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Stadionneubau von Tottenham Hotspur

BER auf Englisch

Eines der berühmtesten Fußballteams der Welt ist gerade heimatlos: Der Stadionneubau von Tottenham Hotspur verzögert sich und wird teurer als geplant. Das hat nun auch schmerzhafte sportliche Konsequenzen.

REUTERS

Harry Kane

Von , London
Freitag, 05.10.2018   16:47 Uhr

"Wembley gehört Lionel Messi", proklamierte die "Times" nach der 4:2-Zaubervorstellung des Argentiniers in Nordlondon. Für Tottenham Hotspur las sich diese Zeile gleich doppelt bitter. Sie kamen darin erstens, wie in den meisten Aufmacherfotos auf der Insel, nicht mal als Statisten vor, trotz einer in Phasen durchaus ansprechenden Leistung und einer zwischenzeitlichen Aufholjagd, die Trainer Mauricio Pochettino als "heroisch" bezeichnete.

Darüber hinaus spielte der Satz aber auch noch auf die schmerzhafte Heimatlosigkeit der Lilienweißen an. Sie hatten Messis Eroberung der nationalen Fußball-Symbolstätte nur als Untermieter beigewohnt.

Das Match gegen Barcelona am Mittwochabend hätte das erste Champions-League-Spiel im neugebauten White-Hart-Lane-Stadion sein sollen. Doch die Fertigstellung der Betonschüssel zieht sich noch mindestens bis Weihnachten.

Anonyme Informanten berichteten in "Construction News" Anfang des Monats über "Chaos, Konfusion und Undiszipliniertheiten" auf der Baustelle, wo mittlerweile knapp 4000 Mann rund um die Uhr arbeiten. Vor allem die mangelnde Koordination verschiedener Subunternehmer, die der Verein aus Kostengründen direkt engagiert hat, führe zu ständigen Verzögerungen, schreibt das Fachblatt. Zudem gebe es ein Alkohol- und Drogenproblem in der Belegschaft. Bauträger Mace bestritt die Vorwürfe.

Klar ist nur: Es wird teuer

Die Spurs sind mittlerweile ganz davon abgerückt, einen genauen Termin für den Umzug zu versprechen. "Wir haben stets betont, dass wir Updates zu Test-Veranstaltungen und der offiziellen Eröffnung verkünden, wenn wir sichergehen können, dass unsere Projekt-Manager und Bauträger den revidierten Zeitplan für die Arbeiten erfüllen können", sagte ein Sprecher. Spekulationen, wonach der Klub erst zur nächsten Saison nach Tottenham zurückkehren könnte, seien "unverantwortlich".

Laut einer Schätzung des "Daily Telegraph" werden sich die Kosten des Areals von umgerechnet 963 Millionen Euro auf 1,24 Milliarden Euro erhöhen. Das entspräche dem vierfachen Jahresumsatz des Vereins und erklärt die mangelnde Bereitschaft, die Fans für die verteuerten Jahreskarten zu entschädigen. Bis zu 50 Prozent mehr zahlen die Zuschauer in der laufenden Saison, doch sie sitzen nicht an der neuen Lane, sondern weiter im ungeliebten, gefühlskalten Wembley-Stadion und mussten für ein Ligapokalspiel gar in das hundert Kilometer entfernte Stadion der Viertligisten MK Dons in Milton Keynes ausweichen.

Heimatlosigkeit und sportliche Desorientierung

Ein eklatanter Mangel an Neuzugängen schlägt dem Anhang zusätzlich aufs Gemüt. Die traditionell eher sparsamen Spurs mussten im Frühjahr die klubeigene Grundgehalts-Obergrenze von umgerechnet 5,8 Millionen Euro aushebeln, um die Verträge der Leistungsträger Dele Alli, Harry Kane und Christian Eriksen dem Niveau der Konkurrenz anzupassen. Das Trio blieb wie der vielfach umworbene Trainer im Verein, doch der Stadionneubau verschlingt nun so viel Geld, dass für Tottenhams Transferaktivitäten in diesem Sommer nichts mehr übrig blieb. Als einziger Profi-Klub in den Topligen verpflichtete man keinen einzigen Spieler.

Das Wohl des Teams hängt deswegen mehr denn je von Stürmerstar Kane ab, der in neun Spielen bereits sechs Treffer erzielt hat, nach der langen WM-Saison jedoch ab und an arg erschöpft wirkt. Nach den zwei Auftaktniederlagen gegen Inter und Barcelona in der Champions League muss der angekündigte Angriff auf die internationale Spitze aber vermutlich schon bald wieder abgeblasen werden. "Wir gehören nicht nur zu den besten Teams in England, sondern in Europa" hatte Pochettino im Vorjahr stolz verkündet. Damals hatten die Spurs die Gruppenphase als Erster abgeschlossen, vor Real Madrid und Dortmund.

Geschäftsführer Daniel Levys organischer Wachstumskurs stellt in der von ausländischen Investoren und Oligarchen dominierten Liga eine bewundernswerte Ausnahme dar, in der Liga liegt man mit Platz vier vor dem Match gegen Aufsteiger Cardiff City noch exakt im Soll. Doch die Frage bleibt, wie oft Pochettino und seine Elf das Kunststück schaffen können, besser betuchte Rivalen zu verdrängen.

Die Anzeichen verdichten sich, dass der Klub in dieser Saison in einer Grauzone kickt, zwischen Titelambitionen und Angst vor dem Rückfall in Europa-League-Gefilde. Zur andauernden Heimatlosigkeit in Nordlondon kommt so auch eine sportliche Desorientierung. Man weiß nicht so recht, wo man hingehört.

insgesamt 3 Beiträge
.patou 05.10.2018
1.
Und dann müssen sie auch noch den Spott der Arsenal-Fans ertragen, die behaupten, das neue Spurs-Stadium habe von oben betrachtet eine frappante Ähnlichkeit mit einem Toilettensitz.
Und dann müssen sie auch noch den Spott der Arsenal-Fans ertragen, die behaupten, das neue Spurs-Stadium habe von oben betrachtet eine frappante Ähnlichkeit mit einem Toilettensitz.
maxstock 05.10.2018
2. Ber? Omg!
Eine Bauverzögerung von 2-3 Monaten mit dem BER-Desaster zu vergleichen ist schon weit hergeholt. Daraus dann noch eine Identitätskrise bzw. Orientierungslosigkeit des Vereins kurz nach Saisonstart abzuleiten, wirkt dann auch [...]
Eine Bauverzögerung von 2-3 Monaten mit dem BER-Desaster zu vergleichen ist schon weit hergeholt. Daraus dann noch eine Identitätskrise bzw. Orientierungslosigkeit des Vereins kurz nach Saisonstart abzuleiten, wirkt dann auch arg konstruiert.
lieutenant 05.10.2018
3. Nicht so wirklich...
Verzeihung, aber bloß weil die Spurs keinen neuen Spieler verpflichtet haben, werden sie ja jetzt nicht direkt alles verlieren. Ist doch gar nicht schlecht, eine völlig eingespielte Mannschaft zu haben. Außerdem, beide Spiele [...]
Verzeihung, aber bloß weil die Spurs keinen neuen Spieler verpflichtet haben, werden sie ja jetzt nicht direkt alles verlieren. Ist doch gar nicht schlecht, eine völlig eingespielte Mannschaft zu haben. Außerdem, beide Spiele in der CL waren nicht schlecht, gegen Inter einfach, mit Verlaub, eigene Blödheit am Ende und gegen Barca 30 min verpennt und dafür eine Weltklasse zweite Hälfte. Für mich das beste Spiel dieser Saison bis jetzt. Ich eine nicht, dass da schon Angst mitspielt.

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