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Sport

Gesichter Russlands

Wladimir, der Stalingrad-Veteran

Ekaterina Anokhina

Wladimir Turow war als Soldat dabei, als die Rote Armee in Stalingrad gegen Hitlers Wehrmacht kämpfte - in einer Schlacht, bei der Hunderttausende starben. Die Erinnerung will der 98-Jährige wachhalten - auch während der WM.

Von  und Ekaterina Anokhina (Fotos)
Freitag, 22.06.2018   14:55 Uhr

[STECKBRIEF]
Wladimir Turow
Offizier
98 Jahre
Zog im August 1942 in die Schlacht von Stalingrad als Kompanieführer eines Panzerabwehrregiments der 62. Armee
Leiter des Veteranen-Klubs Stalingrad

Ekaterina Anokhina

Wladimir Turow mit seinen Büchern

Ekaterina Anokhina

Seine Orden

Was für ein Alter?, fragt Wladimir Semjonowitsch Turow und lacht laut. Es ist schön, den 98-Jährigen in diesem Moment zu sehen. Seine grünen Augen leuchten, die goldfarbenen Schneidezähne kommen zum Vorschein. Die zahlreichen Orden an seiner grünen Uniformjacke, die ihm inzwischen viel zu weit ist, klimpern.

Ekaterina Anokhina

Wladimir im Veteranenklub

Ekaterina Anokhina

Sein Ausweis als Klub-Präsident

Wladimir ist ein Held in Russland. Er ist einer der letzten Überlebenden der Schlacht von Stalingrad, die vor 75 Jahren mit dem Sieg der Roten Armee über Hitlers Truppen endete. Ein Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg, der in Russland "Großer Vaterländischer Krieg" genannt wird.

Wladimir stand in diesem Vernichtungskrieg als junger Kompanieführer eines Panzerabwehrregiments an vorderster Front. Hunderttausende starben, die Rede ist von mindestens 800.000 Menschen, Zivilisten, Wehrmachtsoldaten und Rotarmisten. Noch heute findet man auf den Baustellen in Wolgograd Knochen von Gefallenen.

Ekaterina Anokhina

Wladimir als junger Soldat

Er habe sich damals versprochen, am Leben zu bleiben, sagt der Offizier. Fotos zeigen ihn als jungen Soldaten, mit stolzem, festem Blick. Der ist geblieben, aber der Körper will nicht mehr so recht.

Ekaterina Anokhina

Wladimir würde sich wünschen, dass Wolgograd dauerhaft wieder Stalingrad heißt, wie bereits 1925 bis 1961

Ekaterina Anokhina

Das Gehen fällt dem zierlichen, nach vorne gebeugten Mann immer schwerer, seine Beine und Hüfte schmerzen. Darüber redet er aber nicht. "Nicht wichtig" sagt er nur, wenn man ihn fragt, wie er sich fühle.

Anfang 1942 war er in Kaluga bei einem Gefecht schwer verletzt worden, seitdem wurde er mehrmals operiert. Hilfe nimmt er trotzdem nur selten an, immer noch lebt der 98-Jährige allein in seiner Dreizimmerwohnung.

Ekaterina Anokhina

Wladimir geht langsam in seine Bibliothek

Sein Habitus ist auch im hohen Alter der eines Offiziers: nicht klagen, seine Pflicht erfüllen. Ein offizielles Plakat, das für die WM in Wolgograd vor zwei Jahren warb, zeigt den Veteranen mit einem Fußball. Man erkennt ihn darauf kaum wieder, was aber daran liegen mag, dass das Plakat wie alle anderen der Serie nachbearbeitet wurde.

Für das Foto zog er, für einen Militär ungewöhnlich, sogar seine Uniform aus - und ein Fußballtrikot an. "Das war für meine Stadt, deshalb habe ich es gemacht", sagt Wladimir.

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Wladimir auf WM-Plakat

Er versteht sich als Vorbild. Vor zwölf Jahren gründete er eine Veteranenorganisation, den Klub "Stalingrad". Wladimir besucht regelmäßig Schulen. "Die Jungen und Mädchen sind unsere Zukunft, sie müssen ihre Geschichte kennen, sich anständig benehmen, gut lernen, Sport machen, nicht rauchen."

Vor der WM traf er sich auch mit Freiwilligen, die auf ihren Einsatz beim Turnier vorbereitet wurden, ihnen erzählte er seine Geschichte.

Ekaterina Anokhina

Über dem Schreibtisch von Wladimir hängt ein großes Porträt Josef Stalins.

Ekaterina Anokhina

Erinnerungsfotos

"Stalin, das war ein richtiger Führer. Ohne Stalin wäre in unserem Land vieles schneller schlechter geworden. Wie viele Fabriken wir hier hatten, jetzt gibt es keine mehr."

Er wünscht sich sehr, dass möglichst viele Fußballfans den Mamajew-Hügel, das Wahrzeichen seiner Stadt, besteigen hoch zur "Mutter Heimat", dem Siegesgöttin-Koloss. Hier, auf der strategisch wichtigen Anhöhe kämpften Rotarmisten und Wehrmachtsoldaten Ende 1942, Anfang 1943 um jeden Meter.

Das Sprechen fällt Wladimir schwer. Frieden auf der Welt sei das wichtigste, die Freundschaft unter den Völkern, sagt er.

Er redet leise, sucht lange nach Worten, bricht Sätze ab. "Entschuldigen Sie bitte", "seien Sie mir nicht böse", sagt er mehrmals. Der Veteran ist im Winter dreimal gestürzt, das hat ihn geschwächt.

Ekaterina Anokhina
Ekaterina Anokhina

Abzeichen seines Veteranenklubs Junge Stalingrader

Manchmal wird Wladimirs Stimme plötzlich lauter, wenn er sich an die schrecklichen Bilder des Krieges erinnert. An die beiden toten Jungen, die er in Weißrussland sah, im Busch. Zwei Deutsche, die es nicht geschafft haben, erzählt Wladimir und schließt kurz die Augen.

Ekaterina Anokhina

Foto seiner Frau Anastasia

Ekaterina Anokhina

Tasse mit den Fotos seiner Verwandten

Man möge seine Lebensgeschichte doch bitte in seinem Buch mit dem Titel "Damit sie erinnern" nachlesen, sagt er. Er hat es vor drei Jahren geschrieben, hält es mit Stolz in die Kamera. 4200 seiner Kameraden habe er allein an der Nordfront in Orlowka verloren, heißt in dem Buch.

Er habe ihnen das Versprechen gegeben, nach dem Krieg nach Stalingrad zurückzukehren, um ihrer zu gedenken.

"Das ist meine Aufgabe, die erfülle ich."

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Fußball-WM 2018: Gesichter Russlands

Mitarbeit: Katharina Lindt, Tatiana Sutkovaja

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