31.07.2012
Bolls Olympia-Pleite
"Am liebsten würde ich losheulen"
Tischtennisprofi Boll: "Leider nicht gebacken bekommen"
Hamburg - Diesmal zerplatzte der Traum am Montag gegen 22 Uhr deutscher Zeit. Timo Boll, der beste deutsche Tischtennisspieler, eine der großen Medaillenhoffnungen, war bei den Olympischen Spielen in London im Einzel gescheitert. Im Achtelfinale setzte es eine 1:4 (9:11, 11:8, 13:15, 10:12, 6:11)-Niederlage gegen Adrian Crisan aus Rumänien. Bolls olympische Karriere war um eine weitere schmerzhafte Pleite reicher. "Am liebsten würde ich losheulen. Da fehlen mir etwas die Worte."
Das Duell hatte eigentlich unter klaren Vorzeichen gestanden: Auf der einen Seite der Rumäne, in der Weltrangliste auf Rang 27 notiert. Auf der anderen Seite Boll, 20 Plätze besser, fünffacher Europameister, Vizeweltmeister. Doch am Ende hatte der Deutsche seinem Kontrahenten nur wenig entgegenzusetzen und verlor völlig verdient: "Ich habe nicht den Weg gefunden, um über mich hinauszuwachsen."
Boll war mit hohen Erwartungen in das Turnier gegangen. Das war schon oft vor Olympischen Spielen so, doch diesmal lief die Vorbereitung "optimal", wie Bundestrainer Jörg Roßkopf sagte. Sein Athlet hatte keine Rückenschmerzen wie 2004 und 2008. "Ich mache mir bewusst selbst Druck und setze mir hohe Ziele", hatte Boll vor seinem Start gesagt. Er brauche das als Motivation, "um die Anspannung am Tisch umzusetzen".
Erst viele Fehler, dann verkrampft
Genau das schaffte der 31-Jährige am Montagabend nicht. Etwa fünf Stunden lagen zwischen Bolls Auftaktmatch gegen den Iraner Noshad Alamiyan (4:0) und dem Achtelfinale. Eine zu lange Zeit offenbar für Boll, der bereits bei den Spielen in Peking im Jahr 2008 ähnlich lange warten musste und ebenfalls im Achtelfinale scheiterte. 2004 war im Viertelfinale Endstation.
Gegen Crisan leistete sich Boll vor allem in der Anfangsphase viele Fehler, nach dem Gewinn des zweiten Satzes war er dem Profi von Bundesligist Werder Bremen klar unterlegen. "Ich hatte auch meine Chancen, aber dann muss man Führungen und Satzbälle auch nutzen. Ich habe es leider nicht gebacken bekommen."
Letzte Chance Teamwettbewerb
Boll muss die olympische Goldmedaille im Einzel-Wettbewerb, die Krönung für seine Karriere, wieder vorzeitig abschreiben. Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum. Noch vor dem Turnier war Boll ein Quell der Gelassenheit. Angst vorm Versagen kenne er nicht: "Ich werde hier bei Olympia bestimmt nicht zum Psychologen rennen." Nach dem Aus sind die Zweifel zurück.
"Ich weiß nicht, ob ich vielleicht zu einem Psychologen hätte gehen müssen. Man steht am Tisch und verkrampft." Um die Verkrampfung nicht zu einem Trauma werden zu lassen, gibt es für Boll nun nur noch den Teamwettbewerb, der am Freitag beginnt. Dort hatte er 2008 Silber geholt. "Wir haben die Chance, eine Medaille zu gewinnen. Die wollen wir nutzen."
Einer seiner Partner damals: Dimitrij Ovtcharov. Der Nationalspieler gewann am Montag souverän gegen den Österreicher Chen Weixing 4:0 und steht im Viertelfinale. Im Einzel ist es nun Ovtcharov, auf dem die deutschen Medaillenhoffnungen ruhen. Nicht mehr Timo Boll.
chp/dpa