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Sport

Gesichter Russlands

Elena, die Lotsin

Ekaterina Anokhina

Tausende von Freiwilligen sorgen dafür, dass die Fußballfans während der WM dort ankommen, wo sie auch hinwollen. Elena Dawydowa aus Rostow am Don ist eine von ihnen - sie freut sich, ihr Englisch anwenden zu können und hilft selbst bei Partyverabredungen.

Von  und Ekaterina Anokhina (Fotos)
Samstag, 07.07.2018   09:42 Uhr

[STECKBRIEF]
Elena Dawydowa
16 Jahre
Schülerin in Rostow am Don, 11. Klasse

Ekaterina Anokhina

Elena Dawydowa mit Karyne aus Rostow am Don und Mohammed aus Ägypten

Seit drei Wochen bestimmt der Fußball das Leben von Elena Dawydowa. Dabei mag die Schülerin eigentlich lieber Eishockey. Sie schaut gern im Fernsehen, wie der Puk über das Eis schießt. Selbst spielt sie Volleyball.

Im Stadion von Rostow am Don war sie nie. Da durften nur die ab 18-Jährigen hin, die Fifa-Helfer in den roten T-Shirts, kurz die Roten.

Elena, 16 Jahre, ist eine der Blauen, eine der 1400 Freiwilligen in der Stadt.

Sie ist so etwas wie eine Lotsin, macht am Bahnhof auf Wege aufmerksam, zum Beispiel zu den Shuttlebussen, die zur Fanzone fahren.

Ekaterina Anokhina

Elena am Bahnhof

Ekaterina Anokhina

Sie ist Übersetzerin, hilft, wenn ein ausländischer Fan die Migrationskarte verloren hat und bei der Polizei eine neue braucht. Das ist ein Zettelchen, den jeder bei der Einreise nach Russland erhält, auf dem Name, Passdaten und Einreisedatum mit Stempel vermerkt sind, und im Pass bei sich haben muss.

Sie gibt Ratschläge, erklärt, wo es Matrjoschki zu kaufen gibt, die Holzpuppen, die ineinander gestapelt werden. Pedro Augusto aus Cancun, Mexiko, will von Elena wissen, wo er schöne findet. Leider hat er keinen Sombrero dabei, die mag die 16-Jährige gern.

Ekaterina Anokhina

Elena mit Pedro Augusto aus Cancun

Elena, eine ruhige junge Frau mit wachen braunen Augen, wirkt zurückhaltend. Sie wartet, bis die Gäste auf sie zugehen, wenn andere Freiwillige gleich anfangen zu antworten, überlegt sie kurz, bevor sie spricht, Zum Beispiel als Isländer verstehen wollen, wie lange sie vom Don-Ufer hoch ins Stadtzentrum brauchen.

Ekaterina Anokhina

"Wo muss ich hin?" Am Stand mit isländischen Besuchern an der Promenade des Don

Wenn sie aber Englisch spricht, leuchten ihre Augen. Sie wendet die Sprache gern an. Was sie nicht selbst erzählt, aber eine Freundin ihrer Familie: Elena hat den allrussischen Wettbewerb in Englisch gewonnen.

Von einem Freund hatte Elena erfahren, dass Freiwillige für die WM gesucht werden, und sich gleich beworben. "Ich habe im Fernsehen gesehen, wie die Freiwilligen bei der Olympiade in Sotschi gearbeitet haben, das hat mir sehr gefallen." Für sie hat sich mit dem Besuch der ausländischen Gäste eine neue Welt geöffnet: "Ich kann meine Sprachkenntnisse ausprobieren und verbessern." Elena will nach der Schule in Moskau Sprachen studieren, Französisch und Deutsch interessieren sie.

Ekaterina Anokhina

Elena mit der Karte von Rostow

Ekaterina Anokhina

Sie absolvierte ab Herbst mehrere Trainings, darunter Sicherheitskurse, Erste-Hilfe-Lehrgänge, lernte die Geschichte ihrer Stadt besser kennen. "Ich fühle mich jetzt wie ein Teil meiner Stadt."

Bis zu drei Mal in der Woche hat Elena Freiwilligen-Dienst, sie kann selbst entscheiden, wie oft sie im Einsatz ist. Anfangs fiel ihr der etwas schwer, die Besucherströme mit dem Megafon in die richtige Richtung zu lenken, immer aufmerksam zu bleiben.

Ekaterina Anokhina

Elena möchte gern nach Moskau, um zu studieren, dort hat sie mehr Möglichkeiten, glaubt sie.

Ekaterina Anokhina

Sie mag die Stimmung in der Stadt, in die sonst nur wenige Touristen kommen. "Die Bewohner haben sich geöffnet", sagt sie. "Es ist schön zu sehen, wie sie Freude daran haben, mit den Fußballfans in Kontakt zu kommen, mit ihnen feiern, wenn ihre Mannschaft gewinnt." All das werde in der Erinnerung der Rostower bleiben, ist sie sich sicher.

Sie muss lachen, als sie sich an einen der Abende vor dem Stadion erinnert. Fast alle Fans waren schon nach dem Spiel auf dem Weg zum anderen Don-Ufer, als ein Russe zu ihr kam und wissen wollte, was "party every day" auf Russisch heißt. Sie übersetzte, er ging zurück zu einem uruguayischen Fan. Sie sprachen kurz miteinander, der Mann kam wieder zu ihr und fragte, was "Komm mit mir in einen Klub" auf Englisch heißt. Sie sagte es ihm. Der Russe kehrte zurück zum Uruguayer, der nickte, und beiden zogen zusammen los Richtung Innenstadt.

SPIEGEL ONLINE

Fußball-WM 2018: Gesichter Russlands

Mitarbeit: Katharina Lindt

insgesamt 2 Beiträge
Neandiausdemtal 07.07.2018
1. Wunderbar - Danke für Bericht und Bilder
DAS sind die wichtigen Dinge, die während der großen Spirtveranstaltungen passieren. Menschen, gerade auch junge Menschen, die sich sonst nie begegnet wären, lernen sich kennen.
DAS sind die wichtigen Dinge, die während der großen Spirtveranstaltungen passieren. Menschen, gerade auch junge Menschen, die sich sonst nie begegnet wären, lernen sich kennen.
brosswag 07.07.2018
2. sehr erfreulich
Jugendliche - und natürlich auch Erwachsene - sollten weiterhin mehr die Möglichkeit bekommen sich international zu begegnen. Es würde helfen tief verwurzelte Negativ-Vorurteile zu korrigieren oder gar zu beseitigen.
Jugendliche - und natürlich auch Erwachsene - sollten weiterhin mehr die Möglichkeit bekommen sich international zu begegnen. Es würde helfen tief verwurzelte Negativ-Vorurteile zu korrigieren oder gar zu beseitigen.

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