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Sport

Kritik an Mertesacker

Schauen Sie in den Spiegel, Herr Matthäus

Per Mertesacker hat ein Tabu gebrochen. Im SPIEGEL beschreibt er, wie Profifußballer Druck erleben, daran auch verzweifeln. Dafür loben ihn viele. Andere, wie Lothar Matthäus, empören sich. Und zeigen nur: Sie selbst sind das Problem.

Getty Images/ Arsenal FC

Per Mertesacker

Ein Kommentar von
Sonntag, 11.03.2018   14:45 Uhr

Lothar Matthäus steht für alles, was im Fußballgeschäft immer noch schiefläuft. Das hat sich an diesem Wochenende mal wieder eindrücklich gezeigt.

Anlass ist ein Porträt des früheren Nationalspielers Per Mertesacker im SPIEGEL. Mertesacker erzählt, wie sehr er Zeit seiner Karriere unter Druck stand, wie er unter diesem Druck gelitten hat. Besonders schlimm sei es während der WM 2006 gewesen, das Ausscheiden gegen Italien habe er vor allem als Erleichterung empfunden.

Es ist ein Text, der wehtut beim Lesen, der aber auch Hoffnung macht. Die Hoffnung, dass auf so viel Offenheit eine Debatte darüber folgt, wie im Profifußball mit Problemen umgegangen wird, die mehr sind als eine Wadenzerrung. Ein Text, der Mut machen soll.

Mertesackers Aussagen haben tatsächlich viel Aufmerksamkeit erregt, wurden zitiert, kommentiert. Unter anderem von der Talkrunde beim TV-Sender Sky am Rande des Bundesligaspieltags. Dort sitzen immer dieselben Fußball-Weisen des Landes, diesmal Matthäus, Reiner Calmund und Christoph Metzelder.

Der Tenor der Runde: Hat ihn ja keiner gezwungen zu spielen.

Wer wissen wollte, mit welchen Problemen der Profifußball im Jahr 2018 in Deutschland zu kämpfen hat, wurde nicht in den 90 Minuten des Bundesligaspieltags fündig, sondern bei den Aussagen der drei Experten.

Der Mensch zählt in solchen Runden nicht viel, nur das Ergebnis. Der Sportler hat sich nach diesem Verständnis völlig aufzuopfern. Das gilt in besonderem Maße, wenn es um die deutsche Nationalmannschaft geht und erst recht um die WM 2006, das Heimturnier, das vielen Fußballfans inzwischen zu einem Heiligtum geworden ist, Sommermärchen-Affäre hin oder her.

"Im eigenen Land eine Weltmeisterschaft zu spielen, bei der du von so einer Euphorie getragen wirst, das darf ja gar keine Belastung sein", sagte Matthäus in der Runde. Sätze wie dieser zeigen, warum der 56-Jährige als Trainer, seiner einst angestrebten Zweitkarriere, von großen Vereinen nie ernsthaft in Betracht gezogen wurde: Weil der Umgang mit Menschen und deren Empfindungen einem Fußballcoach eben nicht egal sein sollte. So viel sei Matthäus verraten: Empathie ist kein französischer Innenverteidiger.

DPA

Lothar Matthäus als TV-Experte

Und sie zeigen, warum Matthäus nach seiner Zeit als Rekordnationalspieler nach neuen Bestmarken zu streben scheint, als Rekordexperte, der wahllos zu allem etwas sagt, was er "meine Meinung" nennt. Dabei kümmert ihn wenig sein Gerede von gestern, erst recht nicht sein Gerede von 2013, als er im Magazin "11 FREUNDE" sagte: "Es gab Momente in meiner Karriere, da bin ich an diesem Erwartungsdruck fast erstickt."

Matthäus stimmt seine Aussagen immer bemüht auf das ab, was er als mehrheitsfähig in seiner Zielgruppe ausgemacht hat. In diesem Fall: Wenn die deutschen Fans einen in heimischer Kulisse anfeuern, hat man zu funktionieren. Das ist schon sehr stumpfer Populismus.

Damit sind wir schon beim großen Ganzen: Populismus, verkürzte Darstellungen, Ahnungslosigkeit. Matthäus - und auch Calmund und Metzelder - haben am Samstag mal wieder vorgeführt, warum Themen wie Überforderung, Depression, Homosexualität im Profifußball noch immer große Tabus sind. Sobald einer den Kopf aus dem üblichen Phrasensumpf herausstreckt, wird draufgehauen. Auch wenn es ein Weltmeister ist.

Die Welt, in der sich Leute wie Matthäus eingerichtet haben und in der sie noch etwas gelten, darf aus deren Sicht nun mal nicht bedroht werden, sie soll sich nicht verändern. Matthäus und Co. tun einiges dafür, auch die "Bild"-Zeitung, die zum Beispiel an diesem Wochenende über die Spieler des Hamburger SV nach dem 0:6 bei Bayern München schreibt: "7 Mal die 6 für die HSV-Luschen".

Personen wie Mertesacker verändern den Fußball zum Positiven

Die gute Nachricht ist: Die Welt verändert sich doch, selbst im Fußball. Nicht so schnell, wie man sich wünschen würde, aber immerhin. Dank Personen wie Per Mertesacker. Psychologische Betreuung der Spieler gehört inzwischen im Profibereich zum Standard, gegen Rassismus wird vonseiten der Verbände besser vorgegangen, Missbrauchsskandale wie der in England werden aufgearbeitet und nicht mehr verschämt totgeschwiegen.

Mertesacker kümmert sich ab der kommenden Saison um den Nachwuchs des FC Arsenal. Eine Aufgabe, für die er laut Matthäus ungeeignet sei. "Wie will er nach diesen Aussagen weiter im Profifußball tätig sein?", hatte er bei Sky gefragt. "Wie will er einem jungen Spieler diese Professionalität vermitteln, wenn er sagt, dass da zu viel Druck ist. Das geht nicht."

Zum Glück geht es eben doch. Etwas besseres, als dass reflektierte Menschen wie Mertesacker sich um die Jugendlichen kümmern, kann dem Fußball nicht passieren.

insgesamt 166 Beiträge
hgwxx/7 11.03.2018
1. Mertesacker: ja, aber......
Das Outing von Per Mertesacker in Ehren. Aber warum kommt der ausgerechnet jetzt, kurz vor Ende seiner Karriere, wo ihm niemand mehr (finanziell?) etwas wegnehmen kann? Er beschreibt ja, dass er schon 2006 während der WM [...]
Das Outing von Per Mertesacker in Ehren. Aber warum kommt der ausgerechnet jetzt, kurz vor Ende seiner Karriere, wo ihm niemand mehr (finanziell?) etwas wegnehmen kann? Er beschreibt ja, dass er schon 2006 während der WM furchtbar gelitten hat. Warum kam er nicht damals? Weil er, menschlich verständlich, noch lange Jahre auf hohem Niveau verdienen wollte? Da ist ein Harald Schumacher, genannt Toni Schumacher, ehrlicher gewesen: der hat auf dem Höhepunkt seiner Karriere, 1987, ein Buch geschrieben (schreiben lassen?), in welchem er sich aus seiner Sicht sehr ehrlich über den Fußball ausgelassen hat. Schon Schumacher konnte damals wissen, dass dieses Buch ihn seine Karriere kosten könnte. Der 1. FC Köln entließ ihn auch als Reaktion auf dieses Buch. Schumacher war also bereit, seine Karriere für dieses Buch zu opfern. Deswegen empfinde ich das jetzige Outing von Mertesacker als zeitlich sehr taktisch gewählt und nicht unbedingt als Befreiungstag für die vielen, scheinbar mitleidenden Kollegen, die sich nicht outen. Wenn die Taschen schon voll sind, lässt es sich immer leichter outen.
finnstroem 11.03.2018
2. Dank
Danke für den wunderbaren Artikel! Danke für den Mut und danke an Per Mertesacker! Es wird allerhöchste Zeit für mehr Menschlichkeit. Jeder wünscht sich das für sich selber und jedem steht ein großes Maß an Mitgefühl zu. [...]
Danke für den wunderbaren Artikel! Danke für den Mut und danke an Per Mertesacker! Es wird allerhöchste Zeit für mehr Menschlichkeit. Jeder wünscht sich das für sich selber und jedem steht ein großes Maß an Mitgefühl zu. Ich hoffe noch auf viel Unterstützung in dieser Richtung!
rambazamba1968 11.03.2018
3. Matthäus und Presse
Ja, das was Matthäus gesagt hat. ist empörend und wird hier zu Recht kritisiert. Ich möchte aber auch ein Beispiel nennen, was leider auch Journalisten gerne machen. Köln hat das letzte Spiel im Abstiegskampf gegen VFB [...]
Ja, das was Matthäus gesagt hat. ist empörend und wird hier zu Recht kritisiert. Ich möchte aber auch ein Beispiel nennen, was leider auch Journalisten gerne machen. Köln hat das letzte Spiel im Abstiegskampf gegen VFB verloren. 99% der Kölner Fans haben dennoch der Mannschaft applaudiert, auch wenn allen klar ist, dass es fast unmöglich ist und der Abstieg besiegelt wurde. Von der Unterstützung der Fans war nichts zu lesen, aber über einen emotional fehlgeleiteten Capo haben sich alle vor allem in der Presse aufgeregt und die Kreuze vom HSV sind schön in den Medien heute present. Auch die Presse hat Verantwortung den Druck von den Spielern zu nehmen und nicht noch einen oben drauf zu setzen wie die Bild, die von den Luschen vom HSV schrieben. Es ist leider wie bei Kindern. Man muss das Positive vielleicht auch mal mehr erwähnen als immer nur das Negative
Emderfriese 11.03.2018
4. Vox populi
Nach meiner Überzeugung ist der Profi-Fußball Populismus pur. Fans denken in den seltensten Fällen nach, sie empfinden einfach nur. Vor allem empfinden sie das mit, was ihnen von den großen Vereinen angeboten wird: eine Art [...]
Nach meiner Überzeugung ist der Profi-Fußball Populismus pur. Fans denken in den seltensten Fällen nach, sie empfinden einfach nur. Vor allem empfinden sie das mit, was ihnen von den großen Vereinen angeboten wird: eine Art örtlich begrenzter Nationalismus, dem im Krieg gegen die anderen, "fremden" Vereine Geld und sogar die eigene Gesundheit geopfert wird. Und wie im richtigen Leben stoßen sich dabei wenige Häuptlinge gesund. Dass allerdings sogar die sehr gut bezahlten Profifußballer diesem System untergeordnet sind, war mir neu.
lobivia 11.03.2018
5. Petri Dank
Am 11.03.2018 um 14:12h hat Lukas Rilke in meisterlicher Weise, Lothar Matthäus mit einem gezielten, journalistischen Blattschuss erlegt.
Am 11.03.2018 um 14:12h hat Lukas Rilke in meisterlicher Weise, Lothar Matthäus mit einem gezielten, journalistischen Blattschuss erlegt.
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