15.05.2012
Achilles' Verse
Gans in Weiß
Gänse: Wer im Ziel immer noch Blütenweiß trägt, hat sich nicht genug gequält
Als Claus-Heinrich am vergangenen Sonntag aus dem Auto stieg, war ich geblendet. Mein Laufkumpan, bislang in Modefragen eher Mannheim als Paris, hatte in eine rein weiße Ganzkörpermontur investiert. Scheint ein Trend zu sein. Was mit der Ledercouch bei Bohlens anfing und sich beim iPhone fortsetzte, hat den Freizeitsport erreicht: jeder Pfau, jede Gans in Weiß. Nur ich nicht. Warum auch?
Weiß ist das Symbol der Sauberkeit. Aber Sport ist schmutzig. Sonst wäre es ja kein Sport. Wer an der Grenze zur Bewusstlosigkeit schnauft, saugt automatisch Insekten, Pollen und andere Kollateralpartikel ein, Baumrinde etwa. Außerdem klebt im Rachen der Restpelz vom Rotwein. Klar, dass der Athlet schneuzt. Freiheit für die Atemwege. Hektischer Blick, wo der Schlorz wohl kleben könnte.
Auf der Straße meistens nicht. Hier hat das traditionelle Schwarz tatsächlich leichte Nachteile. Bis auf Blut und Kettenfett sieht man Flecken dort sehr gut, vor allem Schweißränder. Aber die sollen ja auch gesehen werden - sind sie doch Nachweis ehrlicher Mühe. Auf Weiß verschwinden die Transpirationstrophäen einfach.
Meine Socken sind schon an der Kasse schmutzig
Wer im Ziel immer noch Blütenweiß trägt, hat sich nicht genug gequält. Der hat Pfützen gemieden, weder mit Sportgetränk noch Riegel gekleckert, ja, er hat nicht mal den Windschatten des Vordermannes konsequent genutzt. Wer ökonomisch dicht aufläuft, kriegt nämlich unweigerlich die Schneuzreste vom Vordermann ab, dessen Nasenbluten leider noch nicht ganz verheilt war.
Claus-Heinrich dreht sich stolz wie Maite Kelly bei "Let's Dance" und protzt: "Hab' ich neu." Ach nee, denke ich, sonst wär's ja auch nicht mehr weiß. Ich bewunderte insgeheim, dass der Kerl die Klamotten bis zum Grunewaldparkplatz sauber gehalten hatte. Meine Kinder schmieren immer an meinem Bauch ihre Nutellaschnute ab, wenn ich gerade das Haus verlassen will. Lästig ist auch Lippenstift von Mona, schlimmer ist nur Lippenstift, der nicht von Mona stammt.
Ich bewundere Menschen, die weiße Sachen weiß erhalten können, zum Beispiel Laufsocken, über Jahre. Wie geht das? In Zahnweiß einlegen? Meine Socken sind schon an der Kasse schmutzig. Ich kann fünfmal zurückgehen zum Sockenregal und frische holen. Bis zur Kasse sind sie trotzdem wieder grau geworden. Es scheint bei Schmutzpartikeln eine Art Schwarmintelligenz zu geben. Dreck sucht sich immer den nettesten Zeitgenossen aus und bleibt dann einfach kleben. Und dann kommen die anderen Partikel auch noch. Leider kann ich diese Gefühle nicht erwidern.
Schade, dass an diesem Sonntag weit und breit keine Pfütze zu finden ist, mit der ich das Laufgespenst an meiner Seite zart besprenkeln könnte. Immerhin kann ich ihn staubige Waldwege entlang locken. Das Ergebnis: alles schwarz; Waden, Schuhe, Socken. Aber nur bei mir. Claus-Heinrich hat den Parcours rein wie eine Magnolienblüte überstanden. "Wie siehst du denn aus?", fragt er und deutet auf meine Schmutzbeine. Ich sage nichts und schäme mich. Wenigstens drücken sich bei mir am Rücken keine Muster durchs teiltransparente Textil, bei denen man nicht weiß, ob es sich um ein Tattoo oder plattgedrückte Büschel von Rückenhaaren handelt.
Weiß zeigt gnadenlos alles. Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Wann fand die letzte Flusenkontrolle im Nabel statt? Peinlich, so ein schwarzer Punkt vorn unterm Hemd. Deswegen gilt weiterhin: Praktiker und Ästheten tragen Schwarz, kombiniert mit maximal einer Farbe, ein heiteres Grau zum Beispiel. Das war früher bestimmt mal weiß.