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06.02.2012
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Contadors Schuldspruch

Etappensieg für den Radsport

Von und
Foto: Getty Images

Mit dem Urteilsspruch gegen Alberto Contador hat der Sportgerichtshof CAS einiges für die Glaubwürdigkeit des Radsports getan. Zu abenteuerlich war die Verteidigungsstrategie des Spaniers. Ein anderer, ebenso umstrittener Titelträger bleibt dagegen unbehelligt.

Auf der Mallorca-Rundfahrt der Radprofis stand am Montag eine Schleife auf dem Programm: Bei der Etappe von Llucmajor über Campos zurück nach Llucmajor sind sie alle dabei, die Stars der Branche. Toursieger Cadel Evans ist am Start. Er misst seine Kräfte mit den Luxemburger Brüdern Andy und Fränck Schleck. Auch der deutsche Zeitfahrspezialist Tony Martin testet seine Frühform. Einer, der am Sonntag zur Auftaktetappe noch auf dem Rad gesessen hatte, fehlte allerdings: Alberto Contador musste den ersten Tag seiner Reststrafe abbrummen.

Der Spanier, Superstar der vergangenen Jahre, gilt jetzt höchstrichterlich und offiziell als Dopingsünder und bleibt nach dem Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes Cas mit sofortiger Wirkung bis zum August dieses Jahres gesperrt: Seine Titel als Tour-de-France-Sieger 2010 und als Gewinner des Giro d'Italia 2011 ist der 29-Jährige auch los. Der Cas hat Recht gesprochen und dem Kampf gegen Doping im Radsport ein Stück Glaubwürdigkeit zurückgegeben. Auch wenn das Stück nur klein ist.

Die Version des Contador-Lagers, der bei ihm gefundene Wirkstoff Clenbuterol sei auf den Genuss verunreinigten Fleisches aus Nordspanien zurückzuführen gewesen, hat bei den Richtern unter dem Vorsitz des Israeli Ephraim Barak keine Zustimmung gefunden. Die Argumente, die gegen Contador sprachen, waren einfach zu stark: So war seit Jahren in der spanischen Pyrenäen-Region kein Clenbuterol-Fall in der Kälbermast mehr aufgetreten - ausgerechnet der jetzt nur noch zweifache Tour-de-France-Sieger soll davon betroffen gewesen sein.

Spuren von Weichmachern konnten Contadors Anwälte nicht erklären

Contadors Rechtsbeistände konnten trotz des Einsatzes eines Lügendetektortests und vorgebrachter Zweifel an der Sauberkeit der spanischen Fleischproduktion das Gericht nicht von ihrer These überzeugen: Dass die Menge von 50 Pikogramm Clenbuterol, die bei der Dopingprobe am zweiten Ruhetag der Tour 2010 festgestellt wurden, zweifelsfrei durch ein in Spanien gekauftes Steak in Contadors Körper gelangt war.

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Dopingprozess: Dopingsperre für Contador
Den Schwerpunkt ihrer Prozess-Strategie hatte die Anklage, verkörpert von der Welt-Antidoping-Agentur Wada, zudem auf den Umstand gelegt, dass sich in der Dopingprobe des Spaniers auch Spuren von sogenannten Weichmachern gefunden hatten. Substanzen, wie sie auch bei der Produktion von Blutbeuteln gebraucht werden. Woher diese Weichmacher stammten, dafür hatten auch Contadors Anwälte letztlich keine schlüssige Erklärung parat.

Der spanische Verband ist nach dem Cas-Urteil blamiert

Dennoch kommt der Urteilsspruch überraschend, weil im Verlauf des gesamten Verfahrens immer wieder der Verdacht aufkam, der derzeit berühmteste Radprofi könnte sich einer Vorzugsbehandlung erfreuen. Die positive Probe wurde vom Radsport-Weltverband UCI zunächst über Wochen verheimlicht. Später wurde die Verhandlung vor dem Cas immer wieder verschoben, ebenso die Bekanntgabe des Urteilsspruchs. Ein wichtiger Belastungszeuge der Wada, der Blutdopingexperte Michael Ashenden, wurde von Richter Barak nach Meinung der Wada nur unzureichend gehört.

Contador hat stets auf seiner Unschuld beharrt. Zuletzt noch hatte der Spanier beim wichtigsten Rennen in Südamerika, der Tour de San Luis, zwei Bergetappen gewonnen und damit seinen unerschütterlichen Glauben an einen Freispruch unterstrichen. Er hatte mächtige Verbündete, vor allem in seinem Heimatland Spanien, wo sich selbst die Politik bis in höchste Regierungskreise für ihren Sporthelden stark gemacht hat. Und wo sich der nationale Verband früh für einen Freispruch Contadors entschieden hatte. Erst dieser nationale Persilschein machte den Prozess vor dem Cas nötig. Jetzt ist nicht nur der Fahrer bestraft, sondern auch der spanische Verband blamiert.

Nach Bjarne Riis und Floyd Landis ist Contador nun der dritte Top-Fahrer der vergangenen 20 Jahre, dessen Tourtriumph nachträglich aberkannt werden muss - wobei Riis nach einer Schamfrist des Weltverbands mittlerweile wieder in den Siegerlisten auftaucht. Die sieben Tour-Erfolge des US-Amerikaners Lance Armstrong bleiben in den Annalen dagegen erhalten - zumindest vorerst.

Erst am Wochenende sind die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Armstrong zwar eingestellt worden. Dennoch untersucht die US-Anti-Doping-Behörde Usada weiterhin, ob die großen Erfolge Armstrongs im vergangenen Jahrzehnt mit sauberen Mitteln erzielt wurden. Es gibt genug Zeugen, die das Gegenteil behaupten. Konsequenzen für den US-Amerikaner hatte das bisher nicht.

Der Großteil seiner Toursiege kann Armstrong ohnehin schon jetzt nicht mehr aberkannt werden, auch wenn er im Nachhinein überführt würde: Die achtjährige Verjährungszeit für Dopingvergehen läuft für ihn langsam ab. Dass der Amerikaner im Unterschied zu Contador seine Laufbahn mittlerweile beendet hat, hat den Eifer der Dopingfahnder zudem nicht unbedingt gesteigert. Möglicherweise hat Armstrong auch nur bessere Anwälte als der Spanier. In jedem Fall hatte er die besseren Beziehungen zum Radweltverband UCI, dem er großzügige Geldspenden zukommen ließ.

Die Mallorca-Rundfahrt geht derweil ohne Contador weiter. Die Veranstalter freuen sich stattdessen über ein anderes Aushängeschild. Der spanische Weltklassefahrer Alejandro Valverde feiert bei der Rundfahrt sein Europa-Comeback. Er hat gerade eine 19-monatige Sperre wegen Dopings abgesessen.

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insgesamt 31 Beiträge
1. Ist schon in Ordnung so!
dosmundos 06.02.2012
Es dürfte schwierig sein, einen Lance Armstrong für lang zurückliegende Vergehen auf Indizienbasis zur Rechenschaft zu ziehen. Vielleicht ist es auch gar nicht einmal mehr unbedingt nötig. Wir wissen alle, was wir von Armstrong zu [...]
Es dürfte schwierig sein, einen Lance Armstrong für lang zurückliegende Vergehen auf Indizienbasis zur Rechenschaft zu ziehen. Vielleicht ist es auch gar nicht einmal mehr unbedingt nötig. Wir wissen alle, was wir von Armstrong zu halten haben. Und wer unbedingt an seine Unschuld glauben will, hätte sich auch durch eine Verurteilung seines Helden nicht davon abbringen lassen. Im Fall Contador hingegen hat der Radsport gewonnen. Ein kleiner Schritt auf dem langen Weg zurück zur Glaubwürdigkeit. Schön in diesem Zusammenhang der Tritt in die (wegen Dopingmissbrauchs evtl. nicht mehr vorhandenen?) cojones des spanischen Radlerverbandes :-)
2. Endlich!
Systemrelevanter 06.02.2012
Eindlich wird hier mal die Cliquenwirtschaft des spanischen Verbandes angesprochen. Aus meiner Sicht das das der viel größere Skandal.
Eindlich wird hier mal die Cliquenwirtschaft des spanischen Verbandes angesprochen. Aus meiner Sicht das das der viel größere Skandal.
3. wenn das nur wirklich ernst gnommen würde!!!
winnithepooh 06.02.2012
dann könnte diese unsinnige Raserei nach schneller, höher, weiter vielleicht wieder in erträgliche Bahnen kommen. Jedenfalls: Gut so!
dann könnte diese unsinnige Raserei nach schneller, höher, weiter vielleicht wieder in erträgliche Bahnen kommen. Jedenfalls: Gut so!
4.
asdf01 06.02.2012
"Etwas für die Glaubwürdigkeit getan" ?? Naja..,. Meines Erachtens ist das nur eine homöopathische Dosis oberflächliche Kosmetik. Eigentlich tragisch, das der Radsport so komplett innerlich verrottet ist, dass da kaum [...]
Zitat von sysopSchuldig wegen Dopings: Mit dem Urteilsspruch gegen Alberto Contador hat der Sportgerichtshof CAS einiges für die Glaubwürdigkeit des Radsports getan. Zu abenteuerlich war die Verteidigungsstrategie des Spaniers. Ein anderer, ebenso umstrittener Titelträger bleibt dagegen unbehelligt. Contadors Schuldspruch: Etappensieg für den Radsport - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Sport (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,813601,00.html)
"Etwas für die Glaubwürdigkeit getan" ?? Naja..,. Meines Erachtens ist das nur eine homöopathische Dosis oberflächliche Kosmetik. Eigentlich tragisch, das der Radsport so komplett innerlich verrottet ist, dass da kaum noch Hoffnung auf Besserung besteht, denn eigentlich ist es ein hochinteressanter und attraktiver Sport.
5. Glaubwürdigkeit....
fatherted98 06.02.2012
...würde dann hergestellt, wenn eine mindestens 10 jährige Sperre ausgesprochen würde....das wäre gleichbedeutend mit dem Karriere-Ende...alles andere ist nur ein verlängerter Trainingsurlaub in dem man sich um seine [...]
...würde dann hergestellt, wenn eine mindestens 10 jährige Sperre ausgesprochen würde....das wäre gleichbedeutend mit dem Karriere-Ende...alles andere ist nur ein verlängerter Trainingsurlaub in dem man sich um seine Werbeauftritte kümmern kann. Contador wird wiederkommen und sicherich auch weiterdoppen...ansonsten würde er ja im Feld untergehen. Trotzdem ein Etappensieg gegen das Dopping...immerhin die Peinlichkeiten für die Verbände und die Tour sind immens...und nur so kann man gegen das Doping auf lange Sicht etwas tun.

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Jahr Sieger Land
2013 Chris Froome Großbritannien
2012 Bradley Wiggins Großbritannien
2011 Cadel Evans Australien
2010 Andy Schleck Luxemburg
2009 Alberto Contador Spanien
2008 Carlos Sastre Spanien
2007 Alberto Contador Spanien
2006 Óscar Pereiro Spanien
2005 Lance Armstrong* USA
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