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Sport

Olympia-Vergabe 2024 und 2028

Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten

Paris und Los Angeles erhalten heute in Lima offiziell den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2024 und 2028. Worüber sich vor allem die US-Amerikaner freuen können. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Doppelvergabe des IOC.

AFP
Von
Mittwoch, 13.09.2017   14:51 Uhr

Was soll das mit der Doppelvergabe?

Doppelvergaben von sportlichen Großveranstaltungen haben spätestens seit 2010 einen denkbar schlechten Ruf. Die Entscheidung des Weltfußballverbandes Fifa, die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar zu vergeben, gilt als der Sündenfall der Fifa schlechthin. Deutlicher konnte der Verband nicht machen, dass Korruption und Vetternwirtschaft wichtiger sind als eine gute Bewerbung. Letztlich war die Doppelvergabe aber auch ein Kristallisationspunkt, der Sargnagel für die Fifa-Ära Blatter.

Damit ist die heutige Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2024 und 2028 an Paris und Los Angeles nicht vergleichbar. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und sein Präsident Thomas Bach waren dermaßen heilfroh, zwei einigermaßen vorzeigbare Bewerber für 2024 gefunden zu haben, dass man die beiden Bewerber um keinen Preis verprellen wollte. Also bot das IOC an, beide könnten Spiele ausrichten. Der eine eben vier Jahre später. Die Hauptsache für Bach war, nicht schon wieder neue Verlierer im Bewerbungsprozess zu produzieren. Davon gab es zuletzt zu viele. Hamburg, Budapest, Boston, Rom - ihnen allen ging im Vorfeld die Puste aus.

Ist die Vergabe an Paris und Los Angeles sicher?

Das am meisten gebrauchte Wort im Zusammenhang mit der Doppelvergabe war das Wort "Formsache". Tatsächlich ist die Abstimmung im IOC nur noch ein formaler Akt. Wie das in diesem Gremium so üblich ist, wurde bereits im Vorwege in kleinem Kreise das Prozedere beschlossen. Die IOC-Vollversammlung darf in Lima die Entscheidung dann noch absegnen.

Sind es zwei gute Ausrichterstädte?

Beide Städte haben die Olympischen Spiele schon zwei Mal ausgetragen: Los Angeles 1932 und 1984, Paris 1900 und 1924, damals übrigens ebenfalls Ergebnis einer Doppelvergabe, der bisher einzigen in der IOC-Geschichte bis zum heutigen Entscheid. Dass Paris genau 100 Jahre später wieder Ausrichter wird, ist für das IOC dankbare Symbolik. Es sind die ersten beiden Städte, die jeweils zum dritten Mal in der Olympischen Geschichte Ausrichter werden.

Beide Metropolen verfügen bereits über zahlreiche Olympia-würdige Sportstätten, man denke nur an die Tennisanlage Roland Garros oder das Los Angeles Memorial Coliseum. Zudem gehört zum Konzept beider Ausrichter, die Wettbewerbe möglichst im Herzen der Stadt und gut erreichbar zu veranstalten. Mit Großveranstaltungen kennen sich beide Städte bestens aus.

Wie viel werden die Spiele kosten?

Los Angeles hatte bereits 1984 die Spiele weitgehend privat finanziert und am Ende einen Gewinn gemacht - was danach fast keiner Stadt mehr gelang. Auch die Spiele 2028 sollen weitgehend von Sponsoren bezahlt werden, die Veranstalter rechnen mit Gesamtkosten von 4,4 Milliarden Euro.

Paris kalkuliert schon jetzt mit zwei Milliarden Euro Kosten mehr, dennoch steht die Finanzierung auf wackligeren Beinen als in den USA. Dass Kalkulationen über Summen aus der öffentlichen Hand aus dem Ruder laufen können, muss gerade Tokio, der Ausrichter der Spiele 2020, feststellen. Obwohl man dort versucht, am Stadionbau zu sparen, sind die anfänglichen Finanzpläne längst über den Haufen geworden worden.

Hätte Hamburg eine Chance gehabt?

Bei den verschlungenen Pfaden, die Entscheidungen des IOC nehmen, und angesichts der Hinterzimmerdiplomatie des Verbandes weiß man zwar nie. Aber alle Experten sagen: Gegen die starken Bewerbungen von Paris und L.A. hätte Hamburg keine echten Aussichten gehabt. Frühestens 2032 könnte Deutschland sich noch einmal ins Gespräch bringen, es wären die letzten Spiele, die unter dem deutschen IOC-Präsidenten Bach vergeben würden. Könnte sein, dass dies im Kalkül des Taktierers Bach eine Rolle spielt.

Ist die Entscheidung von Lima ein Befreiungsschlag für das IOC?

In der Bach'schen Rhetorik wird von einer "Win-win-win-Situation" gesprochen. Das ist immerhin halbrichtig, und das heißt für IOC-Verhältnisse schon etwas. Mit Tokio, Paris und Los Angeles gibt es für die Sommerspiele drei Ausrichter, die politisch halbwegs sauber sind und die eine Veranstaltung dieser Ausmaße stemmen können, ohne sich komplett zu ruinieren. Die Erfahrungen von Rio de Janeiro 2016 sollten sich damit nicht wiederholen: teure Sportstätten, die mittlerweile vor sich hin gammeln und Meldungen darüber, dass die Vergabe an Rio durch Schmiergeldzahlungen innerhalb des IOC zustande gekommen sein soll.

Die Sorgenkinder der Olympischen Bewegung sind derzeit ohnehin eher die Winterspiele. Zahlreiche Bewerber sind zuletzt im Vorfeld reihenweise abgesprungen, weil die Bevölkerung die Austragung abgelehnt hat: zu teuer, zu umweltschädlich, zu gigantomanisch. Übrig blieben Sotschi, Pyeongchang, Peking - die Ausrichter 2014, 2018 und 2022 stehen wahrhaft nicht für heitere Spiele. Die Reform der Winterspiele steht dringend an, hier könnte das IOC mit dem Abspecken anfangen. Aber will es das?

insgesamt 3 Beiträge
clausonso 13.09.2017
1. soso
Hamburg ging also 'die Puste aus'. Respekt. Und ich war so naiv, zu glauben, da hätte es eine Volksabstimmung gegeben.... Danke für diesen Qualitätsjournalismus!
Hamburg ging also 'die Puste aus'. Respekt. Und ich war so naiv, zu glauben, da hätte es eine Volksabstimmung gegeben.... Danke für diesen Qualitätsjournalismus!
spon_3501918 13.09.2017
2. Vielleicht geht dem IOC jetzt mal langsam auf dass sie übertreiben
Ich hab es noch von den Stadienbauten der FIFA in Erinnerung. Der IOC ist dabei aber nicht anders. Bleibt doch einfach mit euren wahnwitzigen Vorgaben mal auf dem Boden. Es muss immer ultra mega hyper groß sein. Und auch der [...]
Ich hab es noch von den Stadienbauten der FIFA in Erinnerung. Der IOC ist dabei aber nicht anders. Bleibt doch einfach mit euren wahnwitzigen Vorgaben mal auf dem Boden. Es muss immer ultra mega hyper groß sein. Und auch der Grünton des Rasens muss nicht genormt sein. Bezeichnend ist dabei doch dieser Satz aus dem FIFA-Handbuch für Stadien: "Gäste, die bereit sind, für den Besuch eines Spiels deutlich mehr als den durchschnittlichen Kartenpreis zu bezahlen, sind für ein modernes Stadion eine wichtige Einnahmequelle. In Bezug auf die Wünsche dieser Kunden gibt es von Land zu Land und sogar von Stadt zu Stadt grosse Unterschiede. Deshalb sollte möglichst früh genau abgeklärt werden, wie gross die Nachfrage nach Räumlichkeiten und Dienstleistungen für zahlungskräftige Kunden im Einzugsgebiet eines neuen Stadions ist."
bloßmolwassage 13.09.2017
3. Was
hab ich früher der Vergabe olympischer Spiele entgegengefiebert. Heut schau ich mir dieses Doping-Festival nicht mal mehr an.
hab ich früher der Vergabe olympischer Spiele entgegengefiebert. Heut schau ich mir dieses Doping-Festival nicht mal mehr an.

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