Lade Daten...
15.11.2012
Schrift:
-
+

Tischfußball im Jugendhaus

Brennpunkt Kickertisch

Von
SPIEGEL ONLINE

Kicker-Kids im Jugendhaus: "Wir sind dabei wie Brüder"

Kickern, Wuzzeln, Tschuttikäschtala: Tischfußball hat viele Namen und noch viel mehr Anhänger. In sozialen Brennpunkten rollt die Kugel im Rahmen der Jugendarbeit. Und in den Kneipen des Landes zocken die unterschiedlichsten Charaktere.

Sechs Jugendliche, acht Stangen, ein Ball. "Çüs, ich werd der Kicker-König, Digga", ruft der zwölfjährige Mehmet seinen Kumpels am Kickertisch zu. "Halt's Maul, Alter. Du kannst gar nichts", bekommt er als Antwort. Der Umgangston ist genauso rau wie die Umgebung: die Lenzsiedlung im Hamburger Stadtteil Lokstedt. Hier erhebt sich eine der letzten Hochhaussiedlungen der Stadt. 3000 Menschen aus über 60 Nationen wohnen in den 13-stöckigen Gebäuden. Jeder dritte Bewohner bezieht Sozialleistungen, die Kriminalitätsrate ist hoch.

Im Jugendhaus, der Anlaufstelle für die zwölf- bis 16-Jährigen, wird gekickert, jeden Tag, die ganze Zeit, und einmal im Monat spielen die Jugendlichen ein Turnier aus. So wie heute.

Jan Dreyling-Eschweiler ist völlig relaxed. Der 29-Jährige ist Vizepräsident und Jugendwart des Deutschen Tischfußball-Bundes (DTFB). Jede Woche kommt er hier ins Jugendhaus, um mit den Kids zu kickern. Er trägt ausgewaschene Jeans, ein lockeres T-Shirt und Ziegenbart. Mit seiner ruhigen Art hat er Schwierigkeiten, die Regeln für das Tischfußball-Turnier zu verkünden. Die Kinder rennen durcheinander, schreien, bewerfen sich mit den Kicker-Bällen. Nicht schlimm, sagt er: "Ich muss hier nicht andauernd Input geben. Die Kinder sollen sich gehen lassen können."

"Kickern ist Hochgeschwindigkeitsschach"

Doch als das Turnier beginnt, verändert sich die Atmosphäre. Die jungen Spieler konzentrieren sich, schließlich gibt es einen Pokal zu gewinnen. Außerdem werden Pöbeleien beim Spiel mit einer Gelben Karte bestraft. Auf die Gelbe könnte, wie im Fußball, die Rote Karte folgen, was zu einem Turnierausschluss führen würde. Das will niemand riskieren. "Mein Ziel ist, dass sich die Jugendlichen gegenseitig mitziehen", sagt Dreyling-Eschweiler. Deshalb achtet er penibel darauf, dass sich die Gegner vor und nach der Partie die Hand geben und sich im Rahmen des Spiels respektvoll behandeln.

Tagsüber schreibt er an seiner Doktorarbeit in Physik, die Abende gehören dem Tischfußball. Er spielt in einer Ligamannschaft, kickert mit den Kids und will nun für den DTFB eine deutschlandweite Jugendarbeit aufbauen. Zur Zeit sind lediglich 169 Jugendspieler beim DTFB für offizielle Turniere gemeldet. Das soll sich ändern. Dafür will er das Spiel von seinem Kneipenruf trennen - und das, obwohl er seine Freundin an einem Kickertisch in einer Bar kennengelernt hat.

Vor allem geht es ihm aber um die Schulung sozialer Kompetenzen, motorischer Fähigkeiten und die Entdeckung und Heranführung junger Talente an den Sport. Bald sollen diese dann bei Turnieren wie der Deutschen Meisterschaft, die am kommenden Wochenende im Sauerland stattfindet, antreten.

Egal ob im Kampf um den Meistertitel oder im Jugendheim, Tischfußball fasziniert ihn jeden Tag aufs Neue. "Kickern ist Hochgeschwindigkeitsschach", sagt er in Anlehnung an ein Zitat der Tischfußball-Legende Jim Stevens.

Ausgestattet mit Handschuhen und Möbelpolitur

Eine ganz andere Atmosphäre herrscht einige Kilometer weiter südlich, in einer schummrigen Bar auf dem Kiez in Hamburg-St. Pauli. Es riecht nach Bier und Schweiß, Rauchschwaden liegen in der Luft, es tropft von der Decke. Etwa zehn Personen haben sich um einen kleinen Kickertisch versammelt, einer rülpst, einige grölen. Die beiden Herausforderer spielen mit vollem Körpereinsatz, geben alles und haben letztendlich keine Chance. Ihre Gegner, die "Champs", wie sie sich selber nennen, sind nach eigener Aussage beim Kickern auf dem Kiez nicht zu schlagen.

Ein gesundes Selbstbewusstsein, angesichts der hohen Zahl an Konkurrenten: Jeden Abend bevölkern tausende Kickerfreunde die Kneipen des Landes. In verqualmten Bars geboren, wird Tischfußball aber mittlerweile sogar als Leistungssport betrieben.

Die "Champs" sehen sich ebenfalls als Leistungssportler. Ihnen kommen dabei die ungeschriebenen Kneipen-Kicker-Gesetze zu Gute: Jedes Duo, das spielen will, hat das Recht zu fordern. Die Gewinner bleiben am Tisch, die Verlierer werden ausgetauscht. Die "Champs" stehen bereits seit Stunden hier, ausgestattet mit Handschuhen und Möbelpolitur, um die Stangen besser gleiten zu lassen. Die Partygäste, die des Spaßes wegen auch mal eine Runde spielen wollen, verlieren in kürzester Zeit 0:6. "So macht das doch keinen Bock", sagt einer der Geschlagenen.

Auch in der Bar nebenan konzentriert sich die Menge um die Kickertische. Der Leistungsaspekt scheint hier jedoch nicht so im Vordergrund zu stehen: Zwei Männer, beide mit langen schwarzen Haaren und riesigen Bäuchen, halten sich lediglich an den Stangen fest, um dem Alkohol-Schwindel entgegenzuwirken. Sie spielen gegen zwei Punks, die auf Nachfrage Kickern als "Spiel des Proletariats" bezeichnen.

Im Jugendhaus ging es an diesem Abend nicht um eine politische Aussage, sondern um Spaß - und den Turniersieg. Der 14-jährige Soheil war letztlich nicht zu schlagen. Seine Schusstechnik war der seiner Konkurrenten deutlich überlegen. Außerdem blieb er, auch wenn es mal eng wurde, nervenstark. "Den Pokal zeig ich erstmal meiner Mutter", sagt der Deutsch-Afghane stolz. Soheil geht es jedoch nicht nur um den Erfolg. "Kickern ist cool. Wir sind dabei wie Brüder", sagt er.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
1.
andy12123 16.11.2012
Mittlerweile ist das auch richtig professionell geworden. Da ist nicht mehr viel mit Kneipensport. Somit mache ich hier auch mal Werbung, aber nur für den Sport selbst (alles andere gehört sich nicht). Ein Sport der echt [...]
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEKickern, Wuzzeln, Tschuttikäschtala: Tischfußball hat viele Namen und noch viel mehr Anhänger. In sozialen Brennpunkten rollt die Kugel im Rahmen der Jugendarbeit. Und in den Kneipen des Landes zocken die unterschiedlichsten Charaktere. http://www.spiegel.de/sport/sonst/tischfussball-brennpunkt-kickertisch-a-866975.html
Mittlerweile ist das auch richtig professionell geworden. Da ist nicht mehr viel mit Kneipensport. Somit mache ich hier auch mal Werbung, aber nur für den Sport selbst (alles andere gehört sich nicht). Ein Sport der echt viel Disziplin erfordert, schnell, psychisch sehr anspruchsvoll ist. Seit letztem Jahr sogar als Sport anerkannt ist.
2. Sport
Geisterkarle 16.11.2012
Bei uns in der Kneipe ist am Kicker auch immer was los. Ich find es bemerkenswert, welchen Weg da auch viele genommen haben! Als der aufgestellt wurde, hab ich nahezu alles unter den Tisch gespielt, inzwischen sind viele andere [...]
Bei uns in der Kneipe ist am Kicker auch immer was los. Ich find es bemerkenswert, welchen Weg da auch viele genommen haben! Als der aufgestellt wurde, hab ich nahezu alles unter den Tisch gespielt, inzwischen sind viele andere Stammkunden verdammt gut geworden! Apropos unter den Tisch spielen: Wie gesagt bin ich auch nicht schlecht (vor kurzem beim letzten Kneipenturnier den 2. Platz gemacht) und ich kann den durchschnittlichen Barbesucher auch mit 6:0 von der Platte putzen! Aber das mach ich meist nicht! Da spiel ich gerne, versuche "kunstvolle" Schüsse, albere herum, gebe auch mal Tipps an die anderen, ... solche Leute, die Bundesliganiveau spielen und an einem einfachen Abend in der Kneipe auf Effektivität spielen sind eignetlich gar nicht gern gesehen! Das kann man bei Turnieren machen, aber wenn es um "nix" (ausser am Tisch stehen bleiben zu dürfen) geht, dann ist das einfach nicht die feine Art. Wird auch von anderen "Professionellen" so gesehen. Gibt halt immer solche und solche. Gewinnen tut man trotzdem, aber man sollte das ganze auch locker sehen können! Bei so "Champs" sollte man einen Frederic Collignon vorbeischicken, der denen mal zeigt, wo der Hammer bzw. der Ball hängt!
3.
andy12123 16.11.2012
Ich spiele selbst auch Turnierkicker, aber gebe dir vollkommen recht. Im normalen Kneipenspiel soll man doch mal lieber ein paar Tricks zum besten geben, Quetscher, Bandenschüsse von vorne, usw... . Einfach mal andere Teams [...]
Zitat von GeisterkarleBei uns in der Kneipe ist am Kicker auch immer was los. Ich find es bemerkenswert, welchen Weg da auch viele genommen haben! Als der aufgestellt wurde, hab ich nahezu alles unter den Tisch gespielt, inzwischen sind viele andere Stammkunden verdammt gut geworden! Apropos unter den Tisch spielen: Wie gesagt bin ich auch nicht schlecht (vor kurzem beim letzten Kneipenturnier den 2. Platz gemacht) und ich kann den durchschnittlichen Barbesucher auch mit 6:0 von der Platte putzen! Aber das mach ich meist nicht! Da spiel ich gerne, versuche "kunstvolle" Schüsse, albere herum, gebe auch mal Tipps an die anderen, ... solche Leute, die Bundesliganiveau spielen und an einem einfachen Abend in der Kneipe auf Effektivität spielen sind eignetlich gar nicht gern gesehen! Das kann man bei Turnieren machen, aber wenn es um "nix" (ausser am Tisch stehen bleiben zu dürfen) geht, dann ist das einfach nicht die feine Art. Wird auch von anderen "Professionellen" so gesehen. Gibt halt immer solche und solche. Gewinnen tut man trotzdem, aber man sollte das ganze auch locker sehen können! Bei so "Champs" sollte man einen Frederic Collignon vorbeischicken, der denen mal zeigt, wo der Hammer bzw. der Ball hängt!
Ich spiele selbst auch Turnierkicker, aber gebe dir vollkommen recht. Im normalen Kneipenspiel soll man doch mal lieber ein paar Tricks zum besten geben, Quetscher, Bandenschüsse von vorne, usw... . Einfach mal andere Teams bilden und sich mit anderen Leuten in der Kneipe zusammen tun. Beim Turnier geht es dann natürlich um Nervenkitzel und Effektivität, schließlich will man nicht verlieren. In der Kneipe sollte man das dann einfach mal können, aber zu leicht darf das dann auch nicht sein, die Gegner sollen sich dann zumindest freuen wenn sie gegen dich gewinnen.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Die wichtigsten Regeln im Tischfußball

Spielsätze
Gespielt werden meist zwei Gewinnsätze bis fünf Tore, in der Vorrunde manchmal nur ein Satz bis sieben Tore.
Einwurf/Torwartball
Die Mannschaft, die ein Tor gefangen hat, darf den Ball auflegen oder einwerfen. Schießt ein Spieler den Ball vom Tisch, bekommt die gegnerische Mannschaft den Ball auf den Torwart.
Handhabung der Stange
Es ist verboten, die Figuren vor und nach dem Ballkontakt um jeweils mehr als 360 Grad zu drehen. Drehen der Stange ohne Ballkontakt ist zwar nicht verboten, kann aber als Ablenkung gewertet werden. Es ist auch nicht erlaubt, am Tisch zu rütteln, ihn anzuheben oder mit den Figuren anzustoßen.
Schusstechnik
Beim Schuss müssen beide Hände an den Griffen bleiben.
Tore
Tore können aus jeder Position heraus erzielt werden. Jeder Ball, der hinter die Torlinie gebracht wurde, zählt als Treffer, also auch Bälle, die durch die Wucht des Schusses nach Überquerung der Torlinie wieder ins Spielfeld zurückspringen.
Passen
Direkte Pässe von der Zweier- auf die Fünfer- und von der Fünfer- auf die Dreier-Stange sind verboten. Der Ball muss immer mit einer anderen Figur durchgepasst werden. Auch ruhende Bälle dürfen nicht direkt durchgepasst werden. Absichtlich gequetschte Pässe sind nicht erlaubt.
Toter Ball
Tot ist ein Ball dann, wenn er von keiner Spielfigur erreicht werden kann und ruht. Wie der Ball wieder ins Spiel gebracht wird, ist von Liga zu Liga unterschiedlich. Nach Regeln des DTFB wird der Ball auf die Fünfer-Reihe gelegt, wenn er zwischen den Fünfer-Reihen liegenbleibt, ansonsten an die nächste Zweier-Reihe gegeben.
Hilfsmittel
Griffbänder verhindern das Abrutschen der Hände von den Griffen. Fingerlinge oder Griffgummis werden ebenfalls benutzt, um den Halt an den Griffen zu verbessern. Handschuhe werden häufig in Verbindung mit Fingerlingen eingesetzt. Sie sollen verhindern, dass Schweiß an die Griffe kommt und so das Risiko minimieren, bei den schnellen Tricks abzurutschen. Silikonöl, Zitronenspray oder Möbelpolitur lässt die Stangen besser gleiten. Rod-Locks sind Trainingshilfen, um die Stangen zu fixieren. Magnesiumcarbonat oder Zinkoxid wird verwendet, um Handschweiß zu beseitigen.

Schusstechniken im Tischfußball

Pin-Shot
Der Ball wird mit dem mittleren Stürmer eingeklemmt, zur Seite gezogen, um am Verteidiger vorbeizukommen, und aus dieser seitlichen Bewegung heraus geschossen.
Jet
Der Ball wird mit dem Fuß vorne eingeklemmt und aus einer ganzen Umdrehung der Figur geschossen. Die Figur wird also nicht hinter den Ball gebracht, um zu schießen, sondern macht einen Rückwärts-Überschlag und trifft den Ball nach der Umdrehung.
Pull-Shot/Push-Shot
Der Ball liegt neben der Figur und wird durch Ziehen/Schieben in eine Richtung beschleunigt und daraufhin geschossen.
Tic-Tac
Der Ball wird zwischen den Figuren einer Stange ständig hin und her gespielt. Der Torschuss erfolgt aus der laufenden Bewegung.
Tip-Tap
Zwei benachbarte Figuren tippen den Ball abwechselnd kurz an. Der Ball wird dann von einer der beiden Figuren möglichst überraschend geschossen.
Sling-Shot
Der Ball wird seitlich gegen die Bande gespielt. Sobald der Ball zurückkommt, wird er geschossen. Ein Übersteiger vor dem Schuss vergrößert den Überraschungseffekt.
Helicopter
Der Ball wird mit der Figur umkreist und dann möglichst überraschend mit einem Pin-Shot geschossen.

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter RSS
alles zum Thema Tischfußball
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten