Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Rassismus im Amateurfußball

Warum der Meiendorfer SV bundesweit als Vorbild dienen kann

Während eines Oberligaspiels in Hamburg diskriminiert ein Fan einen Spieler. Daraufhin verlässt seine Mannschaft das Feld. Rassismus-Experte Gerd Wagner fordert Klubs auf, sich daran ein Beispiel zu nehmen.

Andre Matz

Meiendorfs Spieler Kevin Heitbrock (M.), Fans des HSV Barmbek-Uhlenhorst

Ein Interview von
Dienstag, 19.02.2019   16:38 Uhr

Es kommt selten vor, dass ein Spiel in der fünften Liga bundesweit Schlagzeilen macht. Aber bei der Partie in der Hamburger Oberliga zwischen dem HSV Barmbek-Uhlenhorst und dem Meiendorfer SV gab es am Sonntag einen Eklat. Die Partie musste beim Stand von 3:0 abgebrochen werden, weil die Meiendorfer Mannschaft den Rasen nach 76 Minuten geschlossen verlassen hatte.

Ein Barmbeker Fan hatte einen ihrer Spieler rassistisch beleidigt. Der Meiendorfer SV nannte den Fall auf seiner Facebook-Seite "mehr als traurig und beschämend". Gerd Wagner erklärt, warum der Umgang der betroffenen Mannschaft aber als Vorbild dienen kann. Der 59-Jährige ist Rassismus-Experte bei der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Dort begleitet und berät Wagner lokale Fanprojekte unter anderem beim Thema Diskriminierung.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wagner, haben Sie die Vorkommnisse im Hamburger Amateurfußball überrascht?

Gerd Wagner: Nein. Es gibt immer wieder Fälle von Rassismus - gerade im Amateurfußball. Darüber wird nur viel weniger berichtet als im Profifußball. Im Amateurfußball werden solche Fälle seltener gemeldet. Es fehlen ausgebildete Sicherheitskräfte, die darauf achten. Auch gibt es meist keine Videoaufzeichnungen. Da ist man dann von den Schiedsrichtern abhängig, die das melden. In diesem Hamburger Fall sind Spieler und Zuschauer eingeschritten.

KOS

Rassismus-Experte Gerd Wagner

SPIEGEL ONLINE: Dass eine Mannschaft nach rassistischen Beleidigungen geschlossen vom Feld geht, hat es in der Hamburger Oberliga noch nicht gegeben. Zudem hat der Heimverein schnell reagiert und den mutmaßlichen Täter ausgeschlossen. Wie bewerten Sie das?

Wagner: Das ist nicht selbstverständlich. Ich kenne Fälle, bei denen Vereine versucht haben, Rassismus zu vertuschen oder mit Verniedlichungen herunterzuspielen wie: Das meint er ja nicht so.

SPIEGEL ONLINE: In diesem Fall ist eine Mannschaft vom Platz gegangen.

Wagner: Und damit wurde ein sehr gutes Zeichen gesetzt, das auch andere Klubs wahrnehmen sollten. Die Mannschaft hat sich nicht nur hinter ihren betroffenen Spieler gestellt, sondern auch Aufmerksamkeit und Sensibilität für das Thema erzeugt. Der Fall in Hamburg kann also als Vorbild dienen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in der Vergangenheit Projekte gegen Rassismus im Amateurfußball geleitet. Nehmen Sie eine gesunkene Hemmschwelle für rassistische Parolen wahr?

Wagner: Wir leben in einer Zeit, in der wir in Deutschland 13 Prozent Wählerstimmen für die AfD haben, eine rechtspopulistische Partei. Diese Entwicklung macht sich im Fußball ebenso wie in anderen Bereichen der Gesellschaft bemerkbar. Zahlen gibt es wenige. In der Saison 2016/2017 wurden bundesweit im Fußball 2800 Fälle von Rassismus im Profi- und Amateurfußball registriert. Das ist immer noch hoch. Das Thema Rassismus bleibt uns also leider erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Dazu kommen noch sexistische und homophobe Beleidigungen.

Wagner: Wenn wir diese Fälle dazurechnen, reden wir sogar noch über ganz andere Zahlen. Denn hier wird vieles aus Schamgefühl gar nicht angezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Was können Amateurvereine gegen Rassismus im eigenen Stadion tun?

Wagner: Sie können sich ein Beispiel an Eintracht Frankfurts Präsident, Peter Fischer, nehmen. Er hat erklärt, dass niemand Mitglied in seinem Klub werden kann, der die Werte der AfD vertritt. Oder an Werder Bremen: Da wurde ein Verhaltenskodex erstellt, um Rassismus und Diskriminierung zu unterbinden. Den muss jedes Vereinsmitglied unterschreiben. Das sind Profiklubs, aber warum machen das nicht auch Amateurvereine? Jeder Klub sollte sich fragen: Welche Grenzen kann ich setzen? Wie können wir das in unsere Satzung aufnehmen? Amateurklubs sollten sich einen Verhaltenskodex verschreiben. Dann wird es Zuschauern in Zukunft auch nicht mehr so leicht gemacht, ihre rassistische Meinung kundzutun.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Landesverbände tun?

Wagner: Sie könnte den Fall in Hamburg zum Anlass nehmen, um ihre Trainer und Schiedsrichter besser zu schulen. Dass es im Fußball nicht nur wichtig ist, mit dem rechten und dem linken Fuß gut spielen zu können, sondern dass es auch wichtig ist, Sozialkompetenz zu stärken. Trainer und Schiedsrichter können einwirken, dass Rassismus weniger Platz findet.

SPIEGEL ONLINE: Wohl am 27. Februar muss das Sportgericht des Hamburger Fußball-Verbandes über den Fall bei Barmbek-Uhlenhorst entscheiden. Was ist da zu erwarten?

Wagner: Ich hoffe, dass das Verlassen des Platzes für den Meiendorfer SV nicht durch die Regularien sanktioniert wird. Dass das Spiel mit 0:3 Toren und null Punkten gewertet und der Verein für das Einstehen für Werte noch bestraft wird. Das wäre ein fatales Zeichen.

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP