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Sport

Russische Fußball-Rekordtorschützin

"Wir sind spät dran"

Natalja Barbaschina ist russische Rekordtorschützin im Frauenfußball. Im Interview spricht sie über Verdienstmöglichkeiten, ihre größten Erfolge und verrät, warum Handys ein Fluch für Russlands Fußballnachwuchs seien.

imago

Natalja Barbaschina (l.)

Ein Interview von
Dienstag, 12.06.2018   15:44 Uhr

Frage: Frau Barbaschina, wie kamen Sie als russisches Mädchen zum Fußball?

Barbaschina: Mit den Jungs haben wir immer auf dem Hof Fußball gespielt - das war ganz normal. Mein Vater war Fußballer und meldete mich beim lokalen Amateurklub an. Und als ich dann volljährig war, bekam ich eine Einladung von Woronesch - damals einer der besten Klubs. Die kauften mich eigentlich als Torfrau ein, dann wurde ich Abwehrspielerin, dann spielte ich im Mittelfeld - und schließlich war ich Stürmerin.

Frage: 1993 spielten Sie Ihre erste Meisterschaft. Wie entwickelt war der Frauenfußball damals?

Barbaschina: Zu Sowjetzeiten war der professionelle Frauenfußball gut entwickelt. Aber mit dem Ende der UdSSR zerfiel auch die Liga. 1992 wurde eine eigene russische Liga gegründet. Und es gab weit mehr Mannschaften als heute: Mal waren es zwölf, mal 15. Heute sind es gerade mal acht in der ersten Liga. Die besten Zeiten hatte der russische Frauenfußball Ende der Neunziger- und Anfang der Nullerjahre: Bei den Weltmeisterschaften 1999 und 2003 schafften wir es mit der Sbornaja bis ins Viertelfinale. Wo wir dann immer gegen Deutschland rausflogen. Das war einfach ein ganz anderes Niveau. Keine Chance.

Frage: Sie sagten jüngst in einem Interview, das Niveau sei in den letzten Jahren gefallen. Warum?

Barbaschina: Ich glaube, es liegt daran, dass wir damals keine Handys hatten. Wir haben einfach immer Fußball gespielt auf dem Hof, die Menschen waren sportlicher als heute. Aber langsam ändert sich das wieder. Ich bin da optimistisch.

Frage: Können denn zumindest die Spielerinnen, die heute in der ersten Liga spielen, von ihren Gehältern leben?

Barbaschina: Ja, bei den acht Profimannschaften geht das. Einige studieren aber nebenher.

Frage: Wird Frauenfußball in Russland im Fernsehen gezeigt?

Barbaschina: Nur die Spiele der Nationalmannschaft, auf dem Spartensender "Match TV". Die Ligaspiele kann man seit Kurzem immerhin im Livestream auf den Homepages der Mannschaften sehen.

Frage: Wie viele Zuschauer kommen denn zu den Spielen? Und wird man als Frauenfußballerin nicht meistens belächelt?

Barbaschina: Natürlich gibt es Stereotype. Aber eigentlich fanden die Jungs es immer interessant, zu unseren Spielen zu kommen. Aber klar - im Schnitt sind es um die 100 Zuschauer, die die Spiele besuchen. In der Provinz aber weit mehr - da ist die Konkurrenz nicht so groß.

Frage: Eine Prognose für die kommenden Jahre?

Barbaschina: Ich hoffe, dass die WM 2018 auch dem Frauenfußball Impulse gibt. Wir bräuchten dringend mehr zweite Mannschaften, um die jungen Spielerinnen an den Profifußball heranzuführen. Ich hoffe, dass das vorangeht. Wir sind eben ein bisschen spät dran im Vergleich zu euch.

Frage: Sie haben 2016 Ihre Trainerkarriere beendet. Warum?

Barbaschina: Ich weiß nicht, ob ich mir den Stress noch antun will. Alle denken ja immer: Ist ja ganz leicht, 22 Dummerchen laufen aufs Feld, jagen 90 Minuten dem Ball hinterher und fertig. Aber so eine Saison macht einen wirklich fertig.

Frage: Was war der größte Moment Ihrer Karriere?

Barbaschina: Das Endspiel der Champions League 2009 in Duisburg mit Swesda Perm. Das Hinspiel hatten wir 6:0 verloren, aber dort in Duisburg haben wir 1:1 unentschieden gespielt. Und die ganze Kulisse war großartig: Ich habe zum ersten Mal vor einem ausverkauften Stadion gespielt - da waren fast 30.000 Zuschauer im Stadion. Und obwohl es ein Auswärtsspiel war, wurden wir von den Fans richtig angefeuert. Das verleiht Flügel!

Frage: Schauen Sie sich Spiele der Fußball-WM der Männer im Stadion an?

Barbaschina: Nein, wahrscheinlich nicht. Zu Hause mit Freunden ist es etwas gemütlicher.

Frage: Und Ihr Favorit?

Barbaschina: Deutschland natürlich.

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