10.01.2013
Deutsche Handballer vor der WM
Das große Rätsel
Von Christian Paul
Bundestrainer Heuberger (r.): "Mannschaft entwickeln"
Für ein Lächeln reichte es bei Martin Heuberger zwar noch nicht. Aber als er nach dem 35:25 gegen das nicht für die WM qualifizierte Rumänien die ersten Interviews gab, sah man einen halbwegs zufriedenen Handball-Bundestrainer. Im letzten Test vor der Weltmeisterschaft in Spanien (11. bis 27. Januar) war der DHB-Auswahl in Stuttgart ein Erfolg gelungen. Und egal wie schwach der Gegner am Mittwochabend auch war, als Schub für das Selbstbewusstsein taugte die Partie trotzdem über weite Strecken.
"Was mir besonders gut gefallen hat, war der Spaß, mit dem die Mannschaft gespielt hat, vor allem im Angriff", sagte Heuberger. Die Stimmung rund um die deutsche Nationalmannschaft scheint umzuschlagen.
Beim DHB ist man nach Jahren der Enttäuschung bescheiden geworden. Und so freut man sich, dass drei ansehnliche Testspiele gegen Schweden (26:20, 28:28) und Rumänien gereicht haben, um die meistgestellte Frage der vergangenen Wochen nicht nur rein rhetorisch stellen zu müssen:
Was kann diese deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft erreichen?
Spielmacher Michael Haaß drückte es nach dem 28:28 im Test gegen Schweden Anfang Januar noch so aus: "Bei der WM erwartet doch niemand etwas von uns." Warum? Weil die deutsche Mannschaft Ende 2012 beim desaströsen 27:31 gegen Montenegro und dem schwachen Auftritt beim 30:27 gegen Israel in der EM-Qualifikation erneut das gezeigt hatte, was Torwart Silvio Heinevetter im SPIEGEL so bezeichnete: "An guten Tagen können wir jede Mannschaft schlagen. Dummerweise ist es aber auch so, dass wir an einem schlechten Tag gegen eine Gurkentruppe verlieren können."
Ein Hauch Hoffnung
Ein Remis und zwei Siege später gibt es einen Hauch Hoffnung. In Hamburg tobten mehr als 11.000 Zuschauer, als der DHB-Auswahl gegen Schweden einige sehenswerte Treffer gelangen. Ein schwedisches Team allerdings, das kaum noch etwas gemein hatte mit jenem, das 2012 in London Olympiazweiter geworden war.
In Stuttgart war Rumänien, das die großen Zeiten in den siebziger Jahren hatte, kaum ein echter Gegner. Vielleicht lautet das WM-Ziel von Martin Heuberger auch deshalb lediglich: Achtelfinal-Einzug. Viel weniger kann man sich als deutscher Nationaltrainer nicht vornehmen.
Kollektiv statt Superstars
Neben Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), der in der Vorbereitung wenig Mühe hatte, seinen Status als Nummer eins zu konservieren, Abwehrchef Oliver Roggisch (Rhein-Neckar Löwen), Spielmacher Haaß (Frisch Auf Göppingen) und Linksaußen Dominik Klein (THW Kiel) lastet der Druck auf einigen WM-Debütanten. Hinter Klein wartet nach dem Ausfall von Uwe Gensheimer (Rhein-Neckar Löwen) nun Kevin Schmidt (24, HSG Wetzlar), der sich aber bereits als nervenstarker Siebenmeter-Schütze erwiesen hat. Im linken Rückraum, hinter dem lange verletzten Sven-Sören Christophersen (Füchse Berlin), warf der Magdeburger Stefan Kneer in der Vorbereitung einige schöne Tore und ebensolche Pässe.
Mit Rückraumspieler Steffen Fäth (22 Jahre, HSG Wetzlar) und Rechtsaußen Tobias Reichmann (HSG Wetzlar) hat Heuberger zwei weitere hoffnungsvolle Profis dabei, die bisher noch nie bei einer Weltmeisterschaft aktiv waren. "Wir haben keine Superstars, wir müssen es über das Kollektiv schaffen", sagt Heuberger, der die Diskussion um die WM-Absage von Rückraumspieler Holger Glandorf auch dazu genutzt hatte, um Erwartungen zu dämpfen. Den eingeleiteten Umbruch im DHB-Team führe er nun "systematisch" fort.
Herausforderungen hat der dabei genug. Heuberger weiß, dass die Defensive noch zu anfällig ist, dass es im Umschaltspiel häufig an Tempo mangelt und im Angriff regelmäßig Ideen und Durchschlagskraft fehlen: "Wir müssen unsere Leistungen stabilisieren." Die WM-Endrunde, so wichtig sie für das angekratzte Image der Nationalmannschaft auch ist, wird so zum Experiment.
In Spanien meint es der Spielplan gut mit Deutschland. Am Samstag (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wartet mit Brasilien der ideale Gegner, um sich "Selbstvertrauen zu holen", wie es HSV-Keeper und Ex-Nationalspieler Johannes Bitter nennt. Die Südamerikaner sind der vermeintlich einfachste Gegner der Gruppe, in der noch Montenegro, Afrikameister Tunesien, Panamerikameister Argentinien und Titelverteidiger Frankreich warten.
Als Heuberger nach dem Spiel gegen Rumänien zum gefühlt 100. Mal gefragt wurde, was angesichts dieser Aufgaben bei der Endrunde möglich sei, blieb der 48-Jährige zum gefühlt 100. Mal bei seiner Linie: "Die Mannschaft braucht Zeit zum Wachsen." Dann fügte er noch hinzu: "Aber klar ist: Die Stimmung ist immer vom Erfolg abhängig." Am Samstagnachmittag wird sie auf die erste Probe gestellt.