04.07.2012
Wimbledon-Viertelfinalist Mayer
Der ewige Zweifler
Von Nils LehnebachHamburg - Vor kurzem hat Florian Mayer ein paar Sätze gesagt, die hat kaum jemand verstanden. Es ging um die Olympischen Sommerspiele in London. Was für viele Sportler das größte Erlebnis ihrer Karriere ist, interessiert Mayer nicht. Der 28-Jährige sprach kühl davon, dass das Turnier nicht in seinen Plan passe. Er startet stattdessen bei einem kleinen ATP-Turnier in Kitzbühel, was ihm auch deshalb besser liege, weil es statt auf Rasen auf Sand ausgetragen werde.
Mayer scheint sich selbst nicht allzu gut zu kennen. Knapp eine Woche nach seiner Olympia-Absage hat der Weltranglisten-29. in Wimbledon, dem wichtigsten Tennisturnier des Jahres, das Viertelfinale erreicht. Es ist sein größter Erfolg seit acht Jahren. Und es hätte die perfekte Generalprobe für Olympia sein können, wird das Tennisturnier der Spiele doch auf der Wimbledon-Anlage ausgetragen.
Es passt zu Mayer, dass er immer wieder Wege geht, die kaum jemand erwartet. Manchmal überrascht er aber auch positiv. So hatte keiner mit seinem Achtelfinalsieg gegen Richard Gasquet gerechnet. Der Franzose hatte zuvor im Turnier nicht einen Satz verloren, gegen Mayer war er chancenlos.
Bestes Abschneiden der deutschen Herren in Wimbledon seit 15 Jahren
"Das ist ein wundervoller Traum für mich. Vor acht Jahren war ich hier schon mal im Viertelfinale, und jetzt wieder", sagte Mayer, der nach der Partie von einem "perfekten Match" sprach. Nicht weniger als eine Wiederholung wird er brauchen, um den nächsten Schritt zu machen. Im Viertelfinale kommt es am Mittwoch (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zum Duell mit dem Weltranglistenersten und Titelverteidiger Novak Djokovic. "Das wird hart - er ist der absolute Favorit. Ich habe nichts zu verlieren und werde versuchen, ihn etwas zu irritieren", sagte der Deutsche.
Es ist ein typischer Mayer-Satz. Bloß nie zu viel von sich preisgeben, möglichst keine Emotionen zeigen oder zu große Erwartungen wecken. Mayer sagt normalerweise nur das, was er sagen muss. Nach dem Sieg gegen Gasquet war es mit seiner Zurückhaltung allerdings kurzzeitig vorbei: "Wir haben endlich den Durchbruch bei einem Grand Slam geschafft." Neben ihm steht auch Philipp Kohlschreiber in der Runde der besten Acht von Wimbledon. So erfolgreich waren die Deutschen zuletzt vor 15 Jahren, damals erreichten Boris Becker, Michael Stich und Nicolas Kiefer das Viertelfinale.
Mayer galt vor acht Jahren als Mann der Zukunft
Dort dürfte nun für beide Deutsche Schluss sein, zumindest nach rein sportlichen Gesichtspunkten. Kohlschreiber ist gegen den Weltranglistensechsten Jo-Wilfried Tsonga ebenso Außenseiter wie Mayer gegen Djokovic. Dennoch wird es für beide in der Weltrangliste nach oben gehen, Mayer wird sich vermutlich auf Rang 22 verbessern.
Dass es nun bei den Männern zu einem ähnlichen Aufschwung kommt, wie ihn zuletzt die Frauen erlebten, ist auszuschließen. Mayer und Kohlschreiber sind zu unkonstant in ihrem Spiel, zudem ist die Spitze bei den Herren einfach besser besetzt.
Gerade Mayer galt schon einmal als der nächste Deutsche, der die Top Ten erreichen kann. 2004 kam er ins Wimbledon-Viertelfinale und wurde später zum "Newcomer des Jahres" gewählt. Die "Times" bezeichnete ihn als "Mann der Zukunft". Doch es kam anders. Mayer schaffte nie den Durchbruch, 2008 schien er sogar ganz am Ende zu sein. Nach einer Operation am Zeigefinger legte er eine siebenmonatige Pause ein, er litt an einem Erschöpfungssyndrom.
Er kam aber stärker zurück, schlug im Oktober 2011 in Shanghai den Weltranglistenzweiten Rafael Nadal und erreichte mit Rang 18 die beste Platzierung seiner Karriere. Doch wie so oft konnte Mayer sein Niveau nicht halten. In diesem Jahr gewann er vor Wimbledon nur neun Spiele, verlor 15. Und so sagte er in Wimbledon wieder einen bezeichnenden Satz: "Ich habe zuletzt viel an mir gezweifelt." Ein weiteres Beispiel: "Man ist auf sich allein gestellt auf dem Platz, da geht es nicht immer, dass man mit Spaß spielt." Oder: "Immer wenn ich gegen Spieler spiele, die hinter mir stehen, fühle ich mich unter Druck gesetzt und bin verkrampft."
Bei den French Open etwa schied er in der zweiten Runde gegen Eduardo Schwank aus, die Nummer 192 der Welt. Mayer kann an schlechten Tagen gegen jeden Gegner verlieren. Er kann aber auch gegen jeden gewinnen. Superstar Djokovic sollte sich seiner Sache nicht zu sicher sein.

