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Sport

Toni Kroos in der Nationalmannschaft

Zu viel auf einmal

Toni Kroos soll in der Nationalelf am besten alles sein: Taktgeber, Spielmacher und Krisenmanager. Damit ist der Mittelfeldspieler derzeit überfordert.

Getty Images
Aus Paris berichtet
Montag, 15.10.2018   18:05 Uhr

Toni Kroos hat von sich immer klare Vorstellungen gehabt. Unter mangelndem Selbstbewusstsein hat er schon in jungen Jahren nicht gelitten. Heute nennt er seinen Anspruch in Bezug auf die Nationalmannschaft, "auf und neben dem Platz einen gewissen Einfluss auszuüben". Dieser Einfluss ist über die Jahre immer größer geworden, so dringend wie derzeit hat ihn die Mannschaft allerdings noch nie gebraucht.

Das DFB-Team und sein Trainer Joachim Löw durchlaufen gerade ihre schwierigste Phase, seit es diese Zweierbeziehung gibt, und benötigen derzeit Halt, sehr viel Halt. Und gerade jetzt scheint Kroos seine Probleme damit zu haben, Halt zu verleihen. Beim 0:3-Debakel in Amsterdam gegen die Niederlande fiel er wenig bis gar nicht auf, der Querpass war sein Metier, Kroos, der Selbstsichere, wirkte orientierungslos wie alle anderen, angesteckt von der allgemeinen Verunsicherung um ihn herum.

Kroos ist der einzige der Verbliebenen aus dem WM-Finale von 2014, der nicht beim FC Bayern spielt, die sportliche Münchner Malaise kann ihn also kaltlassen. Aber auch Real Madrid, sein Verein, steckt derzeit im Formtief, der Krise kann er im Moment nur schwerlich entgehen, sie ist überall, wo er hinkommt. Vor der Partie in Amsterdam hat er dies noch "als eine Herausforderung" angesehen, es sei derzeit "eine normale Phase, wenn es ein paar Spiele lang auch mal nicht so läuft", predigte er Gelassenheit im Umgang mit der Krise, aber von dieser Krise ist Kroos selbst ein Teil.

Auch in Russland schon Schwächen gezeigt

Schon bei der WM zeigte er sich fahrlässig. Das 0:1 in der Partie gegen Schweden ging auf einen groben Fehler seinerseits zurück, es spricht für ihn, dass er das Spiel anschließend in der Schlussminute mit seinem fulminanten Freistoß doch noch entschied. Das Siegtor überdeckte allerdings auch seine Schwächen.

Kroos verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten, in der Verteilung der Bälle ist er an guten Tagen kaum zu übertreffen, dann arbeitet er wie eine Relaisstation. Sein Torschuss ist oft genug gelobt worden, manchmal würde man sich wünschen, im Spiel mehr davon zu sehen.

In der Nationalmannschaft sind die Standardsituationen wie selbstverständlich seine Angelegenheit. Freistoß-Geistesblitzen wie dem gegen die Schweden stehen allerdings auch viele schematisch und berechenbar getretene Eckbälle gegenüber. Das war gegen die Niederländer exemplarisch zu sehen. Auf der Pressetribüne ging vor jeder Kroos-Ecke der Spott um, bei welchem Oranje-Verteidiger der Ball wohl diesmal ankommen würde.

Er war nie der Leader

Der mittlerweile 28-Jährige hat den klaren Anspruch an sich, diese Mannschaft zu führen. Der "einzige deutsche Weltklassespieler" wird er zuweilen genannt, als Kroos nach der Weltmeisterschaft die Fortsetzung seiner DFB-Karriere ankündigte, meldete sich der Bundestrainer unverzüglich aus seinem zweimonatigen Post-WM-Schweigen, um seinen Mittelfeld-Primus überschwänglich dafür zu loben.

Kroos hat viermal die Champions League gewonnen, kein anderer deutscher Spieler kann das von sich behaupten, und dennoch ist er immer mehr ein Mannschaftsspieler gewesen als ein Leader-Typ, auch wenn er sich selbst als solchen wahrnimmt. Kroos hat immer Nebenspieler gebraucht, um seine Stärken zu entfalten. Und die hat er beim DFB derzeit nicht.

Bei Real Madrid ist es der Staubsauger Casemiro, der ihn defensiv entlastet, in der Nationalmannschaft war es Mesut Özil, der ihm die Spielmacherrolle abgenommen hat. Es ist daher kein Zufall, dass für Kroos einst der Begriff des "Zwischenspielers" erfunden wurde. Jetzt jedoch hat er beim DFB das Gefühl, er müsse alles im Mittelfeld machen. Er traut sich das zu, aber es ist nicht seine Bestimmung.

Kroos hat gesagt, seine Rolle in der Nationalmannschaft "hat sich seit Jahren kaum geändert". Aber das ist so nicht richtig. Heute ist er kein Zwischenspieler mehr, schlicht weil es nicht mehr die Spieler gibt, für die er den Zwischenraum besorgt hat. Philipp Lahm, der geniale Defensive, ist nicht mehr da, Mesut Özil, der offensive Schleicher, auch nicht. Joshua Kimmich muss in die Rolle des Sechsers erst hineinwachsen. Alles guckt auf Kroos. Das ist auch für den Mann mit dem großen Selbstbewusstsein zu viel.

insgesamt 30 Beiträge
ein-berliner 15.10.2018
1. Was heißt hier derzeit überfordert?
Ich dachte bisher Fussball ist ein Mannschaftssport, die "Mannschaft" besteht dagegen aber nur aus Egoisten. Damit kann selbst ein Kross kein Spielmacher werden und für das Krisenmanagement gibt es ja andere [...]
Ich dachte bisher Fussball ist ein Mannschaftssport, die "Mannschaft" besteht dagegen aber nur aus Egoisten. Damit kann selbst ein Kross kein Spielmacher werden und für das Krisenmanagement gibt es ja andere überbezahlte Typen beim DFB.
nn280 15.10.2018
2. Wenn der Toni Kroos alles sein
und machen soll, vom Taktgeber bis zum Krisenmanager, dann bleibt für Löw nur noch das Joggen übrig. Da hat er ja in Sotschi werbewirksam gezeigt, wo seine Möglichkeiten derzeit liegen. Sollte der Toni das alles aber [...]
und machen soll, vom Taktgeber bis zum Krisenmanager, dann bleibt für Löw nur noch das Joggen übrig. Da hat er ja in Sotschi werbewirksam gezeigt, wo seine Möglichkeiten derzeit liegen. Sollte der Toni das alles aber hinkriegen, dann steht auch der Jogi wieder in der Sonne.
klaiberwolfgang 15.10.2018
3. hört endlich auf
hört endlich auf mit dieser Lobhudelei auf Toni Kroos! Ihr redet ihn größer als er ist. Fußballerisch gesehen ist er ein Ballverteiler. Man spielt ihn an und er spielte den Ball weiter. Das war's! Auf geniale tödliche [...]
hört endlich auf mit dieser Lobhudelei auf Toni Kroos! Ihr redet ihn größer als er ist. Fußballerisch gesehen ist er ein Ballverteiler. Man spielt ihn an und er spielte den Ball weiter. Das war's! Auf geniale tödliche Vertikalpässe kann man bei ihm viele Spiele lang warten. sein Defensivverhalten ist eine Katastrophe! Von einem Leistungsvermögen eines Modric oder Pogba ist er weit entfernt. Kurz gesagt auch ein Toni Kroos gehört aussortiert!
urskenner 15.10.2018
4. Durchschnittlich
Toni Kroos ist bei weitem nicht so gut wie ihn die Öffentlichkeit und vor allem er selbst sich sieht. Seine Stärke war immer das pressingresistente Spiel mit dem Ball und die Verteilung von diesem. Zu schwach im Stellungsspiel, [...]
Toni Kroos ist bei weitem nicht so gut wie ihn die Öffentlichkeit und vor allem er selbst sich sieht. Seine Stärke war immer das pressingresistente Spiel mit dem Ball und die Verteilung von diesem. Zu schwach im Stellungsspiel, zu langsam und Zweikampfschwach sind Merkmale, die von seinem Partnern im Mittelfeld ausgeglichen werden müssen. Das funktioniert in Madrid besser als in der N11. Im Endeffekt liegt aber die Krise daran, dass Schweinsteiger und Klose nicht einmal ansatzweise ersetzen konnte. Teilweise auch von Löw selbst verschuldet. Gegen Frankreich wird es die nächste böse Klatsche gebe, da das Mittelfeld schlicht und einfach zu langsam ist. Löws Erfolg bestand darin, dass er 2009/10 eine radikale Verjüngung durchgeführt hat, das wäre jetzt wieder von Nöten.
Yoroshii 15.10.2018
5. Kroos spielt jetzt wieder so wie damals bei Bayern
Deswegen hat man ihn gerne gehen lassen. Und so hat er auch in Der NATI gespielt, bis er zu Real gewechselt ist. Seine ewige Rück- und Querpasserei hat er bleiben lassen und seine Spaziergänge haben sich zu vertitablen Läufen [...]
Deswegen hat man ihn gerne gehen lassen. Und so hat er auch in Der NATI gespielt, bis er zu Real gewechselt ist. Seine ewige Rück- und Querpasserei hat er bleiben lassen und seine Spaziergänge haben sich zu vertitablen Läufen geweitet. Bei REAL hat er in Modric den Mann gehabt, der das Spiel auf unbedingte Weise machte. Und Kroos stieg zum ballsicheren Mitspieler auf. Zidane ist weg und Ronaldo auch. Real funktioniert nicht mehr und Kroos kann daran nix ändern. Weniger! Er ist wieder Kroos

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Deutsche Rekord-Nationalspieler

Name Jahre Spiele
Lothar Matthäus 1980-2000 150
Miroslav Klose 2001-2014 137
Lukas Podolski 2004-2016 129
Bastian Schweinsteiger 2004-2016 121
Philipp Lahm 2004-2014 113
Jürgen Klinsmann 1987-1998 108
Jürgen Kohler 1986-1998 105
Hans-Jürgen Dörner 1969-1985 105
Joachim Streich 1969-1984 105
Per Mertesacker 2004-2014 104
Franz Beckenbauer 1965-1977 103
Jürgen Croy 1967-1981 102
Thomas Häßler 1988-2000 101
Ulf Kirsten 1985-2000 100

Quelle: DFB

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