10.08.2012
Freiwasserschwimmer Lurz
Durch Entendreck zu Silber
Aus London berichtet Andreas Morbach
Freiwasserschwimmer Lurz: Silber im Hyde Park
Viel war im Vorfeld des olympischen Freiwasserschwimmens im Londoner Hyde Park über den Serpentine Lake geunkt worden. Als "Schwanen-See" wurde das Gewässer verspottet, es sei "viel Entenkacke im Wasser", hatte Angela Maurer nach ihrem fünften Platz im Marathonschwimmen der Frauen am Mittwoch festgestellt.
Doch einen störte das offenbar überhaupt nicht: Thomas Lurz. Der 32-Jährige musste sich nach zehn Kilometer durch den trüben See nur dem Tunesier Oussama Mellouli geschlagen geben. Unbeeindruckt kraulte Lurz durch den Londoner Vogeldreck zu Silber - zur einzigen Medaille deutscher Schwimmer bei den Olympischen Sommerspielen.
Am Ende hatte er nur 3,4 Sekunden Rückstand auf Mellouli, der in Londoner Aquatics Center bereits Dritter über 1500 Meter Freistil geworden war. Lurz gratulierte dem Sieger, wie es sich gehört: "Er hat die Goldmedaille verdient. Er war der Beste im Feld, daran gibt es keinen Zweifel." Doch es war dem Zweitplazierten anzusehen, dass der Sieg Melloulis für Lurz einen bitteren Beigeschmack hatte.
Mellouli war 18 Monate wegen Dopings gesperrt
Im November 2006 war sein tunesischer Kontrahent positiv auf das Amphetamin Adderall getestet und im September 2007 rückwirkend für 18 Monate gesperrt worden. "Das damals war ein Fehler, der mich als Sportler wirklich verändert hat", beteuerte Mellouli immer wieder - aber ein ungutes Gefühl ist geblieben, wie so oft.
Laut sagen würde Lurz das nie, Ehrensache. Stattdessen breitete er nach der Siegerehrung sein Wissen über den Tunesier aus: "Er ist schon lange im Schwimmsport dabei. Nach Phelps und Lochte ist er der beste Allrounder." Und: "Technisch ist er mir überlegen. Wenn ich ihn schlagen kann, dann nur mit meinem Kämpferherz."
Mit dem wollte Lurz nach nach seinem dritten Platz beim Olympiadebüt der Freiwasserschwimmer in Peking diesmal ganz oben aufs Podest stürmen. Wie ein Besessener kämpfte er vier Jahre lang für sein großes Ziel. Gewann seine WM-Titel Nummer sieben bis zehn und flog erst zwei Tage vor seinem Wettkampf nach London, um sich nicht vom großen Vorhaben ablenken zu lassen.
Und doch hat es nur zu Silber gereicht. Ob er sich bei den Olympischen Sommerspielen 2016 wieder einen Rang verbessern und endlich Gold holen wolle? "Von den Platzierungen her würde es sich anbieten", sagte Lurz. In vier Jahren ist er 36, sieht das aber nicht unbedingt als Problem: "Angela Maurer ist 37 und hier ein Spitzenrennen geschwommen, das ist schon möglich", sagte er. Aber: "Vier Jahre sind eine lange Zeit. Es ist auch eine Frage des Geldes, das ist alles nicht so einfach."
2016 wird im offenen Meer geschwommen
Bei diesem Satz klang Lurz' Enttäuschung darüber über die verpasste Goldmedaille am stärksten durch. Die Freiwasserschwimmer sind die Außenseiter des Schwimmsports, erhalten weniger Aufmerksamkeit und weniger Förderung als andere Athleten des DSV. Dass ausgerechnet er mit seiner Medaille nun die Ehre der deutschen Schwimmer gerettet hat, ist Lurz aber völlig gleich. "Für mich persönlich macht das keinen Unterschied, ich schwimme für mich selber", sagte er - und nahm die erfolglosen Pool-Kollegen sogar in Schutz. Gerade im Becken sei es "extrem schwer", eine Medaille zu ergattern. Mit Vogeldreck und Algen muss dort allerdings niemand kämpfen.
Vielleicht ist es ein Ansporn für Lurz, dass in Rio de Janeiro nicht in einem stillen Entenparadies mitten in der Stadt geschwommen wird, sondern im offenen Meer. "Das ist gut für uns Freiwasserschwimmer", sagte er.
