.

Hannibal und Diego Simeone

Typisch für solche Systeme ist, dass sie einen nahezu ungebremsten Siegeszug antreten - jedenfalls so lange, bis sie sich entweder aufreiben oder es ihren Gegnern gelingt, das System zu entschlüsseln, seine Schwächen offenzulegen, und so vorübergehend ein Gegenmittel zu entwickeln. So wie der Karthager Hannibal gegen die Römer. Oder Simeone mit Atlético Madrid gegen die Ballkünstler der spanischen Liga. Oder Klopp nun gegen Guardiola.

In den napoleonischen Kriegen gab es neben Napoleon, der ein dem Ballbesitzfußball vergleichbares offensives System prägte, einen anderen, überragenden Feldherrn. Der setzte eher auf intelligente Defensive: Sir Arthur Wellesley, Duke of Wellington. Beide sollten eine lange Reihe von Schlachten schlagen, und am Ende ihrer jeweiligen Eroberungszüge nur ein einziges Mal aufeinandertreffen - in Waterloo.

Ähnlich wie Guardiola verlagerte auch Napoleon die Auseinandersetzungen rasch und entschlossen in die Hälfte des Gegners. Auch Napoleon setzte auf erdrückende Dominanz.

Kolonnentaktik

Napoleons System bestand - jedenfalls in seinem wesentlichen Kern - in der sogenannten Kolonnentaktik: Armeen wurden damals, vereinfacht gesagt, in breiten, nur wenige Reihen tiefen Linien aufgestellt. Die Soldaten schossen mit ihren Vorderladern (die immer wieder mühsam gereinigt und nachgeladen werden mussten) so lange aufeinander, bis eine Seite so stark dezimiert war, dass sie die Flucht ergriff.

Napoleon hingegen stellte seine Truppen in nicht sehr breiten, dafür aber sehr beweglichen Kolonnen auf. Während also die gegnerische Armee aus ihren Stellungen feuerte, marschierten Napoleons Kolonnen rasch auf diese zu, boten keine allzu große Angriffsfläche und waren vor oder sogar mitten in den gegnerischen Stellungen, bevor sie selbst zu viele Verluste erlitten hatten. So wie Napoleons Kolonnen lange vorwärts marschierten, ohne zu schießen, so dominieren auch Guardiolas Teams manchmal, ohne einen einzigen Schuss aufs Tor des Gegners abzugeben.

Napoleon siegte sich durch ganz Europa, eroberte Ägypten und kam bis nach Moskau. Sein Gegenspieler Wellington kämpfte jahrelang gegen napoleonische Armeen, im Grunde ohne eine einzige echte Niederlage in einer Schlacht. Aallerdings trat Wellington fast immer nur gegen Armeen an, die von Generälen Napoleons geführt wurden, nur einmal gegen den großen Napoleon selbst.

Wellington entwickelte und perfektionierte dabei ein System, mit dem er die französischen Kolonnen schlagen konnte. Vieles, was Wellington machte (etwa höher gelegene Stellungen zu nutzen, die die Angreifer erst einmal erklimmen mussten) machten andere zwar auch. Das Entscheidende, was die Briten allen anderen Armeen und auch den Franzosen voraus hatten, war aber ihre Feuerkraft - in etwa vergleichbar mit dem Gegenpressing im Fußball.

Scharfe Munition

Die britische Armee übte gewöhnlich mit scharfer Munition - anders als andere Armeen, in denen es üblich war, Munition und damit Kosten zu sparen. Die Soldaten verfolgten damit in der Schlacht über hundertfach eingeübte Mechanismen, und den Lärm der Salven und den Pulverdampf waren selbst frische Rekruten gewohnt. Vor allem aber hatten die britischen Soldaten aufgrund ihrer Übung eine deutlich höhere Feuerrate. Das heißt, sie konnten wesentlich mehr Schüsse pro Minute abgeben als andere - ein entscheidender Vorteil. So gelang es Wellington immer wieder, die Angriffe der Franzosen siegreich zurückzuschlagen.

Wellingtons Ruf als Defensivspezialist ging so weit, dass ihm nachgesagt wurde, er wisse gar nicht, wie man mit einer Armee angreifen müsse. So wie es derzeit keinen Trainer gibt, der eine bessere Siegquote gegen Guardiola-Mannschaften hat als Klopp, gab es damals keinen Feldherrn mit einer besseren Quote gegen die Franzosen. Bis es zur Entscheidungsschlacht kam.

Nur ein einziges Mal traf Wellington auf Napoleon - bei Waterloo. Und in dieser Schlacht musste sich zeigen, ob der Defensivkünstler auch gegen den Meister der Offensive höchstpersönlich bestehen könnte. Und das gegen eine zahlenmäßig sogar leicht überlegene französische Armee. (Viele seiner Siege hatte Napoleon in Unterzahl errungen.)

Drei Gehöfte

Wie Wellington gegen Napoleon stellte auch Klopp seine Mannschaft auf Guardiola ein. Klopp zog einen dichten Abwehrverbund auf, aber mit schnellen, ballsicheren Spielern, die tief in die Räume im Rücken des Gegners stoßen konnten. Wellington platzierte seine Truppen auf einer Anhöhe, besetzte aber auch drei davor, im Talgrund gelegene Gehöfte, von denen aus Elitesoldaten und Scharfschützen den an- und vorbeistürmenden Gegner von allen Seiten beschießen konnten. So wie Guardiola sich auf Klopp einstellte, indem er einen zusätzlichen zentralen Mittelfeldspieler einsetzte, versuchte Napoleon zunächst, diese drei Gehöfte einzunehmen.

Er verlor dadurch aber viel Zeit und viele Soldaten, während er zur Hauptlinie Wellingtons kaum durchdrang. Die erste Hälfte der Schlacht von Waterloo lässt sich vergleichen mit dem 3:0 im Hinspiel. Im Rückspiel dann der alte Guardiola-Fußball, ein schnelles 1:0, das 2:0 eigentlich gefallen, wenn es der Schiedsrichter nicht aberkannt hätte. Auch Napoleon drang schließlich mit seinen Kolonnen vor, konnte Wellingtons Armee empfindliche Verluste beibringen. Allerdings ohne die Anhöhe zu erobern.

Und so wie in den Angriffsdruck von City hinein Liverpool das wichtige 1:1 schoss, scheiterte ein französischer Kavallerieangriff, der eigentlich Wellingtons Linien hätte durchbrechen können, weil die Briten im letzten Moment auf eine andere Defensivformation umschwenkten, sich zu sogenannten Karrées formierten, zwischen denen die französische Reiterei zerrieben wurde.

Tribüne statt Feldherrnhügel

Während Napoleons Offiziere weiter Kolonne um Kolonne vergeblich gegen die Engländer schickten, bis nur noch die Kaiserliche Garde übrig war, so versuchte Guardiolas Führungsspieler Kevin de Bruyne doch noch, das Unmögliche möglich zu machen. Schließlich marschierte als letztes die Kaiserliche Garde ins Feuer der Briten - und wurde zurückgeschlagen, wie alle anderen auch. In Liverpool besiegelte das 1:2 das Ende von City und Guardiola, jedenfalls in dieser Saison der Champions League.

Napoleon wurde nach Sankt Helena verbannt, wo er starb. Guardiola wird in England immerhin noch Meister werden, und im nächsten Jahr wiederkehren. Den Nimbus der Unschlagbarkeit aber ist er erstmal los.

Anmerkung: In einer früheren Fassung des Artikels stand die Aussage, Napoleon habe vor der Schlacht von Waterloo keine einzige echte Niederlage erlitten. Diese Aussage traf stattdessen jedoch auf Wellington zu.

insgesamt 17 Beiträge
spon-facebook-10000012354 11.04.2018
1. Eine fußball- und militärtaktische Analyse
Der Text hat sicherlich einige interessante Aspekte, aber die Kolonnentaktik mehr oder minder zum zentralen Element der Erfolge Napoleons zu erklären ist doch sehr gewagt. Noch kühner ist die Übertragung der Militärtaktik auf [...]
Der Text hat sicherlich einige interessante Aspekte, aber die Kolonnentaktik mehr oder minder zum zentralen Element der Erfolge Napoleons zu erklären ist doch sehr gewagt. Noch kühner ist die Übertragung der Militärtaktik auf die Fußballtaktik, die letztlich auch keine neuen Erkenntnisse liefert. https://de.wikipedia.org/wiki/Kolonnentaktik http://www.napoleon-forum.de/index.php?/topic/677-feldschlachten-taktik-und-organisation/
zwischendurch27 11.04.2018
2. Sehr unterhaltsam
der Artikel. Echt mal was originelles. Aber welcher Nimbus der Unbesiegbarkeit von Guardiola? Der fliegt doch eigentlich immer spätestens im Halbfinale raus.
der Artikel. Echt mal was originelles. Aber welcher Nimbus der Unbesiegbarkeit von Guardiola? Der fliegt doch eigentlich immer spätestens im Halbfinale raus.
dark_racoon 11.04.2018
3. Napoleon
verlor jedoch durch die Ankunft der Preußen, da er es nicht schaffte Wellington "schnell genug" zu besiegen, um sich der zweiten anrückenden Armee zu stellen. Das die Preußische Armee überhaupt am Schlachtfeld [...]
verlor jedoch durch die Ankunft der Preußen, da er es nicht schaffte Wellington "schnell genug" zu besiegen, um sich der zweiten anrückenden Armee zu stellen. Das die Preußische Armee überhaupt am Schlachtfeld auftauchte lag an einem Missverständnisses des Generals Grouchy, der auf eine komplett unwichtige Preußische Einheit überfiel, anstatt den Weg zu Napoleon abzuschneiden.
dietmr 11.04.2018
4. Warum verlor Napoleon?
Ja, die Preußen gaben Napoleon den Rest (und banden gegen Ende der Schlacht auch wichtige französische Kräfte). Auf taktischer Ebene aber hielt eben - wie Sie sagen - Wellington Napoleon zumindest lange genug Stand, bis [...]
Zitat von dark_racoonverlor jedoch durch die Ankunft der Preußen, da er es nicht schaffte Wellington "schnell genug" zu besiegen, um sich der zweiten anrückenden Armee zu stellen. Das die Preußische Armee überhaupt am Schlachtfeld auftauchte lag an einem Missverständnisses des Generals Grouchy, der auf eine komplett unwichtige Preußische Einheit überfiel, anstatt den Weg zu Napoleon abzuschneiden.
Ja, die Preußen gaben Napoleon den Rest (und banden gegen Ende der Schlacht auch wichtige französische Kräfte). Auf taktischer Ebene aber hielt eben - wie Sie sagen - Wellington Napoleon zumindest lange genug Stand, bis eben die Preußen kamen. Die französche Infanterie schaffte es zu keinem Zeitpunkt, die Anhöhe einzunehmen. Und die Briten schlugen die Kaisergarde zurück, nicht die Preußen. Ob Wellington auch ohne die Preußen gewonnen hätte, darüber scheiden sich die Geister. (Britische Historiker sagen eher: Ja.) Hier geht es aber um einen taktischen Vergleich, nicht um eine völlige historische Gleichsetzung der Ereignisse, die ja insofern auch sinnlos wäre, da ja Bayern München (oder meinetwegen Hertha BSC) nicht plötzlich Liverpool zu Hilfe kommen konnte ... :-)
dietmr 11.04.2018
5. Mehr oder minder ...
Natürlich geht es hier um eine starke Vereinfachung ... Der von ihnen verlinkte Text stützt aber eher die vorliegende These. Und die Parallelen finden sich, was Ihnen vielleicht entgangen ist, auf mehreren Ebenen, nicht [...]
Zitat von spon-facebook-10000012354Der Text hat sicherlich einige interessante Aspekte, aber die Kolonnentaktik mehr oder minder zum zentralen Element der Erfolge Napoleons zu erklären ist doch sehr gewagt. Noch kühner ist die Übertragung der Militärtaktik auf die Fußballtaktik, die letztlich auch keine neuen Erkenntnisse liefert. https://de.wikipedia.org/wiki/Kolonnentaktik http://www.napoleon-forum.de/index.php?/topic/677-feldschlachten-taktik-und-organisation/
Natürlich geht es hier um eine starke Vereinfachung ... Der von ihnen verlinkte Text stützt aber eher die vorliegende These. Und die Parallelen finden sich, was Ihnen vielleicht entgangen ist, auf mehreren Ebenen, nicht nur in puncto Kolonnen- versus Linientaktik ...

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2006 FC Barcelona
2005 FC Liverpool
2004 FC Porto
2003 AC Mailand
2002 Real Madrid
2001 FC Bayern München
2000 Real Madrid
1999 Manchester United
1998 Real Madrid
1997 Borussia Dortmund
1996 Juventus Turin
1995 Ajax Amsterdam
1994 AC Mailand
1993 Olympique Marseille

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