Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Anni Friesinger

New Wave aus Oberbayern

Spätestens seit ihrem WM-Erfolg ist Anni Friesinger aus Inzell die neue Queen on Ice ­ sehr zum Leidwesen ihrer renommierten ostdeutschen Kolleginnen.

Von
Montag, 19.03.2001   15:13 Uhr

Inzell - Im Internet schlug Anni Friesinger, 24, den Kuschelton an. Sie sei "erschrocken über die Reaktionen", die sie "ausgelöst" habe, ließ Deutschlands neue Eisschnelllauf-Queen vorigen Donnerstag auf ihrer Homepage wissen, keinesfalls habe sie ihre Mannschaftskolleginnen aus den neuen Bundesländern kränken wollen: "Ich wollte bestimmt niemanden persönlich angreifen."

Am vorvergangenen Wochenende, bei den Einzelstrecken-Weltmeisterschaften in Salt Lake City, hatte die Athletin aus dem bayerischen Inzell indes noch ganz anders geklungen. In einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt" kanzelte sie die WM-Vorbereitung ihrer ostdeutschen Rivalinnen als engstirnig ab; dem Wesen nach seien die Sportgruppen in Erfurt und Berlin "eher Arbeits- und Zweckgemeinschaften". Kurzum: "Ich würde eingehen bei dieser Art des Trainings."

Das saß. Der Betriebsfrieden im Team Germany war durch die Ost-West-Leier auch im Jahr zwölf nach dem Mauerfall wieder einmal nachhaltig gestört ­ und in der Debatte um Friesingers Ansichten ging beinahe unter, dass Deutschlands Eisschnellläuferinnen die WM beherrschten wie sonst nur Österreichs Ski-Helden die Abfahrtswettbewerbe: Die Damen gewannen vier von fünf Titeln und 9 von 15 Medaillen.

Mentalitätsunterschiede zwischen hüben und drüben


Friesingers Versöhnungsangebot via World Wide Web mag ehrlich gemeint sein. Fest steht dennoch: Weil die fesche Bajuwarin offenherzig über Mentalitätsunterschiede zwischen hüben und drüben plauderte, hatte sie die Schlagzeilen ­ und das Ostquartett um Gunda Niemann-Stirnemann, Claudia Pechstein, Monique Garbrecht-Enfeldt und Sabine Völker den Zorn.

Für die Rollenverteilung unter den hiesigen Eisschnellläuferinnen ist das typisch. Die extrovertierte Friesinger, die in diesem Winter für "Max" in Designermode schlüpfte und im "Stern" nackt posierte, breitet sich auf Doppelseiten aus, der Rest des Teams indes verkümmert in den Ergebnisspalten. Die Lady aus den Alpen hat eben das wichtigste Gesetz des Marktes durchschaut: dass sportliche Erfolge allein noch keine zuverlässige Medienpräsenz garantieren.

Werbung für Bratwürste


Denn die Welt des Eisschnelllaufs ist besonders undankbar. So blieb Gunda Niemann-Stirnemann, 34, trotz dreier olympischer Goldmedaillen, 19 WM-Titeln und zahlreicher Weltrekorde bislang immer nur eine Randfigur aus einer Randsportart. Seit mehr als zehn Jahren sammelt die Erfurterin Trophäen ­ und kommt, von ihrem Gatten vermarktet, über regionalen Ruhm nicht hinaus: Wie eh und je wirbt sie wacker für den Verzehr von Thüringer Bratwürsten.

Das große Geld macht eine andere ­ und diese Geschichte wiederholt sich. Erst zog die Sprint-Spezialistin Franziska Schenk, eine Schönheit, die zwischen Erfurt und ihrem Studienort Mainz pendelte und von einem kundigen Westmanager betreut wurde, mit fein arrangierten TV-Auftritten an Niemann-Stirnemann vorbei. Nun, da Schenk den Sport für eine journalistische Karriere aufgegeben hat, wird Gunda Niemann-Stirnemann, die erfolgreichste Eisschnellläuferin aller Zeiten, von der saloppen Anni aus Oberbayern medial abgehängt ­ eine nachrangige Disziplin wie das Rennen mit Kufen verträgt nun mal nur ein Gesicht.

Die neue Dimension: Anders als Schenk kann es Friesinger auf der Eisbahn mit Niemann-Stirnemann durchaus aufnehmen ­ in Salt Lake City gewann sie vorvergangenen Sonntag den WM-Titel über 1500 Meter. Zudem ist der Shooting-Star die erste deutsche Weltklasse-Läuferin seit der Wiedervereinigung, die nicht im Staatssport-System der DDR groß wurde. Daraus konstruiert ihr Manager ein Abgrenzungsmerkmal, an dem er feilen will. "Gunda Niemann", sagt der Stuttgarter Marketingexperte Klaus Kärcher mit mildem Timbre, "kommt aus einer anderen Generation." Seine Klientin dagegen sei "ein New-Wave-Typ ­ mit ihr verkaufen wir die Zukunft".

Dort, wo die Katze schnurrt


Anni changiert. Mal gibt sie die Wilde, die heiße Partys feiert, wenn ihr danach ist, die mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug springt und die ihr selbst entworfenes Tattoo auf dem Bauch entblößt ("ein keltisches Flammenmotiv"). Dann wieder geriert sie sich als die Brave, die es heim nach Inzell zieht, wo die Berge glühen, Mutti das Lieblingsgericht gekocht hat und Katze Snoopy schnurrt.

Dass sich der schillernde Twen prächtig in Szene setzen lässt, steht für Kärcher fest, seit er sich mit Friesinger vor zweieinhalb Jahren zum ersten Mal in einem McDonald's am Münchner Flughafen verabredet hatte.

Friesingers Deutsch hat einen bayerischderben Akzent. Wenn sie jedoch fließend Englisch, Französisch, Niederländisch (ihr Freund ist Holländer) oder Polnisch (ihre Mutter stammt aus Polen) parliert, hört man ihre Herkunft nicht mehr heraus. Bodenständigkeit gepaart mit Weltläufigkeit ­ ein Traum für jeden Vermarkter.

Zudem gilt Kärcher als Experte darin, Athletinnen aus Randsportarten mit eher trivialen Methoden zu Figuren der relativen Zeitgeschichte zu formen. Der in Polen geborenen Stuttgarterin Magdalena Brzeska etwa, einer mittelmäßigen Begabung der rhythmischen Sportgymnastik, deren bestes Karriere-Resultat ein sechster Platz bei einer Europameisterschaft war, verschaffte der Schwabe Mitte der neunziger Jahre prima dotierte Verträge: Der findige Manager hatte als Erster die Vorzüge von Brzeskas Sportgeräten ­ Keulen, Bänder, Bällen ­ als Staffage für schwülstig-laszive Fotostrecken entdeckt.

Fühler nach den Geschwistern ausgestreckt


Die Friesinger-Story soll eine andere, nämlich dauerhafte Geschichte werden. Der WM-Titel hat das Interesse an dem launigen Glamourgirl sprunghaft steigen lassen ­ allein vorigen Montag gingen im Büro des PR-Beraters 70 Interviewanfragen ein.

Zeichnet sich gar ein Eisschnelllauf-Boom ab? Schon spielt Kärcher mit dem Gedanken, im kommenden Jahr in Deutschland ein mit Sponsorengeldern finanziertes Profi-Team, ähnlich dem Team Telekom im Radsport, auf die Beine zu stellen.

Vorsorglich bezieht der Manager weitere Friesingers ins Vermarktungskonzept ein: Jan, 20, Annis talentierten Bruder, hat er schon unter Vertrag genommen. Und auch ihre jüngere Schwester Agnes will Kärcher bald verpflichten. "Die ist mit 16", schwärmt der Impresario, "schon jetzt viel weiter als damals die Anni."

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP