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Sport

"Hardcore Fightnight" in Hamburg

Kalle Schwensen und der "Terminal Tango"

Kiezgröße Kalle Schwensen plant eine neue Form von Kampfsport-Event. Weil ihn Fehlurteile ärgern, soll es keine Punktrichter geben. Gekämpft wird bis zum Umfallen. Ist das eigentlich erlaubt?

Kalle Schwensen
Von
Donnerstag, 20.04.2017   18:20 Uhr

Eine alte Boxerweisheit besagt, dass man den K.o. nicht erzwingen kann. Kalle Schwensen will es versuchen. In der Lobby-Bar eines Designhotels unweit der Reeperbahn erklärt die Hamburger Rotlichtlegende, wie sie den Kampfsport in Deutschland wieder "real und fair" machen will. Ob seine Augen dabei leuchten, lässt sich nicht sagen, weil sie von einer großen Pilotenbrille verdeckt sind.

Am 10. Juni präsentiert Schwensen im "Terminal Tango" am Hamburger Flughafen "eine Veranstaltung, wie es sie in Deutschland noch nicht gegeben hat". Seine "Hardcore Fightnight" soll die Lösung für die strukturellen Probleme sein, die den deutschen Kampfsport seiner Meinung nach in die Krise getrieben haben.

"Was nichts kostet, ist nichts wert"

"Ich bin natürlich jemand, der schon bei mehr als einem Boxkampf gewesen ist", erklärt der 63-Jährige. "Ich weiß, was die Leute mögen, und ich weiß, was die Leute nervt." Wer bei großen Event "bis zu 1.200 Euro für die erste Reihe" bezahle, der säße am Ende in Reihe sieben, weil die Plätze davor für Ehrengäste gesperrt sind. Beim Essen im VIP-Bereich müsse man "anstehen wie bei Karstadt in der Kantine und dann im Stehen essen". So etwas wird es bei seiner Veranstaltung nicht geben.

Nach einem gesetzten Vier-Gänge-Menü mit Tischzauberei ist eine Burlesque-Show geplant. Beim Preis von 600 Euro pro Ticket ("Was nichts kostet, ist nichts wert.") sind das Essen und alle Getränke ("Champagner satt") inklusive. "Bei uns sind alle VIPs", sagt Schwensen. Erst nach dem Dinner ziehen die 400 Gäste vom Speisesaal in einen separaten Raum um, in dem der Ring aufgebaut ist. Was den gebürtigen Oberfranken bei gängigen Box-Events noch mehr ärgert als schlechter Service und fehlende Show-Elemente: Bei den meisten Kämpfen wisse man vorher, wer gewinnt. Und wenn es mal spannend werde, gäbe es Entscheidungen, die das Publikum nicht nachvollziehen kann.

"Winner takes all"

Im Profiboxen werden Kampfbörsen üblicherweise im Vorfeld ausgehandelt und sind unabhängig vom Ausgang. Man kämpft nicht um eine Siegprämie, sondern um die Börsen zukünftiger Kämpfe, denn mit jedem Sieg steigt natürlich der Marktwert. Dieses System, so Schwensen, produziere bezahlte Verlierer, die wüssten, dass sie nur dann eine Chance hätten, "wenn sich der andere beim Betreten des Rings das Bein bricht. Die sagen sich dann: Warum soll ich mich zehn Runden lang verprügeln lassen? Da lege ich mich lieber in der zweiten Runde hin und kassiere dasselbe Geld." Um so etwas kategorisch auszuschließen, gibt es bei Schwensens "Hardcore-Fights" nur für den Sieger eine Prämie in Höhe von 10.000 Euro. "Der Verlierer geht außer Reisekosten und Spesen leer aus."

Was aus Zuschauersicht im ersten Moment reizvoll scheint, könnte eine entscheidende Hürde bei der Verpflichtung namhafter Athleten sein. "Ich finde, das Konzept klingt spannend. Aber ganz ausgereift scheint es noch nicht", sagt Supermittelgewichtsboxer Stefan Härtel, der beim Sauerland-Stall unter Vertrag steht. "Ich bin Kampfsportler aus Leidenschaft. Aber ich bin auch Profi und muss meine Familie ernähren. Wenn ich nach diesem Konzept vier oder fünf Kämpfe im Jahr mache und alle unglücklich verliere, habe ich am Ende nicht mal Geld, um mir Aspirin gegen die Kopfschmerzen zu kaufen. Das ist es nicht wert."

Kämpfen bis zum K.o.

Für Schwensen ist das kein Argument: "Wir wollen nur Leute, die davon überzeugt sind, dass sie gewinnen. Und keine, die sich Sorgen machen, was wäre, wenn sie verlieren." Zumindest vor Fehlurteilen muss sich kein Teilnehmer fürchten. Der einfache Grund: Es gibt keine Punktrichter und kein Zeitlimit. "Die Kämpfe sind angesetzt auf fünf Runden", erklärt Schwensen. "Vier Runden à drei Minuten. Wenn es bis dahin kein Ergebnis gibt, gilt für die fünfte und letzte Runde: Nonstop - Kämpfen bis zum K.o. oder zur Aufgabe."

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Die Idee klingt archaisch. Schon in der Antike gehörte der Faustkampf zu den Olympischen Disziplinen. Eine Begrenzung der Kampfdauer gab es nicht. Die Duelle endeten erst, wenn einer der Kontrahenten nicht mehr aufstand oder durch einen erhobenen Zeigefinger die Niederlage eingestand. Doch soweit muss man gar nicht zurückblicken. Den längsten Boxkampf der Neuzeit bestritten Andy Bowen und Jack Burke am 6. April 1893. Nach 110 Runden und über sieben Stunden einigten sie sich auf Unentschieden. Um die Gesundheit der Kämpfer zu schützen, wurde die Länge von Titelkämpfen später zunächst auf 20, dann auf 15 und Ende der achtziger Jahre auf zwölf Runden begrenzt.

Die UFC, in den USA ansässiger Weltmarktführer im MMA (Mixed Martial Arts), setzte in ihrer Anfangszeit zu Beginn der neunziger Jahre auf Kämpfe ohne Zeitlimit. Die heute gebräuchlichen Fünf-Minuten-Runden wurden erst bei UFC 21 eingeführt, nachdem der Sport Ende der Neunziger auf Betreiben von Senator John McCain in 36 US-Bundesstaaten verboten worden war.

Ein Verbot droht nicht

Rechtliche Probleme wie in frühen UFC-Zeiten befürchtet Schwensen für seine "Hardcore Fightnight" nicht: "Das ist alles regulär. Jeder weiß ja, worauf er sich einlässt. Wir haben Ringärzte, wir haben Sanitäter, wir haben einen Ringrichter, der den Kampf beenden kann, wenn einer K.o. ist. Die Kämpfer unterschreiben Verträge und versichern, dass sie sofort aufhören, wenn einer am Boden liegt oder abwinkt."

Tatsächlich scheint es unwahrscheinlich, dass sich die Behörden einschalten und Schwensens Veranstaltung verbieten. Während Kampfsport in anderen Ländern wie den USA oder auch Schweden und Norwegen staatlich reguliert wird, stehen Sportveranstaltungen und Sportler in Deutschland unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes, wie das zuständige Bundesinnenministerium in seinen Berichten betont.

Soll heißen: Solange Kämpfer freiwillig antreten, kann man ihnen wegen der Grundrechte auf freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie Berufsausübungsfreiheit nicht verbieten, die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Und Freiwillige gibt es laut Schwensen mehr als genug. "Nachdem die erste Ankündigung von einem großen Kampfsportportal übernommen wurde, haben sich sofort 71 Kämpfer aus der ganzen Welt gemeldet", sagt der Initiator. "Wir haben Kämpfer aus Brasilien, aus dem Ostblock, aus Deutschland, Österreich und Holland. Das sind Leute aus allen möglichen Sportarten. Auch ein Profiboxer, der bei einem großen Promoter unter Vertrag steht. Namen will ich noch nicht nennen, sonst kriegen die vielleicht Probleme."

Kein Bodenkampf

Gekämpft wird mit MMA-Handschuhen mit Polsterung über den Knöcheln und freien Fingern nach einer Mischung aus K1- und MMA-Regeln. "Es gibt nur Standing Fights, keinen Bodenkampf", erklärt Schwensen. "Es darf nicht in die Augen gestochen oder auf den Kehlkopf geschlagen oder getreten werden. Es darf nicht tiefgeschlagen werden. Es darf nicht gebissen werden, man darf keine Haare ziehen, nicht in Körperöffnungen fassen. Ansonsten ist alles drin. Die können sich auch im Stehen in den Schwitzkasten nehmen, Ellbogen, Knie oder Füße benutzen. Das ist alles erlaubt."

Unterbrochen werden die Kämpfe nur kurz, wenn einer der beiden Kontrahenten zu Boden geht. Was nach einem Gebot der Fairness klingt, hat praktische Gründe. "Bodenkampf ist blöd für die Zuschauer", sagt Schwensen. "Wenn du am Ring sitzt und die liegen genau auf der anderen Seite, dann siehst du nichts. Du siehst nur ein Knäuel am Boden. Und das nervt die Leute. Mich zumindest. Das wollen wir nicht."

Was Schwensen will, ist "ehrlicher" Kampfsport mit nachvollziehbaren Ergebnissen. Es ist unstrittig, dass es kein klareres Ergebnis als den K.o. gibt. Gesund sind Kämpfe bis zum Umfallen aber sicher nicht.

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