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Was steckt hinter der Touchdown-Flut?

Der Quarterback ist im American Football der Kopf des Offensivspiels. Seit diesem Jahr wird er durch eine Regeländerung in der NFL besser geschützt. Das führt zu Spektakel - und großer Verunsicherung.

AFP

Drew Brees

Von
Donnerstag, 11.10.2018   13:06 Uhr

Als Drew Brees beim Monday Night Game der New Orleans Saints den Rekord der meisten per Pass erzielten Yards in der NFL brach und damit Quarterback-Legende Peyton Manning auf Platz zwei verwies, lag er damit voll im Trend: Bereits in den ersten fünf Wochen der neuen Saison in der US-Footballliga wurden von Quarterbacks und Passempfänger der Liga zusammen 40.341 Yards überwunden - das ist genauso ein neuer Bestwert wie die Zahl der Touchdowns (424) und Punkte (3739) insgesamt. Auch in der Woche zuvor waren insgesamt 228 Touchdown-Pässe geworfen worden - 23 (!) mehr als in der bisherigen Rekordsaison 2013 (205).

Was steckt hinter dem Offensivspektakel?

Defense-Spieler haben eine Erklärung: Weil die Quarterbacks nach den neuen NFL-Regeln geschützt werden wie US-Präsidenten - und wie Könige in Sänften das Feld hinunter befördert werden. Da ist etwas dran: Die zu Beginn der Saison erneut verschärften Regeln, um die Quarterbacks zu schützen, sorgen in der Tat für mancherlei Stirnrunzeln bei Spielern und Fans.

So wurde Clay Matthews von den Green Bay Packers bereits zweimal bestraft, weil er den gegnerischen Quarterback zu unsanft von den Beinen geholt haben soll. Nicht nur Matthews weiß nach eigenen Angaben nicht mehr, wie er den Quarterback tackeln soll, auch Altmeister Deion Sanders genervt, wie dieses Video zeigt:

Matthews' Teamkollege Mike Daniels erweckte in einer anderen Szene gar den Eindruck, er traue sich gar nicht mehr, den Quarterback wirklich zu tackeln. Diese Beispiele sind symptomatisch für die neue Verunsicherung bei Verteidigern in der NFL.

Die Liga ihrerseits versucht mit Schulungsvideos klarzumachen, was ihrer Auffassung nach ein regulärer und ein irregulärer Angriff auf den gegnerischen Spielführer darstellt - demnach geht es vor allem darum, nicht mit dem ganzen Körpergewicht auf dem Gegner zu landen.

Dennoch geht die Diskussion weiter. Am Donnerstagabend kam es beim Spiel der Indianapolis Colts bei den New England Patriots zu zwei weiteren Entscheidungen, die sowohl im Vergleich zu Matthews als auch unmittelbar gegeneinander geschnitten den Eindruck erwecken, dass niemand in der NFL zurzeit wirklich weiß, was ein sauberer Hit ist - und was nicht.

Jahrelang hatte die NFL dasselbe Problem mit der Frage, was ein gefangener Pass ist. "Nobody knows what a catch is", wurde zum geflügelten Wort.

Das Problem bei dieser Regel war, dass der Passempfänger nach dem Fang beim Zu-Boden-Gehen die Kontrolle über den Ball behalten musste ("surviving the ground") - die Auslegungen dieser "Ballkontrolle" jedoch so unterschiedlich war, dass es die Fans regelmäßig in den Wahnsinn trieb. Immerhin: Dieses Problem hat sich in dieser Saison erheblich entschärft, denn nun muss der Receiver "nur noch" den Ball kontrollieren, zwei Füße oder einen anderen Körperteil innerhalb des Spielfelds am Boden haben und einen "Football move" machen.

Letzteres ist die wichtige Neuerung: Wer nun den Ball fängt, zwei Schritte macht - und dann die Kontrolle über den Ball beim Aufprall auf den Boden zwischenzeitlich verliert - hätte den Catch-Prozess dennoch beendet. Eine der umstrittensten "Incomplete-Pass"-Entscheidungen der vergangenen Jahre, Dez Bryants Non-Catch in den Playoffs 2015, würde heute wohl anders herum entschieden werden.

Zusammengenommen könnte man also argumentieren, dass bessere Quarterback-Protection und mehr gültige Fänge einen erheblichen Teil der Offensiv-Leistungen in der bisherigen Saison erklären. Doch es gibt auch andere Gründe, zum Beispiel die starke Performance einiger Quarterbacks: Rookie Patrick Mahomes, von dem viele Teams im Frühjahr noch dachten, er habe kein NFL-Format, warf in seinen ersten beiden Spielen für die Kansas City Chiefs einmal vier und einmal sechs Touchdown-Pässe. Auch Mitchell Trubisky von den Chicago Bears hatte in der vergangenen Woche einen Gala-Auftritt mit sechs Touchdowns.

Das Taktieren zwischen Offense und Defense bleibt ein Katz-und-Maus-Spiel: Je mehr Trainer und Offense-Koordinatoren auf das Pass-Spiel setzen, desto mehr werden die Verteidigungsreihen sich darauf einstellen. Zu beobachten war dies in der vergangenen Woche schon beim Traditionsduell zwischen den Chiefs und den Broncos. Die Denver-Defense konnte Mahomes zwar letztlich auch nicht komplett neutralisieren, aber seine Vorstellung zumindest auf das "Normalmaß" eines Quaterbacks zurechtstutzen.

Manche Spiele und Ergebnisse der ersten vier Wochen der Saison 2018 wirkten, als halte man das Control-Pad einer Spielkonsole in der Hand. In früheren Ausgaben des berühmten "Madden-NFL" war ebenfalls praktisch jeder lange Pass ein Treffer. Die NFL, die in den vergangenen Jahren aufgrund verschiedener Probleme mit massivem Popularitätsverlust zu kämpfen hatte, wäre ein Anhalten des Spektakels sicherlich gar nicht so unrecht. Die Zeit wird zeigen, ob dieser Wunsch in Erfüllung geht.

insgesamt 12 Beiträge
booya 11.10.2018
1. Drew Bress is the goat
Erstmal das klarstellen. Drew Bress ist der beste "Passing" QB der NFL! Und das war er auch ohne diese Regeln. So jetzt zum Thema...natürlich hat das eine Auswirklungen. Die D-End und co werden deswegen zwar nicht [...]
Erstmal das klarstellen. Drew Bress ist der beste "Passing" QB der NFL! Und das war er auch ohne diese Regeln. So jetzt zum Thema...natürlich hat das eine Auswirklungen. Die D-End und co werden deswegen zwar nicht weniger häufig rushen, weil das nun mal deren Währung Nr1. ist... SACKS! Aber... und das ist der Effekt den wir jetzt sehen, müssen sie auf ein paar der finishing Varianten verzichten. Tiefe Tackles sind schon länger quasi gebannt. Das nimmt die unterste Ebene weg. Kopf vom QB ist auch schon länger Tabu. Oben über den OLiner drüber hauen, geht damit auch nicht. Und jetzt muss man aufpassen das man noch im letzten Moment abbremst und seinen Körper so unter kontrolle hat, das man eben sich eben nicht erst durch den Körper des QB abbremst. Nicht einfach bei +115 Kilo. QB wissen das und nutzten das natürlich aus, indem sie sich ein gutes Stück weniger Sorgen machen, das sie gleich einen harten Hit einstecken müssen. Ergo ... der Ball wird ne Zehntelsekunde oder mehr länger gehalten und das ist genau das was ein Rec manchmal braucht um sich freizulaufen bzw der QB kann noch einen Read mehr machen. Ob ich das gut finde? Ich finde es gut das es dadruch weniger Verletzungen gibt aber es wird mal an der Zeit, der Defense, das Leben wieder nen Stück leichter zu machen. Z.b. die Bump Rule könnte man etwas entschärfen oder PickPlays anders ahnden als es zur Zeit passiert.
bigmitt 11.10.2018
2. Die jetzige Regeländerung....
...trägt natürlich mit dazu bei das es den einen oder anderen TD mehr gibt, ist jedoch nur ein Teil der Geschichte. In den vergangenen Jahren haben Offenses viele Schemata aus dem College übernommen und sind damit äusserst [...]
...trägt natürlich mit dazu bei das es den einen oder anderen TD mehr gibt, ist jedoch nur ein Teil der Geschichte. In den vergangenen Jahren haben Offenses viele Schemata aus dem College übernommen und sind damit äusserst erfolgreich , ob Pistol Offense, RPO oder Spread....was lange nur auf College Level als erfolgversprechend galt ist mittlerweile Trend in der NFL und Defense Coordinator müssen sich darauf erst wieder einstellen.
bigmitt 11.10.2018
3. Korrrektur....
...ich schrieb von Regeländerung in meinem Beitrag. Das ist natürlich falsch. Die besagte Regel zum Schutz des QBs gibt es schon des längeren , die Referees werden lediglich seit dieser Saison angehalten diese strikter [...]
...ich schrieb von Regeländerung in meinem Beitrag. Das ist natürlich falsch. Die besagte Regel zum Schutz des QBs gibt es schon des längeren , die Referees werden lediglich seit dieser Saison angehalten diese strikter auszulegen. Kleiner aber feiner Unterschied.
isoprano 11.10.2018
4.
@booya Passing Rekorde sind die größte Lüge seit es Statistiken gibt. Der QB kann einen Pass weniger als einen Yard weit nach vorne werfen und kann dafür 99 Yards in seiner Statistik gut geschrieben bekommen, wenn der [...]
@booya Passing Rekorde sind die größte Lüge seit es Statistiken gibt. Der QB kann einen Pass weniger als einen Yard weit nach vorne werfen und kann dafür 99 Yards in seiner Statistik gut geschrieben bekommen, wenn der Passempfänger so weit kommt. Theoretisch kann ein Quarterback mit 4 Pässe, 4 TD erzielen und -laut Statistik- 396y erzielen. Einen guten QB machen andere Statistiken aus.
Lankoron 11.10.2018
5. Das ganze an
5 Spieltagen festzumachen und erneute Panik zu schüren, halte ich doch für etwas übertrieben. Man erinnere sich doch nur an den Beitrag hier am ersten Spieltag, den hochgejubelten Sam Darnold. Der ist mittlerweile auf dem Boden [...]
5 Spieltagen festzumachen und erneute Panik zu schüren, halte ich doch für etwas übertrieben. Man erinnere sich doch nur an den Beitrag hier am ersten Spieltag, den hochgejubelten Sam Darnold. Der ist mittlerweile auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Fakt ist derzeit, dass die Liga vielleicht, aber nur vielleicht dieses Jahr ausgeglichener ist und etwas überraschender...seien es die Schwäche der Falcons und die Stärke der Chiefs, dass die Browns gewinnen können etc. Die ersten 5 Spieltage sind rum, aber noch sind 11 zu gehen. Und dann kommen die Play-Offs. Und ja, die QB werden etwas besser geschützt, dadurch wird das Spiel wieder attraktiver. Wäre es schlimm, wenn im Fussball mehr Tore fielen?

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