28.05.2012
Legendäres Indy-500-Rennen
Hitzeschlacht im Hexenkessel
Aus Indianapolis berichtet Tom GrünwegEs ist ein Rennen der Rekorde. Keine Einzel-Sportveranstaltung hat so viele Zuschauer, bei keinem Autorennen wird so schnell gefahren wie bei den 500 Meilen auf dem Indianapolis Motor Speedway. Schon im allerersten Rennen 1911 lag die Durchschnittsgeschwindigkeit bei 117 km/h, heute erreichen die Piloten 350 Stundenkilometer.
Die Indy-Serie ist die amerikanische Antwort auf die Formel 1 - und die 2,5 Meilen (knapp vier Kilometer) lange Rennstrecke in Indianapolis war auch schon Teil des Grand-Prix-Kalenders. Von 2003 bis 2006 etwa siegte hier Michael Schumacher viermal in Folge. Heute fahren einige ehemalige Formel-1-Piloten in der Rennserie mit: Prominentester Vertreter ist wohl Rubens Barrichello, langjähriger Ferrari-Teamgefährte des deutschen Rekordweltmeisters.
An diesem Wochenende war es wieder soweit: Mehr als 400.000 Fans strömten an die Rennstrecke und erlebten bei Temperaturen von mehr als 30 Grad einen der heißesten Rennsonntage in der 101-jährigen Geschichte. Sie wollten Action, Spannung, Drama - und sollten nicht enttäuscht werden.
Kraftstrotzende 700-PS-Boliden
Die Boliden, die der Rennwagenhersteller Dallara in diesem Jahr an alle Teams liefert, und die mit 2,2 Litern Hubraum und bis zu 700 PS vor Kraft strotzen, rasten um die Wette. Zum Rennende hin offenbarte die Indy 500 ihr Spannungspotential: In immer höherer Frequenz wechselte die Führung. Der Leuchtturm zeigte in den 200 Runden an der Start-Ziel-Linie fast 40-mal einen anderen der 33 Fahrer an erster Stelle.
Dabei war in den ersten zwei Dritteln des Rennens vergleichsweise wenig passiert. Zwar hatte der Australier Ryan Briscoe seine Führung aus der Polo-Position nicht lange halten können. Doch nachdem sich die Piloten erst einmal sortiert hatten, verlief das Rennen zunächst unspektakulär.
Umso heißer wurde es dann aber in den letzten 20 Runden, als sich die beiden Ganassi-Piloten Dario Franchitti und Scott Dixon in nahezu jeder Kurve gegenseitig die Führung streitig machten - und sich der Japaner Takuma Sato, ebenfalls ein früherer Formel-1-Fahrer, immer weiter nach vorne kämpfte.
Eine Flasche Milch für den Sieger
In der letzten Runde setzte Sato alles auf eine Karte - und verlor. Er versuchte, in der ersten Kurve innen an Franchitti vorbeizuziehen, strauchelte, drehte sich in die Wand und blieb zwei Meilen vor dem Ziel liegen. "Ich wollte gewinnen, aber er hat mir keinen Raum gelassen", sagte Sato, der mit ansehen musste, wie der Schotte Franchitti seinen dritten Sieg einfuhr - gefolgt vom Teamkollegen Dixon und dem Brasilianer Tony Kanaan.
Bei der anschließenden Siegerehrung begoss Franchitti seinen Erfolg allerdings nicht mit Champagner, wie es etwa in der Formel 1 üblich ist, sondern bekam traditionell eine Flasche Milch. In Gedenken an den Vorjahressieger Dan Wheldon, der im Oktober in Las Vegas tödlich verunglückte, zog Franchitti eine jener weißen Sonnenbrillen auf, die seinen früheren Teamkollegen berühmt gemacht hatten. "Was für ein Rennen. Ich glaube, Wheldon wäre stolz auf uns gewesen", sagte Franchitti.
Nach der Siegerehrung küsste Franchitti ein Dutzend Mal jene Backsteine hinter der Start-Ziel-Linie, die erahnen lassen, wie die Rennstrecke einmal ausgesehen hatte. Anfangs noch geschottert und geteert, wurde sie schon 1911 mit über drei Millionen Ziegelsteinen gepflastert, die ihr den Namen "Brickyard" eingebracht haben. Heute ist die Strecke asphaltiert.
Franchitti, Dixon und Kanaan, die alle drei mit dem verstorbenen Wheldon befreundet gewesen waren, widmeten ihm dann auch das Rennen: "Wir sind wie in den alten Zeiten um die Wette gefahren, Dan hat sich darüber bestimmt gefreut", sagte der schottische Sieger und auch der drittplatzierte Kanaan war sich sicher: "Es hätte kein besseres Ergebnis für ihn sein können."

