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Gesichter Russlands

Alexej, der Kupferreiniger aus dem Ural

Ekaterina Anokhina

Alexej Zykow ist ein Mann der Metalle: Der Ingenieur erntet Kupfer bei einem der größten Hersteller Russlands im Ural, wie er den Prozess nennt. Weil nun alle Fußball gucken, muss sein Hobby, das Tanzen, erst einmal pausieren.

Von  und Ekaterina Anokhina (Fotos)
Montag, 25.06.2018   12:40 Uhr
Ekaterina Anokhina

Alexej Zykow an seinem Arbeitsplatz, von dem er aus über Bildschirme und Computer die Prozesse steuert.

[STECKBRIEF]
Alexej Zykow
30 Jahre alt
Werchnaja Pyschma
Gebiet Swerdlowsk bei Jekaterinburg
Ingenieur für Hydrometallurgie
bei der Bergbau- und Metallurgie-Holding kurz UGMK, auf Russisch: Uralskaja Gorno-Metallurgitscheskaja Kompanija

Ekaterina Anokhina

Waggons mit fertigen Kupferblättern, jedes wiegt 100 bis 110 Kilogramm

Ekaterina Anokhina

Für Alexej Zykow ist Kupfer das schönste Metall - "sanft und lebendig"

Alexej Zykow fasst auf ein lachsrotes Paket mit Kupferblättern, das auf Waggons in einer Lagerhalle liegt. Das Ergebnis seiner Arbeit. Der 30-jährige Ingenieur ist dafür zuständig, Kupfer zu ernten - so nennt Alexej den Prozess, den er bei der Bergbau- und Metallurgie-Holding Uralskaja Gorno-Metallurgitscheskaja Kompanija, kurz UGMK, betreut.

"Kupfer ist ein sanftes Metall, ein lebendiges dazu, das seine Farbe verändert, es wird immer dunkler", sagt Alexej und fährt mit den Fingern über die geriffelte, kühle Oberfläche eines der Kupferblätter.

Ekaterina Anokhina

Alexej würde gern irgendwann einmal eine Werkshalle leiten, er ist Vorsitzender der Gewerkschaft in seinem Bereich

Das Unternehmen liegt 20 Kilometer nördlich vom Zentrum Jekaterinburgs im Ural, es ist eines der beiden großen Kupferhersteller Russlands. 650 Tonnen produzieren sie hier an einem Tag. Der Ural an der Grenze zwischen Europa und Asien ist bekannt für seine Bodenschätze, Silber, Gold und Erze.

Alexej ist dafür zuständig, das Kupfererz zu reinigen - bis das lachsrote Kupfermetall übrigbleibt. Ein Prozess in folgenden Schritten:

1. Das Einschmelzen und Gießen des schwarzen Kupfererzes. "Afrika" nennen sie diesen Ort, an dem einen die Hitze ins Gesicht schlägt und man nichts anfassen darf.

Ekaterina Anokhina
Ekaterina Anokhina

Das Ergebnis ist die Anode, wie Alexej die massive Platte mit den Henkeln nennt, dessen Farbe schwarz-rötlich-gold changiert.

Ekaterina Anokhina

Alexej mit den fertigen Anoden in der Gießerei

Ekaterina Anokhina

2. Die Reinigung. Die Platten werden in zwei Fußballplatz-große Becken mit einer Säurelösung getaucht, die sich sehr grün färbt. Es ist stickig, es kratzt im Hals, was von der Säure kommt.

Ekaterina Anokhina
Ekaterina Anokhina

Es entsteht ein leicht rötlicher Film, zu sehen hinter den weiß-grünen Kristallen: das zu 99,99 Prozent reine Kupfer

Das Kupfer wird mit Hilfe der Elektrolyse gereinigt, darunter versteht man Aufspaltung von Metallen unter Strom, hier: dem reinen Kupfer vom Rest des eingeschmolzenen Erzes. Die Becken in Alexejs Werkhalle stehen unter Strom. "Die Säure hilft, dass die Kupferionen von der Anoden-Platte auf eine Stahlplatte wandern", sagt Alexej.

Die unlöslichen Verunreinigungen fallen auf den Boden, "Schlamm" nennt Alexej die schwarze Brühe. Die ist sehr wertvoll, denn sie enthält auch Silber- und Goldpartikel.

Ekaterina Anokhina

Alexej, der als Meister die Prozesse überwacht, mit einem der Arbeiter am Becken

Ekaterina Anokhina

3. Das Nebenprodukt: Gold.

Am Tag gießen sie in Werchnaja Pyschma zwei Barren - Wert jeweils: eine halbe Million Dollar.

Ekaterina Anokhina

Der noch heiße Barren

Ekaterina Anokhina

"Sehr beeindruckend", sagt Alexej und nimmt den knapp 13 Kilogramm schweren Barren in die Hand. Eine absolute Ausnahme - extra für den Besuch aus Deutschland. Fürs Foto posieren ist seine Sache jedoch nicht: Er wirkt etwas steif, was aber auch an seiner straffen Körperhaltung liegen mag.

Ekaterina Anokhina

Alexej in der Kantine - Frikadelle und Kartoffelpüree für 99 Rubel, 1,30 Euro

Alexej ist eben mehr ein Mann der Zahlen und Statistiken, kann zu jedem der Prozesse alle Angaben erläutern. Dagegen braucht es einige Anläufe, bis er erzählt, was er neben der Arbeit macht: Er schaut nämlich gerade sehr viel Fußball. Insbesondere verfolgt er die Ergebnisse der isländischen Mannschaft während der WM. "Das sind keine Profispieler und dennoch spielen sie bei dem Turnier mit den weltbesten Mannschaften. Das imponiert mir als einfachem Menschen, die Fußballer sind ein Vorbild."

Früher habe er auch häufig Fußball gespielt im Hof, er war Stürmer. Jetzt hat er nicht mehr so viel Zeit, seine Schichten dauern zwölf Stunden, er arbeitet zwei Tage und macht dann zwei Pause. Die nutzt er vor allem, um seinem Hobby nachzugehen: dem Tanzen.

Alexei Zykov

Alexej beim Tanzen, seinem großen Hobby

Alexei Zykov

Als er davon erzählt, leuchten seine Augen: Alexej tanzt mit seiner Freundin historische Tänze, Walzer, Polka und Mazurka. "Für die Seele", sagt der Ingenieur, wie es auf Russisch heißt, er meint für sich, zum Vergnügen. Er ist während des Studiums zum Tanzen gekommen, als er älteren Paaren zugesehen hat, "das war schön und romantisch, das wollte ich auch mit meiner Freundin ausprobieren".

Im Moment könne er nicht zum Training einladen: "Alle sind mit Fußball beschäftigt."

SPIEGEL ONLINE

Fußball-WM 2018: Gesichter Russlands

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja; Katharina Lindt

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