06.05.2012
Playoff-Aus von Dallas
Die Entzauberung des Meisters
Aus Dallas berichtet Heiko OldörpAls die Schluss-Sirene ertönte, reichte Dirk Nowitzki umgehend Kevin Durant die Hand. Der Deutsche musste dafür nach der 97:103-Niederlage und dem Playoff-Aus seiner Dallas Mavericks gar nicht groß auf den Star der Oklahoma City Thunder zugehen, denn Durant stand direkt neben ihm. Es war zwar Zufall, aber dennoch ein Bild mit Symbol-Charakter. Der 33 Jahre alte Champion Nowitzki verabschiedete sich in den Urlaub und überließ die große Basketball-Bühne einem zehn Jahre Jüngeren, der in wenigen Wochen womöglich mit seinem Team die Mavericks als Meister beerben wird.
Vor einem Jahr hatte Nowitzki nach dem 4:1-Sieg in der Halbfinal-Serie noch die Glückwunsche von Durant zum Endspiel-Einzug bekommen, doch seit jenem 100:96-Erfolg am 25. Mai 2011 ist viel passiert. Oklahoma hat einen großen Schritt nach vorn gemacht, Dallas hingegen ist schneller gealtert, als es selbst Pessimisten erwartet haben.
"Es ist traurig zu sehen, wie das hier geendet ist", sagte Jason Terry. Während er diesen Worten in der Kabine ein trotziges "aber wir werden immer der Meister von 2011 bleiben" hinzufügte und Vince Carter neben ihm davon sprach, dass man immer noch glaube, besser zu sein, als das, was man gezeigt habe, ging's Nowitzki auf der Pressekonferenz vor allem um die Zukunft. "Der Verein muss wichtige Entscheidungen treffen", sagte der Mavericks-Kapitän.
Williams und Howard sollen kommen
Gemeint sind Clubbesitzer Mark Cuban und Manager Donnie Nelson. Acht Akteure, unter anderem Terry, Jason Kidd, Carter und Trainer Rick Carlisle, sind vertragslos. Im Vorjahr waren es sechs - von denen mit Brian Cardinal lediglich ein Ersatzmann gehalten wurde. Peja Stojakovic beendete seine Karriere, 2,16 Meter-Abräumer Tyson Chandler, Wirbelwind J.J. Barea, der immer unbequem zu spielende DeShawn Stevenson sowie Caron Butler indes verließen die Meister-Mannschaft. Alle hätten gerne Langzeit-Verträge unterschrieben, Cuban hingegen bot nur Ein-Jahres-Kontrakte an. Und der 53-Jährige machte am Samstag noch einmal deutlich, dass er "keine Milli-Sekunde" daran dachte, die Leistungsträger länger zu binden.
In der Vergangenheit hatte die Gehaltsobergrenze der NBA den Multi-Milliardär nie sonderlich interessiert. Cuban hatte immer eine der teuersten Mannschaften. Aufgrund verschärfter Regularien im neuen Arbeitstarif-Vertrag wird es künftig jedoch teuer, wenn die Clubs mehr ausgeben, als erlaubt. Und Dallas will diesen Sommer einen "großen Fisch" an Land ziehen, wie Manager Nelson öfter betont hat. Olympiasieger Deron Williams, dessen Vertrag bei den New Jersey Nets endet, soll als neuer Aufbauspieler für den 39-jährigen Kidd kommen. Zudem hofft Cuban, durch Williams auch Dwight Howard von den Orlando Magic weglocken zu können.
Doch für beide Stars braucht er finanziellen Freiraum. Und deshalb ließ er Chandler (New York), Barea (Minnesota), Stevenson (New Jersey) und Butler (LA Clippers) ziehen, nahm für den Neuanfang eine Übergangs-Saison billigend in Kauf. "Wir waren alle enttäuscht, als klar war, dass wir das Team nicht zusammenhalten können", sagte Nowitzki. Die "Dallas Morning News" sprachen gar von "Cubans gefährlichem Glücksspiel."
Dallas fehlen neben Nowitzki weitere Top-Spieler
Ob der Plan des exzentrischen Bosses aufgeht und Nowitzki erstmals in seiner Karriere einen Superstar im besten Alter zur Seite bekommt, ist offen. Während Dallas die gesamte Saison über vor allem in der Defensive viele Lücken aufwies, wurde Chandler zum besten Verteidiger der Liga gewählt. Howard indes hat vor zwei Monaten bis 2013 in Orlando verlängert und fällt vorerst ohnehin mit einem Bandscheiben-Vorfall aus.
Zwar könnten die "Mavs" ein Tauschgeschäft mit Orlando eingehen, allerdings haben sie niemanden, der für Magic von Interesse sein könnte. Und ob das überalterte und sichtlich überforderte Mavericks-Team für Williams nach dem klaren Playoff-Aus noch so lukrativ ist, wird sich zeigen. Der ehemalige Top-Spieler Charles Barkley spricht von einer riskanten Rechung. "Dallas hat zwar viel Geld. Aber wenn sie Williams und Howard nicht bekommen, müssen sie zwangsläufig Leute holen, die nicht so gut sind", so Barkley.
Kidd glaubt, dass zumindestens Williams, der in Dalllas zur High School ging, in der kommenden Saison das Mavericks-Trikot tragen wird: "Wir haben den selben Berater, werden schön zusammen Golf spielen gehen. Das macht die Sache leicht." Nowitzki wird in den kommenden Monaten vor allem mit Cuban und Nelson sprechen. Die Meinung ihres Ausnahme-Spielers ist den Entscheidungsträgern seit Jahren wichtig. Und für Nowitzki, der noch einen Vertrag bis 2014 in Dallas hat, steht fest: "Wenn du ein Top-Team sein willst, brauchst du einfach zwei, drei Leute, die jederzeit das Spiel an sich reißen können."
Dallas hatte in dieser Saison mit Nowitzki nur einen zuverlässigen Star - und das war eindeutig zu wenig.

