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Sport

Sven Bender von Bayer Leverkusen

"Ich bin eher der Typ Wellenbrecher"

Die acht Jahre beim BVB waren die vielleicht schönsten im Leben von Sven Bender: Der Neu-Leverkusener über Probleme beim Ex-Klub, Trainer Heiko Herrlich - und warum er sich mit 28 Jahren bereits alt fühlt.

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Von und
Freitag, 12.01.2018   15:28 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Bender, was macht Ihnen mehr Spaß - gegen Ihren Bruder zu spielen oder mit ihm?

Bender: Es macht auf jeden Fall mehr Spaß, mit ihm zu spielen. Vor allem, weil er eine ähnliche Auffassung vom Fußball hat. Es macht Spaß, wenn man jemanden hat, der viele Dinge sieht. Bevor ich etwas anzeigen muss, hat er es schon gesehen. Ich hab aber auch die Spiele gegeneinander sehr genossen. Zumindest unsere Mutter hat es jetzt einfacher: Sie muss nicht mehr zwischen den Spielen hin und her zappen, sondern nur noch eins schauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie und Lars verbindet doch viel mehr als nur ein ähnlicher Blick auf das Spiel.

Bender: Früher haben wir auch auf dem Platz alles gemeinsam gemacht, zuletzt aber eben acht Jahre auch nicht. Lars hat seinen Weg eingeschlagen und ich meinen, er hat seinen Spielstil entwickelt und ich meinen. Dass wir uns sehr gut austauschen, hat weniger damit zu tun, dass wir familiär oder emotional so eng verbunden sind. Es liegt eher daran, dass wir beide in einem fortgeschrittenen Fußballeralter sind.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich etwa mit 28 Jahren schon alt?

Bender: Wenn ich sage, ich bin ein alter Spieler, dann heißt es immer: "Eigentlich bist du ein junger Kerl." Aber im Fußball bist du mittlerweile wirklich im fortgeschrittenen Alter. Ich bin in Leverkusen der Viert- oder Fünftälteste. Die Jungen, die nachrücken, die sind dann noch mal schneller, das ist krass. Die sind noch besser ausgebildet. Den Unterschied zu damals, als wir jung waren, den merke ich schon. Wenn ich zum Beispiel Kai Havertz sehe...Puh.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt sind Sie vor allem Innenverteidiger gewesen. Sind Sie zufrieden mit dieser Rolle, oder spielen Sie doch lieber im Mittelfeld?

Bender: Thomas Tuchel hat mich ja vor zwei Jahren in Dortmund in die Innenverteidigung versetzt, und ich hab das damals gern angenommen. Die Abläufe sind ähnlich wie im zentralen Mittelfeld. Gerade da ich nie der offensivste Sechser war, sondern eher der Typ Wellenbrecher. Der Trainer hat mich dadurch flexibler gemacht in meinem Spiel, dafür bin ihm sehr dankbar. In der Abwehr hat man mehr Leute vor sich, sieht sogar noch mehr. Von dort kann man noch besser einwirken auf die Jungs als eine Position weiter vorne.

SPIEGEL ONLINE: Acht Jahre haben Sie beim BVB gespielt, Sie kennen den Verein gut. War das in Ihrem letzten Jahr schon zu spüren, dass diese Runde etwas schwieriger werden könnte?

Bender: Die Entwicklung in Dortmund war schon überraschend. Der Kader ist eigentlich unfassbar stark. Gerade nach dem guten Saisonstart hätte ich nie gedacht, dass sie in so eine Negativspirale hineingeraten könnten. Klar, auch in der vergangenen Spielzeit war nicht immer alles harmonisch. Es gab Konflikte, es gab schwierige Momente. Da war der Anschlag vor dem Monaco-Spiel, da kam vieles zusammen, da ist viel auf die Spieler eingeprasselt.

SPIEGEL ONLINE: Zu viel?

Bender: Es gab vielleicht nicht mehr ganz so viele Spieler, die das große Ganze im Blick hatten. Und da zähle ich mich schon dazu, ich habe geschaut, dass wir die Truppe zusammenhalten. Solche Spieler sind über die Jahre ein bisschen verloren gegangen. Sebastian Kehl hat aufgehört, Mats Hummels ist weggegangen, es gab weniger Führungsspieler. Das ist vermutlich in der Hinrunde ihr Problem gewesen, gerade als die Ergebnisse ausgeblieben sind.

SPIEGEL ONLINE: "Wärst du doch bloß nicht gegangen - genau so einen bräuchten wir doch jetzt." Hören Sie das manchmal aus Dortmund?

Bender: Schon, darauf wird man immer mal wieder von Leuten angesprochen. Ich kann auch nicht sagen, dass diese lange Zeit jetzt schon komplett abgehakt wäre, dass ich keinen Gedanken mehr daran verschwende. Beim BVB habe ich wahrscheinlich die schönste Zeit meiner Karriere erlebt, dafür bin ich dankbar. Aber ich habe im Sommer aus voller Überzeugung ein neues Kapitel aufgeschlagen.

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Sven Bender bei Bayer 04: Plötzlich sogar Torjäger

SPIEGEL ONLINE: Mit Dortmund haben Sie Meisterschaften und Pokal gewonnen, viele starke Mitspieler erlebt. Wie sieht es in Leverkusen aus? Ist das eine Mannschaft, bei der man sagen kann, da stimmt viel?

Bender: Das Gefühl habe ich, hier kann sich wirklich etwas Großes entwickeln. Wie gesagt, die Jungs sind alle sehr, sehr jung - und die gehen mit unfassbar großer Lust heran an die Geschichte. Das ist ein wichtiger Punkt, um erfolgreich Fußball zu spielen. Die Lust am Gewinnen, der Spaß am Spiel. Das Miteinander passt.

SPIEGEL ONLINE: Oft heißt es, wenn Bayer Leverkusen es schafft, die Qualität abzurufen, die die Einzelspieler mitbringen - dann reicht das für die Champions League. Ist die Qualität in diesem Kader wirklich größer als beispielsweise bei Schalke oder Mönchengladbach?

Bender: Die Qualität ist auf jeden Fall gut genug, um erfolgreichen Fußball zu spielen. Aber wie so oft zählt auch hier die Mentalität. Sie kann viel von der Qualität des Gegners wettmachen. Die Herangehensweise, die Einstellung, mit der man in ein Spiel geht - die ist wichtig. Und dann setzt sich die eigene Qualität auch durch. In der Rückserie müssen wir noch gieriger auf die Tore und damit auch auf die Siege sein.

SPIEGEL ONLINE: In Dortmund waren 80.000 Fans bei jedem Spiel, in Leverkusen sind es deutlich weniger. Könnte das erklären, warum Bayer manchmal dieser Impuls fehlt, nach einem 1:0 nachzusetzen?

Bender: Klar, die Lautstärke ist angesichts der vielen Menschen auf der Süd nicht vergleichbar mit Leverkusen, du kannst aber auch hier vom Publikum getragen werden. Zumal das Stadion meist voll ist. In jedem Stadion, egal wie viele Fans da sind, geht eine Dynamik von den Rängen aus, die dann auch auf die Spieler ausstrahlen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in etlichen großen Arenen gespielt. Welche Kulisse hat Sie am meisten beeindruckt?

Bender: Unser Europa-League-Spiel in Liverpool, das war von der Stimmung her schon genial, auch wenn wir das leider verloren haben. Ein Spiel aber war sogar noch spektakulärer: Das war damals in Dortmund gegen Málaga, da kommt auch Liverpool nicht ran. Das war beeindruckend.

SPIEGEL ONLINE: Große Stadien, viele Fans - spielt so was für einen Profifußballer und seine Karriereentscheidungen überhaupt eine Rolle?

Bender: Ich habe Dortmund ja erlebt. Ansonsten hätte ich vielleicht mit 25 oder 26 gesagt, so etwas will ich auch mal haben. Ich hatte es acht Jahre lang - und ich habe da jeden Moment genossen. Hier ist vieles anders, dadurch komme ich aber auch gar nicht in die Verlegenheit, vergleichen zu müssen, und kann die Situation komplett neu annehmen. Es ist sehr angenehm hier, man kann sich ein bisschen konzentrierter und fokussierter vorbereiten. Etwas weniger Aufmerksamkeit ist manchmal auch hilfreich.

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Jürgen Klopp und Sven Bender

SPIEGEL ONLINE: Wo Sie so von Liverpool schwärmen: Jürgen Klopp hat aktuell etwas finanziellen Spielraum - und sucht Verstärkung für die Defensive. Hat er sich schon bei Ihnen gemeldet?

Bender: Es ist ja nicht so, dass wir gar keinen Kontakt mehr haben. Aber es geht dabei eigentlich nie um Fußball. Nein, das Ausland ist für mich aktuell kein Thema. Ich bin sehr glücklich, hier zu sein, das Gefühl zu haben, wieder auf mein Niveau gekommen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Dortmund mit zwei Trainern zusammengearbeitet, die das allerhöchste Ansehen genießen: Tuchel und Klopp. Jetzt unter Heiko Herrlich, den so schnell niemand in der Bundesliga erwartet hatte. Was ist er für ein Typ?

Bender: Sein Training war von Anfang an sehr abwechslungsreich - und das ist für den Kopf sehr gut, sich immer wieder neu auf etwas einzustellen, auf neue Übungen, die oft mit Spaß verbunden sind. Mir hat das alles vom ersten Moment an sehr zugesagt, das war auch mit ausschlaggebend dafür, dass ich mich für Leverkusen entschieden habe. Wir denken gleich über Fußball, und das erleichtert vieles. Heiko Herrlich kann einen extrem mitreißen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Herausforderungen für den Kopf - besteht nicht auch die Gefahr, dass Trainer ihre Spieler überfordern?

Bender: Mir macht es Spaß, wenn man mitdenken muss. Aber es stimmt schon: Der Fußball ist anspruchsvoller geworden, wir spielen ja auch immer mal wieder ein anderes System. Der Trainer bekommt das gut hin: Man muss ein System auch wirklich spielen können, der Fußball sollte nicht zu kompliziert werden. Ich bin ein Fan davon, einfach zu bleiben.

insgesamt 3 Beiträge
Abel Frühstück 12.01.2018
1.
Herr Bender kommt im Interview sehr sympathisch rüber, reflektiert auch über seine Karriere. Ist im Fußball ja nicht selbstverständlich.
Herr Bender kommt im Interview sehr sympathisch rüber, reflektiert auch über seine Karriere. Ist im Fußball ja nicht selbstverständlich.
pansenhans75 12.01.2018
2. Bender Zwillinge
Ich war schon bei 1860 großer Fan der beiden! Solide, keine Allüren, kein Tamtam, aber immer sehr solide! Top! Und wenn Mann das Gespräch ließt auch selbstreflektiert! Einfach gute Jungs
Ich war schon bei 1860 großer Fan der beiden! Solide, keine Allüren, kein Tamtam, aber immer sehr solide! Top! Und wenn Mann das Gespräch ließt auch selbstreflektiert! Einfach gute Jungs
hans.günter 12.01.2018
3.
Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Die Benders waren immer faire Sportler. Ganz im Gegensatz zum anderen 60er, der jetzt bei Leverkusen spielt und der bei jedem Windhauch, der durch die BayArena weht, umfällt und auf alles tritt [...]
Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Die Benders waren immer faire Sportler. Ganz im Gegensatz zum anderen 60er, der jetzt bei Leverkusen spielt und der bei jedem Windhauch, der durch die BayArena weht, umfällt und auf alles tritt was sich gerade bewegt (zu sehen gerade im zdf mit einem Reporter, der nicht einmal Tor-Chancen zählen kann).

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