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Sport

Hamburgs Olympia-Bewerbung 2024

Als der Traum platzte

In Lima werden die Olympischen Sommerspiele 2024 vergeben. Hamburg wollte das Großereignis - doch vor zwei Jahren lehnten die Bürger der Stadt den Plan ab. Was Befürworter und Gegner des Projekts heute dazu sagen.

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Aktion im Hamburger Stadtpark, Gegner stören das Bild (2015)

Von und
Mittwoch, 13.09.2017   17:22 Uhr

Für Frederik Braun hätte es ein spannender Abend werden sollen. Gegen 21 Uhr wird das Internationale Olympische Komitee heute über die Vergabe der Sommerspiele 2024 und 2028 entscheiden. Braun hätte den Kongress des IOC in Lima im Livestream verfolgt, mitgefiebert, die Daumen gedrückt. Für die Hamburger Bewerbung. Hätte.

Braun, der Gründer des Hamburger Miniaturwunderlands, hatte zusammen mit seinem Zwillingsbruder Gerrit die Pläne der Hansestadt mit zahlreichen Aktionen unterstützt, die Stimmung in der Stadt schien gut. Doch vor knapp zwei Jahren endete ihr Traum von den Olympischen Spielen: Am 29. November 2015 lehnten 51,6 Prozent die Bewerbung in einem Bürgerreferendum ab. Hamburg schied aus, lange bevor es spannend wurde.

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Olympiaaktion der Gebrüder Braun an der Hamburger Binnenalster

Für Braun ist die Entscheidung bis heute eine "riesengroße verpasste Chance". Er sagt dem SPIEGEL: "Hamburg hätte toll für nachhaltige, saubere und emotionale Spiele gepasst." Wie viele andere Befürworter hoffte Braun, die Spiele könnten Hamburgs internationale Bekanntheit erhöhen und die Stadtentwicklung vorantreiben. Die Veranstaltung sollte der Welt und dem IOC zeigen, dass Olympia ohne teuren Gigantismus funktionieren kann. Soweit die Idee.

Carola Ensslen fand sie nicht überzeugend. Sie war eine der vielen Kritiker der Pläne - und mit der Initiative "STOP Olympia" am Ende erfolgreich. Zu hohe Kosten, die strengen Verträge des IOC, steigende Mieten - viele nicht absehbare Probleme habe es damals gegeben. An ihrer ablehnenden Haltung hat sich bis heute nichts geändert. Und nach Hamburgs Erfahrungen mit dem G20-Gipfel fühlt sie sich in ihrer Auffassung bestärkt. "Er hat uns ahnen lassen, in welchen Ausnahmezustand die Stadt durch ein so großes und sicherheitsrelevantes Ereignis geraten kann." Das will Ensslen mit Olympia nicht noch einmal erleben.

Auch Rom und Budapest haben verzichtet

Mit Rom oder Budapest schreckten auch andere Städte vor den Spielen zurück und sagten ihre Bewerbung ab. Die letzten verbliebenen Kandidaten Paris und Los Angeles konnten das "Rennen" unter sich ausmachen. Es gilt als beschlossen, dass zunächst Paris und vier Jahre später die US-Stadt das Großevent austragen werden (mehr über die Doppelvergabe lesen Sie hier). Für Ensslen verdeutlicht dieses Verfahren die Probleme des IOC. "Solange der Verband nicht zu grundlegenden Reformen bereit ist und Bewerberstädte das Kostenrisiko alleine tragen müssen, wird es immer schwieriger, Städte zu finden, die bereit sind, die Belastungen durch Olympia auf sich zu nehmen", sagt sie dem SPIEGEL.

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Demonstration gegen Olympische Spiele in Hamburg

Das Kostenrisiko war auch ein Knackpunkt bei der Hamburger Bewerbung. Am Ende sollten Gesamtkosten in Höhe von 11,2 Milliarden Euro stehen. Die geschätzten Erlöse in Höhe von 3,8 Milliarden Euro abgezogen, wären auf den deutschen Steuerzahler 7,4 Milliarden Euro zugekommen. Davon, so die Rechnung von Bürgermeister Olaf Scholz, hätte der Bund 6,2 Milliarden übernehmen sollen, Hamburg wäre also mit einer Kostenbeteiligung von 1,2 Milliarden Euro davongekommen.

So vielversprechend der Plan auch klang, so krachend scheiterte er in der Umsetzung. Bis zum Referendum war nicht bekannt, ob sich der Bund an den Kosten des Events tatsächlich beteiligen würde. Das Projekt bekam Risse - für Braun eine "Katastrophe". Hier sei "schlechter Wahlkampf auf Kosten Hamburgs" betrieben worden. Auch der Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Herbst 2015 oder der Dopingskandal in der Leichtathletik sind für Braun für das Aus verantwortlich.

"In Lima zu verlieren, wäre teuer geworden"

Unklar bleibt, ob Hamburg eine Chance gegen die starken Bewerbungen aus Paris und Los Angeles gehabt hätte. Viele sagen: nein. Und die Bilder der Krawalle beim G20-Treffen Anfang Juli wären denkbar schlechte Werbung gewesen. Ingrid Unkelbach, Leiterin des Olympia-Stützpunkts Hamburg/Schleswig-Holstein lobt zwar noch heute das Konzept, sagt aber auch: "In Lima zu verlieren, wäre teuer geworden." Die Kosten für die komplette Bewerbungsphase sollen angeblich bei zwölf Millionen Euro gelegen haben. Viel Geld für eine mögliche Absage.

Florian Kasiske vom Bündnis NOlympia fühlt sich bestätigt: "Im Gegensatz zur versprochenen Transparenz rückt der Senat bis jetzt keine Zahlen heraus, wie teuer die Bewerbung eigentlich war." Bürgermeister Scholz betont, die Stadt habe "das Erbe unserer Bewerbung für die weitere Stadtentwicklung gezielt gesichert", die Erschließung des neuen Stadtteils Grasbrook auf der südlichen Elbseite sei ein positiver Begleiteffekt der Bewerbung. Für Kasiske ist die jedoch eher ein Beleg, "dass anstelle einer Stadtplanung von unten und ergebnisoffener Beteiligung einmal mehr alte investorenorientierte Konzepte hervorgekramt werden". Die Parteien in Hamburg stehen sich nach wie vor unversöhnt gegenüber.

Nach Hamburgs Scheitern sind Olympische Spiele in Deutschland dennoch weiter möglich. Es gibt Pläne, die Sommerspiele 2032 in 13 Städten in Nordrhein-Westfalen stattfinden zu lassen. Ob Braun nach den Erfahrungen mit Hamburg eine Bewerbung erneut unterstützen würde? "Zu 100 Prozent", sagt er. Olympia-Kritiker Dirk Seifert von "Fairspielen" sagt dem SPIEGEL mit Blick auf die nächsten Veranstaltungen: "Es braucht einen echten Neuanfang für die 'Spiele der Jugend', die nicht länger einseitig nur an Gewinninteressieren orientiert sein dürfen."

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So viel ist sicher: In Lima wird das IOC keinen Neuanfang starten. Olympische Spiele werden auch in Zukunft Milliardenprojekte bleiben. Immerhin: Los Angeles (4,4 Milliarden Euro) und Paris (etwa 7 Milliarden Euro) planen noch mit einstelligen Milliardenbudgets.

Das war in der Vergangenheit auch schon anders.

insgesamt 20 Beiträge
bestrosi 13.09.2017
1. Das Nein war ein Glück
Ich würde jederzeit wieder so abstimmen. Alleine die Korruptheit des IOC spricht gegen die Spiele, Rio hat das nochmal deutlich gezeigt. Hamburg kann auch ohne Olympia gedeihen, sogar besser und inklusiver.
Ich würde jederzeit wieder so abstimmen. Alleine die Korruptheit des IOC spricht gegen die Spiele, Rio hat das nochmal deutlich gezeigt. Hamburg kann auch ohne Olympia gedeihen, sogar besser und inklusiver.
stranzjoseffrauss 13.09.2017
2. Solange Bach beim IOC das Sagen hat, sollte Hamburg sich zurückhalten
Man führe sich die Aussagen von Herrn Bach in http://www.deutschlandfunk.de/ioc-chef-thomas-bach-luegen-haben-kurze-beine.1346.de.html?dram:article_id=381600 zu Gemüte, und man kann vermuten, dass Hamburg bzgl. Olympia 2024 die [...]
Man führe sich die Aussagen von Herrn Bach in http://www.deutschlandfunk.de/ioc-chef-thomas-bach-luegen-haben-kurze-beine.1346.de.html?dram:article_id=381600 zu Gemüte, und man kann vermuten, dass Hamburg bzgl. Olympia 2024 die richtige Entscheidung getroffen hat.
RalfBukowski 13.09.2017
3. Welcher Traum platzte?
Sicher nicht der der Hamburger Bürger, die sich letztlich gegen diesen Kommerzwahnsinn entschieden haben (hätte ich nie gedacht, dass da doch Vernunft durchkommt, nach all diesem Fahrradstraßen- und Busbeschleunigungsquatsch - [...]
Sicher nicht der der Hamburger Bürger, die sich letztlich gegen diesen Kommerzwahnsinn entschieden haben (hätte ich nie gedacht, dass da doch Vernunft durchkommt, nach all diesem Fahrradstraßen- und Busbeschleunigungsquatsch - letzteren konnten wir zumindest lokal etwas eindämmen). Das hat mit Sport wenig zu tun und diese Mär, es sei für die lokale Wirtschaft gut, ist Schwachfug. Das ganze ist nur für die gut, die sich illegal die Taschen füllen, die Bürger haben davon lediglich ungenutzte Stadien, für die sie dann jahrelang Instandhaltung zahlen müssen. Olympia-Blödsinn in Hamburg? Never!
Morpheus_Ahrm 13.09.2017
4.
Wenn Hamburg 11,2 Mrd ausgegeben hätte, Paris aber mit 7 und LA sogar mit 4,4 Mrd auskommen (wollen) - inwiefern wäre HH dann ein Zeichen für Spiele "ohne teuren Gigantismus" gewesen?
Wenn Hamburg 11,2 Mrd ausgegeben hätte, Paris aber mit 7 und LA sogar mit 4,4 Mrd auskommen (wollen) - inwiefern wäre HH dann ein Zeichen für Spiele "ohne teuren Gigantismus" gewesen?
darthmax 13.09.2017
5. Hamburg wollte
keine Olympiade. Der Bürgermeister plus Senat ist nicht Hamburg. Hamburg wollte auch keine G20, die Bürger hatten aber keine Chance dieses Ereignis abzulehnen. Der Berufssport hat nur noch wenig mit dem olympischen Gedanken [...]
keine Olympiade. Der Bürgermeister plus Senat ist nicht Hamburg. Hamburg wollte auch keine G20, die Bürger hatten aber keine Chance dieses Ereignis abzulehnen. Der Berufssport hat nur noch wenig mit dem olympischen Gedanken zu tun.

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