Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Sexueller Missbrauch im US-Turnen

"Warum wird nicht der Verband hinterfragt?"

Mehr als 130 Missbrauchsanzeigen liegen gegen den langjährigen Teamarzt der US-Turner, Larry Nassar, vor. Auch Olympiasiegerin Aly Raisman gehört zu den Betroffenen - sie klagt auch den Verband an.

AP
Von
Dienstag, 14.11.2017   17:15 Uhr

Der CBS-Moderator stellt Aly Raisman in der US-Fernsehsendung "60 Minutes" als "eine der dominierendsten Turnerinnen aller Zeiten" vor. Raisman hatte in London und Rio sechs Medaillen gewonnen, darunter drei Mal Gold. Auch ihretwegen ist Turnen bei Mädchen die beliebteste Sportart der Sommerspiele.

Doch diesmal geht es nicht um die Sternstunden in der Karriere der Alexandra Rose Raisman, sondern um die dunklen Seiten. Um eine vermeintliche Vertrauensperson, die die Ahnungslosigkeit von Teenagern schonungslos ausnutzte, um seine Perversion zu befriedigen. Und um einen Verband, der viel zu lange brauchte, um zu reagieren - und seine Athleten vor sexueller Belästigung oder gar sexuellem Missbrauch zu schützen.

Raisman ist die prominenteste US-Athletin, die sich für den schweren Schritt an die Öffentlichkeit entschieden hat. Die 23-Jährige unterdrückt im Interview immer wieder ihre Tränen, als sie über ihre Erlebnisse mit jenem Mann spricht, der von 1996 bis 2015 Teamarzt der US-Turnerinnen war und gegen den bereits mehr als 130 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs vorliegen: Larry Nassar.

"Wir sollten uns glücklich schätzen, ihn sehen zu dürfen"

Der Arzt sitzt in Untersuchungshaft, Anfang Dezember soll ihm der Prozess gemacht werden. Allerdings nicht wegen sexuellen Missbrauchs, sondern wegen des Besitzes von Kinderpornografie. Nassar hat bereits gestanden. Die Vorwürfe der zahlreichen Turnerinnen bestreitet er jedoch.

Nassar hatte Raisman erstmals behandelt, als diese 15 Jahre alt war. Sie habe, so Raisman, sich lange Zeit geweigert einzugestehen, Opfer sexuellen Missbrauchs zu sein. Und sie habe weder die Warnsignale erkannt noch gewusst, was sexueller Missbrauch überhaupt sei.

Raisman berichtet davon, "einfach sehr naiv und ahnungslos gewesen" zu sein und ihm bei der ärztlichen Behandlung vertraut zu haben. "Uns wurde gesagt, er sei der Arzt der US-Olympiamannschaft und des Turn-Teams. Und wir sollten uns glücklich schätzen, ihn sehen zu dürfen", sagt Raisman.

Es sind Situationen wie diese, die Täter ausnutzen. Nassar arbeitete unter anderem auf der Ranch des berühmten Trainerpaares Bela und Marta Karolyi in Texas. Dort wurden zahlreiche Weltmeisterinnen und Olympiasiegerinnen geformt - allerdings unter oftmals fragwürdigen Methoden. Es herrschte extremer Leistungsdruck - und es gibt Berichte von Beschimpfungen und Einschüchterungen sowie von körperlichen Attacken.

In diesem kalten und emotionslosen Umfeld erwarb sich Nassar das Vertrauen der Teenager. Raisman betont, dass der Arzt ihr "oft Nachtisch gebracht oder mir kleine Dinge gekauft" habe. Und eben deshalb habe sie gedacht, er sei "ein guter Mensch". Den Karolyis wurde vorgeworfen, dass sie über den sexuellen Missbrauch hinweggesehen hätten.

Trotz klarer Hinweise entließ der US-Verband Nassar erst 2015

Bereits vor den Sommerspielen in Rio hatten ehemalige Turnerinnen wie die Olympiadritte von Sydney, Jamie Dantzscher, von ihren Erfahrungen mit Nassar berichtet. "Ich hatte im unteren Rücken starke Schmerzen. Er hat seine Finger in meine Vagina gesteckt, meine Beine bewegt und gesagt, dass es gleich ein Knacken geben und ich mich dann besser fühlen werde", erinnert sich Dantzscher.

Als vor wenigen Wochen der Skandal um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein publik wurde und Frauen unter dem Hastig #metoo an die Öffentlichkeit gingen, twitterte auch McKayla Maroney. Sie gehörte zur Gold-Mannschaft von London. Und sie ließ wissen, dass Nassar angefangen habe, sich an ihr zu vergehen, als sie 13 Jahre alt gewesen sei. Die Tortur sei erst beendet gewesen, als sie mit dem Sport aufgehört habe, so Maroney. Selbst vor den Wettkämpfen in London habe Nassar sie noch missbraucht.

Trotz klarer Hinweise entließ der US-Verband Nassar erst 2015 - und wartete fünf weitere Wochen, ehe er den Fall dem FBI meldete. Die Angst vor einem Imageschaden und die Gier nach Gold waren größer als die Fürsorgepflicht für junge Mädchen. Der Skandal ist nicht der erste dieser Art im US-Sport. Der US-Schwimm-Verband hatte in der Vergangenheit mit Übungsleitern zu kämpfen, die sich an Schützlingen vergingen, sie sexuell belästigten oder in der Kabine beim Umziehen heimlich filmten.

"Warum wird der Verband nicht hinterfragt?"

In Sportarten wie Turnen oder Schwimmen werden im Frauenbereich die Athletinnen immer jünger. Die Besten von ihnen, so hieß es bei "CBS", würden aufgrund des hohen Trainingsaufwands mehr Stunden mit dem Übungsleiter verbringen als im eigenen Elternhaus. Und eben dieses Verhältnis sei, so bedauerlich es auch ist, "prädestiniert für Missbrauch". Auch in Europa sind Fälle bekannt geworden. In Deutschland beispielsweise bei den Fechtern des FC Tauberbischofsheim und in England sorgte ein Skandal um Nachwuchsfußballer für Aufsehen.

Aly Raisman kennt ihren Status, sie weiß, dass sie bekannt und beliebt ist. Und sie will dies nutzen. Die Olympiasiegerin hat oft Situationen erlebt, in denen kleine Mädchen mit großen Augen auf sie zukommen, um Autogramme oder Selfies bitten. "Jedes Mal, wenn ich sie lächeln sehe, denke ich, dass ich etwas verändern will. Damit sie niemals dies durchmachen müssen, was wir erlebt haben", sagt Raisman.

Sie wurde oft angesprochen, warum die Opfer den Missbrauch nicht früher öffentlich gemacht haben. Eine Frage, die sie wütend macht. "Warum die Frauen? Warum wird hier nicht die Kultur hinterfragt oder der Verband?" Steve Penney ist nach dem Bekanntwerden des Nassar-Skandals als Präsident von USA Gymnastics zurückgetreten.

Der Verband hat strengere Richtlinien erlassen. So ist es nun "verbindlich", einen Verdacht von sexuellem Missbrauch zu melden. Lynn Raisman ist dennoch skeptisch. Die Mutter von Aly betont, dass bis auf Penney immer noch dieselben Leute im Verband tätig seien. Und das gebe ihr kaum Hoffnung, dass die neuen Richtlinien auch wirklich umgesetzt werden.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP