10.08.2012
Verfehlte Olympia-Vorgaben
Funktionäre reden Zieldebakel klein
Deutsche Beckenschwimmerin: Medaillenziel deutlich verfehlt
Hamburg - 86 Medaillen sollten es werden, 38 sind es bisher gewonnen: Deutschlands Athleten haben die Ziele für London in einem dramatischen Ausmaß verfehlt. Doch wer trägt die Schuld dafür? Die in der internen Zielvereinbarung zwischen dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und den Fachverbänden angestrebte Anzahl von Medaillen war utopisch. Die betroffenen Fachverbände müssen nun Mittelkürzungen durch das Bundesinnenministerium (BMI) befürchten.
DOSB-Generaldirektor Michael Vesper verteidigte die getroffenen Vereinbarungen. "Es handelt sich hierbei um Ziele, auf die sich jeder einzelne Sportfachverband mit dem DOSB zu Beginn des olympischen Zyklus vor vier Jahren verständigt hat", sagte Vesper. "Dies als konkrete Medaillenplanwirtschaft zu interpretieren, wäre naiv und ginge an der Sachlage vorbei. Jeder, der sich im Sport auskennt, weiß, dass sich erfahrungsgemäß nur ein Teil der Jahre zuvor identifizierten Medaillenchancen realisieren lässt."
Nach außen hatte die Dachorganisation stets kommuniziert, das Niveau von Peking mit 41 Medaillen (16 Gold, 10 Silber, 15 Bronze) und Rang fünf in der Nationenwertung halten zu wollen. "Nach dem Ausgang der Olympischen Spiele werden wir gemeinsam mit dem Sport nach einer sorgfältigen sportfachlichen Analyse die notwendigen Schlüsse für die zukünftige Sportförderung ziehen", sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich.
Die Diskrepanz zwischen den Ambitionen und den tatsächlichen Erfolgen stellt dem DOSB und vor allem dessen Leistungsplanern kein gutes Zeugnis aus. Insbesondere Leistungssportdirektor Bernhard Schwank und Christa Thiel als Vizepräsidentin Leistungssport müssen sich nach London unangenehme Fragen - auch aus der Politik - gefallen lassen. "Der DOSB kann nach den Spielen nicht zur Tagesordnung übergehen", sagte Stephan Mayer (CSU), Mitglied des Bundestags-Sportausschusses. Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD, brachte die Idee ins Spiel, dass sich eine Gruppe unabhängig vom DOSB das Fördersystem anschaut. Forderungen nach mehr Geld erteilte er eine Absage.
Thiel hat als Präsidentin des Deutschen Schwimmverbandes zudem die größte Pleite seit 1932 zu verantworten. Erstmals seit 80 Jahren waren die Stars um Britta Steffen und Paul Biedermann im Becken ohne Medaille geblieben. Anvisiert worden waren acht Medaillen, davon zwei aus Gold. "Die Ziele waren sehr ambitiös und im optimalen Sinne zu sehen", erklärte Thiel, "wir haben es nicht mit Maschinen, sondern Athleten zu tun. Anders als in der Wirtschaft kann es keinen zuverlässigen Steuerungsprozess geben."
Einen Grund für personelle Konsequenzen sieht die DOSB-Vize nicht: "Ich will das nicht wegschieben, aber ich bin erst seit Ende 2010 als Vizepräsidentin für den Leistungssport zuständig und die Zielvereinbarungen wurden 2008 geschlossen."
Einer Aussage, der DOSB-Sprecher Markus Böcker gegenüber SPIEGEL ONLINE widersprach: "Die Gespräche für die Zielvorgaben laufen das ganze Jahr über, das ist ein ständiger Austausch." Einen Fixtermin für die Festlegung der Vorgaben in allen Sportarten gebe es nicht.
"Haben die Vereinbarung unterschrieben, damit wir handlungsfähig bleiben"
Bereits vor der Veröffentlichung war aus den Verbänden Kritik an den Zielvereinbarungen zu hören. Es habe harte Diskussionen statt offener Gespräche gegeben, sagte Frank Hensel, Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Konkrete Medaillenpläne seien seiner Ansicht nach unrealistisch. "Wir haben die Zielvereinbarung letztlich unterschrieben, damit wir handlungsfähig bleiben. Wir hatten keine andere Wahl", betonte Hensel in einem Zeitungsinterview.
Damit unterstrich er die intern erhobenen Vorwürfe anderer Verbandsfunktionäre, sie hätten sich zu den viel zu optimistischen Zielen teilweise zwangsverpflichtet gefühlt. "Vor allem dann, wenn es darum ging, das Medaillenziel zu definieren. Da sind die hohen Vorgaben des DOSB mit einem etwas größeren Realismus seitens der Sportverbände zusammengeprallt", sagte Hensel.
Der Ruf nach Reformen im Spitzensport scheint bislang aber noch kein Gehör gefunden zu haben. Weil das deutsche Team vor den letzten Entscheidungen auf Peking-Niveau liegt, fühlt sich Minister Friedrich sogar bestätigt. "Wir sind in vielen Sportarten gut aufgestellt, haben in vielen Sportarten Medaillen gewonnen, und ich glaube, das ist auch Tradition in Deutschland, sich so breit aufzustellen", sagte der CSU-Politiker im ZDF-Morgenmagazin. Er sei mit dem Abschneiden "nicht unzufrieden".
leh/dpa