11.08.2012
Medaillenvorgaben des DOSB
Die Vier-Jahres-Planer
Aus London berichtet Peter AhrensAm Ende hatte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) doch noch herausgefunden, warum zuletzt so aufgeregt über die Zielvereinbarung für Medaillen bei den Olympischen Spielen debattiert wurde. Es lag am falschen Namen. "Wir werden es künftig nicht mehr Zielvereinbarung, sondern Fördervereinbarung nennen. Da haben wir uns sprachlich leicht vergriffen", sagte DOSB-Präsident Thomas Bach.
Das war allerdings das einzige, was Bach und sein Generalsekretär Michael Vesper rund um die umstrittene Praxis als problematisch erachteten. Ansonsten verteidigten sie die Vereinbarung, die unter anderem die extrem hohe Vorgabe von 86 Medaillen - darunter 28-mal Gold - für London beinhaltet, als angemessen. Auch die Tatsache, dass man die Vereinbarung an sich vor der Öffentlichkeit geheim halten wollte, nannte Bach begründet.
86 Medaillen als Ziel für London, genau die Hälfte könnten es am Ende der Spiele werden. Für Vesper tut sich da überhaupt keine Diskrepanz auf. "Jeder, der sich im Sport auskennt, weiß schließlich, dass sich nicht alle Medaillenhoffnungen realisieren lassen", sagte der ehemalige Grünen-Spitzenpolitiker. Die 86er-Zahl sei schließlich "nie als Prognose oder als Medaillen-Planwirtschaft zu verstehen gewesen". Es handele sich dabei lediglich um ein "abstraktes Potential", ergänzte Bach.
"In keiner Sportart danebengelegen"
In der Zielvereinbarung zwischen dem DOSB und dem Bundesinnenministerium, die bereits vor vier Jahren aufgestellt worden sein soll, sind pro Verband die Medaillenaussichten detailliert aufgeführt. So rechnete der Deutsche Schwimm-Verband, der am Ende eine einzige Medaille einfuhr, mit zwölfmal Edelmetall, darunter dreimal Gold. Die Schützen, die komplett leer ausgingen, waren zuvor auf fünf Medaillen eingeschworen worden.
"In kaum einer Sportart haben wir daneben gelegen", behauptete Leistungssport-Direktor Bernhard Schwank dennoch und verteidigte die vermeintlich unrealistisch hohe Medaillenzahl. "Wenn Sie schon mit geringen Zielen anfangen, das funktioniert nicht." Und Vesper machte es geradezu "ratlos", dass jetzt ausschließlich über die Medaillenvorgabe diskutiert werde. "Das sind doch nur Einschätzungen, mehr nicht." Warum man dann jedoch überhaupt so eine konkrete Zahl festgeschrieben hat, wenn sie angeblich keine Bedeutung hat, das wusste keiner der Herren Bach, Schwank und Vesper schlüssig zu erklären.
Genauso wenig wie den Umstand, warum man die Vereinbarungen am liebsten unter der Decke gehalten hätte. Erst nach einer gerichtlichen Klage von Reportern der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" waren Ministerium und DOSB dazu übergegangen, einen Teil der Vereinbarung zu veröffentlichen. "Hätten wir das vor den Spielen öffentlich gemacht, wäre unnötiger Druck auf die Athleten ausgeübt worden", so Bachs Erklärungsversuch. Man habe damit die Sportler vor zu hohen Erwartungen schützen wollen. Dass man am Freitag auch gleichzeitig die Medaillenvereinbarung für die Winterspiele 2014 in Sotschi (40 Medaillen, davon 17-mal Gold) veröffentlicht hat, steht dazu allerdings in deutlichem Widerspruch. Das wären nämlich zehn Medaillen (siebenmal Gold) mehr, als das deutsche Olympiateam bei den letzten Winterspielen 2010 in Vancouver einfuhr.
"Farbe mancher Medaille anders gewünscht"
Den Vorwurf, die Medaillenvorgabe in London deutlich verfehlt zu haben, wiesen die DOSB-Spitzenfunktionäre entschieden zurück. Schwank und Vesper führten auf, dass Deutschland sich als einzige sportliche Topnation mit Ausnahme der Briten gegenüber den Spielen 2008 von Peking verbessert habe. Vor vier Jahren brachte es der DOSB-Kader auf insgesamt 41 Medaillen, man liegt einen Tag vor Abschluss der Wettkämpfe mit 43 "voll im Soll, auch wenn ich mir die Farbe mancher Medaille anders gewünscht hätte", so Vesper.
Nach den Spielen werde man die Leistungen der Sportler noch einmal ausführlich analysieren und auch das "Fördersystem einer genauen Überprüfung unterziehen", betonte Bach. Die Zeit drängt allerdings: Im Januar 2013 müssen schließlich die Zielvereinbarungen für die Spiele 2016 in Rio de Janeiro feststehen.

