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07.08.2013
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Spitzensport

Dopingstudie belastet angeblich Ex-Innenminister Genscher

DPA

Politiker Genscher (l.), Schmidt (1978): "Das ist mir egal"

Wer hat vom Doping in Westdeutschland gewusst? Nun taucht offenbar der Name Hans-Dietrich Genscher auf, der von Zeitzeugen im Abschlussbericht laut "SZ" belastet wird. Der Report wurde lange zurückgehalten, offiziell aus Datenschutzgründen - was eine vorgeschobene Begründung sein dürfte.

Hamburg - Das Zitat ist eines mit Sprengkraft in dem vollständigen Abschlussbericht der Studie "Doping in Deutschland". Folgender in dem 800 Seiten umfassenden Bericht zitierte Wortwechsel zwischen einem namentlichen nicht genannten Sportmediziner und einem verantwortlichen Politiker von Anfang der siebziger Jahre liegt der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) nach eigenen Angaben vor: "'Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eins: Medaillen in München' (Austragungsort der Olympischen Spiele 1972 - d. Red.). Da habe ich gesagt: 'Herr Minister: Ein Jahr vorher? Wie sollen wir da noch an Medaillen kommen?' 'Das ist mir egal.'" Wie die "SZ" berichtet, soll es sich bei dem Politiker um den damaligen Bundesinnenminister handeln: Hans-Dietrich Genscher.

Der frühere FDP-Spitzenpolitiker, später als Außenminister weltberühmt geworden, war von 1969 bis 1974 als Innenminister auch für den Sport zuständig. Und er soll in dem rund 800 Seiten umfassenden Abschlussbericht gleich von mehreren Zeitzeugen belastet werden. Diese werfen ihm dem "SZ"-Bericht zufolge vor, von Dopingpraktiken gewusst und sie mindestens geduldet zu haben.

So sagt etwa Ommo Grupe, früher Direktoriumschef des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp), das dem Bundesinnenministerium (BMI) unterstellt ist und die Studie in Auftrag gegeben hat: "Einer der damaligen Innenminister hat den Satz geprägt: 'Unsere Athleten sollen die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen haben wie die Ostblockathleten.' Das kann ja als Begründung für ganz vieles herangezogen werden." Auch hier soll der Minister Genscher gemeint sein. Ein Funktionär von damals soll zudem berichtet haben, Genscher habe Medaillen bei Olympia gefordert, "koste es, was es wolle".

Viele brisante Namen aus dem Bericht entfernt

Der 86-Jährige ließ auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage ausrichten, er habe den Bericht erst am Mittwochmorgen erhalten. Er wolle diesen erst studieren, bevor er sich dazu äußert. Derzeit sei, so Genschers Büro, der Aussage vom Sonntag nichts hinzu zu fügen. Auf die Frage, ob Politiker vor den Spielen 1972 Druck auf den deutschen Sport ausgeübt hätten, hatte er der "Bild am Sonntag" gesagt: "Ich wüsste nicht, wer einen solchen Druck ausgeübt haben sollte. Ich halte das für völlig ausgeschlossen."

Das BISp hatte den lange zurückgehaltenen Abschlussbericht erst auf Druck der Öffentlichkeit freigegeben und auf seiner Internetseite publiziert - allerdings laut "SZ" eine deutlich gekürzte Version. Rund 680 Seiten fehlen demnach gegenüber dem ursprünglichen Bericht - und mit ihnen angeblich viele brisante Namen. Das BISp hatte zunächst darauf verwiesen, der erste Bericht habe nicht den Datenschutzrichtlinien entsprochen. Nun plötzlich heißt es, die erste Version habe nicht die formalen Anforderungen an einen Abschlussbericht erfüllt.

Gegenüber SPIEGEL ONLINE hatte am Sonntag ein Sprecher des BMI gesagt, der Bundesdatenschutz-Beauftragte Peter Schaar hatte Bedenken bei der ersten Fassung des Abschlussberichtes gehabt. Allerdings stellte Schaar am Dienstag in seinem Blog klar, dies sei nicht der Fall gewesen: "In den letzten Tagen geäußerte Vorwürfe, datenschutzrechtliche Bedenken hätten die Veröffentlichung der seit vielen Monaten vorliegenden Studie verzögert oder behindert, kann ich nicht nachvollziehen."

Weiter heißt es bei Schaar, er begreife "den Datenschutz nicht als Decke, die über Versäumnisse der Vergangenheit gebreitet werden darf. Soweit Verantwortliche in amtlicher Funktion, Verbandsvertreter oder Spitzensportler an entsprechenden Doping-Aktivitäten beteiligt waren, verhindert der Datenschutz die Veröffentlichung entsprechender (auch personenbezogener) Forschungsergebnisse nicht."

ham

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insgesamt 20 Beiträge
1. Das musste jedem klar sein,
tschautsen 07.08.2013
dass mit dem "fordernden" Minister, vor allem vor Olympia 72, HD Genscher gemeint sein musste. Schade, dass dieser noch gestern dann so ein Statement abgegeben hat.
Zitat von sysopWer hat vom Doping in Westdeutschland gewusst? Nun taucht der Name Hans-Dietrich Genscher auf, der von Zeitzeugen im Abschlussbericht belastet wird. Dieser war lange zurückgehalten worden, offiziell aus Datenschutzgründen - offenbar eine vorgeschobene Behauptung. Dopingstudie belastet Ex-Innenminister Genscher - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/dopingstudie-belastet-ex-innenminister-genscher-a-915261.html)
dass mit dem "fordernden" Minister, vor allem vor Olympia 72, HD Genscher gemeint sein musste. Schade, dass dieser noch gestern dann so ein Statement abgegeben hat.
2. All The World's A Stage
rudolf_mendt 07.08.2013
"Ich wüsste nicht, wer einen solchen Druck ausgeübt haben sollte. Ich halte das für völlig ausgeschlossen." Et tu, brute? Die Lebenserfahrung zeigt, dass bei Aussagen, die so reflexartig gemacht werden, in der Regel [...]
"Ich wüsste nicht, wer einen solchen Druck ausgeübt haben sollte. Ich halte das für völlig ausgeschlossen." Et tu, brute? Die Lebenserfahrung zeigt, dass bei Aussagen, die so reflexartig gemacht werden, in der Regel genau das Gegenteil wahr ist. Auch die Tatsache, dass danach gar keiner gefragt hat, lässt hellhörig werden. Mein Gott, Hans-Dietrich, mach reinen Tisch. Was soll's denn? Denk immer daran: ich habe Dich bezahlt und ich zahle auch Deine Rente jetzt.
3. Endlich!
vogtnuernberg 07.08.2013
Endlich wird mal darüber geschrieben, wer verantwortlich war. Die Regierung Brandt I und II, sowie Schmidt I und II und natürlich auch die FDP, als sie den Innenminister stellte. Seit Tagen versucht die SPD Aufklärung [...]
Endlich wird mal darüber geschrieben, wer verantwortlich war. Die Regierung Brandt I und II, sowie Schmidt I und II und natürlich auch die FDP, als sie den Innenminister stellte. Seit Tagen versucht die SPD Aufklärung herbeizuführen. Vielleicht sollte sie sich mal an Herrn Schmidt wenden und Herrn Genscher?
4. Doping brachte keine westdeutschen Sport-Erfolge
ex rostocker 07.08.2013
Nun ist es amtlich: gedopt wurde in Ost und West. Warum aber scheffelte die DDR (außer im Fußball) bei allen Wettbewerben massenhaft Medaillen, während sich Westdeutschland regelmäßig im Medaillenspiegel zwischen Kambodscha und [...]
Nun ist es amtlich: gedopt wurde in Ost und West. Warum aber scheffelte die DDR (außer im Fußball) bei allen Wettbewerben massenhaft Medaillen, während sich Westdeutschland regelmäßig im Medaillenspiegel zwischen Kambodscha und Portugiesisch-Guinea wiederfand? Waren die westdeutschen Sportchemiker soviel schlechter soviel als die ostdeutschen?
5. Genscher und Schmidt ...
waldemar 07.08.2013
... müssen SOFORT zurücktreten!
... müssen SOFORT zurücktreten!

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Dopingsubstanzen und ihre Wirkung

Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)

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