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Sport

Tottenhams Sieg über Dortmund

Im Stile keiner Spitzenmannschaft

Beim 3:0 im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League haben die Spurs dem BVB die Grenzen aufgezeigt. Als echter Titelanwärter gilt Tottenham trotzdem nicht. Das ist verständlich. Ist es auch richtig?

AP

Tottenhams Jan Vertonghen

Aus London berichtet
Donnerstag, 14.02.2019   13:13 Uhr

Wenn die Sache mit Jan Vertonghen schiefgegangen wäre, hätte man ihn den schlechtesten Trainer der Welt genannt, sagte Mauricio Pochettino.

Die Sache mit Jan Vertonghen war die: Eigentlich ist der 31-Jährige Innenverteidiger, und zwar nicht der filigranste. Bei Tottenham Hotspur stellt ihn sein Trainer Pochettino mitunter auch nach hinten links - dann, wenn defensive Qualitäten wichtiger sind als Vorwärtsdrang. Gegen Borussia Dortmund war das der Fall, Vertonghen spielte bei gegnerischem Ballbesitz links, diesmal in einer Fünferkette. Hatte Tottenham aber den Ball, wurde aus ihm eine Art Flügelstürmer.

Die Sache ging bekanntlich nicht schief, im Gegenteil, die Spurs gewannen 3:0, Vertonghen bereitete das 1:0 durch Son Heung-min vor und erzielte das 2:0 selbst, übrigens nach Vorarbeit seines Pendants rechtsaußen, Serge Aurier. Damit steht Tottenham so gut wie sicher im Viertelfinale der Champions League.

Spurs-Coach Pochettino, 46, wollte davon natürlich noch nichts wissen. Eine Mannschaft wie die der Dortmunder dürfe man nicht abschreiben, es liege noch viel Arbeit vor seinem Team, sagte der Argentinier auf der Pressekonferenz nach der Partie. Augenblicke zuvor hatte BVB-Trainer Lucien Favre seinen Podiumsplatz bei der Pressekonferenz geräumt, er hatte noch bleicher gewirkt als sonst. Lag das an der gerade erst überstandenen Erkältung oder an dem, was er zuvor auf dem Rasen erlebt hatte?

AFP

Mauricio Pochettino (r.)

Wo Favre ernst und knapp geantwortet hatte, ehe er sich mit einem brüchigen "Merci" verabschiedete, scherzte und plauderte Pochettino, und die anwesenden britischen Journalisten sprachen fast kumpelhaft mit ihm. Mauricio, was hast du in der Halbzeit zu deinen Spielern gesagt, Mauricio, gibt's zur Belohnung Urlaub, Mauricio, wie kamst du nur auf Vertonghen? Das strotzte geradezu vor Bewunderung. Ist es das nicht auch, was aktuell in Tottenham geschieht - ein Wunder?

Der Klub verpflichtete keinen neuen Spieler, Transfers wie der von Axel Witsel beim BVB waren zuletzt nicht möglich gewesen. Und doch zählen die Spurs erneut europaweit zu den Über-Performern schlechthin. Läuft alles normal, beenden sie die Premier-League-Saison als Dritter, es wäre das fünfte Jahr in Folge, dass maximal zwei Teams besser sind.

Zwar gewinnen die Spurs so gut wie nie in so berauschender Weise wie die Konkurrenz aus Liverpool und Manchester. Aber: Sie gewinnen. Obwohl sie ihre Heimspiele nicht im eigenen Stadion an der White Hart Lane austragen können; obwohl in Harry Kane, Dele und Erik Dier drei Schlüsselspieler fehlen. Am Wochenende ließen die Spurs noch mehrere Chancen gegen ein Mitteklasseteam wie Leicester zu (und gewannen trotzdem), nun stellten sie die Offensive des Bundesliga-Tabellenführers weitgehend kalt.

Mit einem gewissen Juan Foyth in der Abwehr, ein Talent, 21 Jahre alt, seit Dezember ohne Einsatzminute in der Premier League und einem exakt so fragilen Auftritt gegen den BVB, wie diese Eckdaten es vermuten lassen konnten. Foyth wirkte derart nervös, dass manch Trainer ihn wohl noch vor der Pause ausgewechselt hätte. Foyth spielte durch und steigerte sich in der zweiten Hälfte massiv. Er habe seiner Mannschaft in der Halbzeit mittels Videoclips aufgezeigt, dass sie sich nicht optimal bewege, sagte Pochettino, ohne Foyth dabei explizit zu nennen.

Spieler wie Foyth, Harry Winks oder der spektakuläre Moussa Sissoko spielten in der vergangenen Saison Nebenrollen oder gar keine. Nun sind sie mittendrin, und es funktioniert. Als Beobachter wundert man sich dann und zweifelt, dass der Erfolg anhält. War ja auch etwas glücklich, der Sieg, sagt man sich oft. Die Spurs gewinnen so regelmäßig dank später Siegtreffer, dass man die Fergie-Time mittlerweile in Poch-Time umbenennen könnte.

Pochettinos wohl größte Stärke ist es, seine Spieler besser zu machen, über sämtliche Altersklassen hinweg. Son und Christian Eriksen etwa entwickelte er zu Elitespielern. Dass das nicht überall registriert wird, mag auch daran liegen, dass sie bislang nicht für dreistellige Millionenablösen gewechselt sind. Was wiederum nur eine Frage der Zeit sein dürfte.

Kaum ein anderer Klub ist so erfolgreich und wird zugleich mit so viel Skepsis begleitet. Und sie ist ja auch nicht unberechtigt. Die erste Hälfte gegen den BVB war tatsächlich nicht gut. In Spielen gegen Topgegner wirkten die Spurs mal ebenbürtig, dann überraschend chancenlos. Und im Vergleich zur Vorsaison scheint die Mannschaft sogar an Dominanz eingebüßt zu haben. Sie hat allerdings aktuell auch elf Punkte mehr geholt als im Vorjahr. Bemerkenswert gute Zahlen, nur laufen sie eben unter dem Radar. Seine Mannschaft werde von sehr vielen unterschätzt, sagte Pochettino nach der BVB-Partie.

Man könnte das als Klage interpretieren. Oder als Drohung.

insgesamt 24 Beiträge
thequickeningishappening 14.02.2019
1. Nach Dem Aus im DFB Pokal
wahrscheinlich raus aus Der C League. Das bringt mehr Reserven im Kampf um Die Meisterschaft.
wahrscheinlich raus aus Der C League. Das bringt mehr Reserven im Kampf um Die Meisterschaft.
isi-dor 14.02.2019
2.
Ich denke nicht, dass Dortmund die beste deutsche Mannschaft ist, wenn sie schon gegen diesen Gegner haushoch rausfliegen. Aber auch die Bayern werden es gegen Liverpool sehr sehr schwer haben. Vielleicht bleibt am Ende nur [...]
Ich denke nicht, dass Dortmund die beste deutsche Mannschaft ist, wenn sie schon gegen diesen Gegner haushoch rausfliegen. Aber auch die Bayern werden es gegen Liverpool sehr sehr schwer haben. Vielleicht bleibt am Ende nur Schalke im Viertelfinale?
Wabalu 14.02.2019
3. Grundsatzentscheidung
Losgelöst von diesem Spiel, das Sky in der Konferenz übertrug und DAZN live, der Rest der Republik (danke an die Wintersportsender ARD und ZDF) schaute in die "Bratröhre" muss sich die Bundesliga also die DFL [...]
Losgelöst von diesem Spiel, das Sky in der Konferenz übertrug und DAZN live, der Rest der Republik (danke an die Wintersportsender ARD und ZDF) schaute in die "Bratröhre" muss sich die Bundesliga also die DFL entscheiden: Ist ihr wurscht ob sie im Konzert der europäischen Größen mitspielen will, dann müssen englische Verhältnisse her (Eigentümer der Spurs: ENIC/Daniel Levi), d.h. weg mit der 50+1 Regel oder wir wurschteln weiter auf deutschem Niveau, d.h. in der Regel Ausscheiden nach dem Achtelfinale oder dem Viertelfinale. Ich prophezeie allen 3 Clubs in der CL das aus, auch den Bayern spätestens im Halbfinale. Und ob man mir es glaubt oder nicht, ich war noch nie ein Freund in fußballerischer Hinsicht von Le Favre, einfach begründet mit seinen Erfolgen in der Bundesliga mit anderen Vereinen. Zum BVB-Fan wurde ich durch den Wechsel von Kloppo nach Dortmund, ich werde auch Fan des BVB bleiben, aber ich verzeihe Watzke nie den Rauswurf von Tuchel. Komme man mir auch nicht mit dem Fehlen von Spielern wegen Verletzungen. Wer einen so verletzungsanfälligen Spieler wie Reus in seinem Kader hat, muss immer doppelt besetzen. Die DFL muss endlich einsehen: Geld schießt eben doch Tore und wenn ich die Vorgänge in Hannover sehe ist hier ein ideologischer Unterschied zur Fußballwelt in England erkennbar: Dort interessiert es den Fan nicht, ob er die Spiele im Free-TV, im ÖR oder im Pay TV sehen kann und es interessiert ihn auch nicht wer Besitzer des Clubs ist, Hauptsache sein Verein spielt oben mit. Bei uns bestimmen Ultras wo es lang geht, das ist der Fehlerim System. Unsere Romantiker erfreuen sich an einer schönen Ultra-Choreographie, die englischen Fans erfreuén schöne Tore wie das grandios herausgespielte 2 : 0 durch Jan Vertonghen nach Flanke von Aurier. Und auch den Spurs fehlten 2 wichtige Spieler wegen Verletzung, vor allem Harry Kane und merkte man es? Nein
Papazaca 14.02.2019
4. Stimmt alles. Aber die andere Seite der Medaille fehlt!
Der BVB ist eine junge Mannschaft im Aufbruch. Der Trainer ist erst seit einem halben Jahr dabei. Im Moment sind wichtige Spieler krank, vergrippt. Das war offensichtlich zu viel. Das soll nicht die Leistung der Spurs schmälern, [...]
Der BVB ist eine junge Mannschaft im Aufbruch. Der Trainer ist erst seit einem halben Jahr dabei. Im Moment sind wichtige Spieler krank, vergrippt. Das war offensichtlich zu viel. Das soll nicht die Leistung der Spurs schmälern, bei denen auch wichtige Spieler wie Harry Kane fehlten. Klar, war für den BVB - aber auch für mich - kein schöner Abend. Aber passiert halt. Eigentlich hatte ich so einen Einbruch schon früher erwartet. Trotzdem: Ich gestehe jeder jungen Mannschaft Schwächen zu. Auch Ajax bekam gestern eine harte Lektion. Und trotzdem: Ich freue mich über den BVB wie auch über Ajax. Deren Zeit wird noch kommen.
timtom2222 14.02.2019
5.
Naja bin kein BVB Fan, aber draußen sind Sie noch lange nicht. Dortmund kann zu Hause locker drei Tore machen. Die dürfen halt nur keines bekommen. Im Europapokal ist so etwas schon öfter geschehen.
Naja bin kein BVB Fan, aber draußen sind Sie noch lange nicht. Dortmund kann zu Hause locker drei Tore machen. Die dürfen halt nur keines bekommen. Im Europapokal ist so etwas schon öfter geschehen.

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