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Sport

Kiels Handball-Pokalsieg gegen Flensburg

Fast wie beim ersten Mal

Die Handballer vom THW Kiel haben durch den Pokalsieg gegen Flensburg ihre fast zweijährige Zeit ohne Titel beendet. Domagoj Duvnjak spielte eine überragende Partie - und brachte seinen Körper an die Leistungsgrenze.

Getty Images

Domagoj Duvnjak

Aus Hamburg berichtet Michael Wilkening
Sonntag, 09.04.2017   19:14 Uhr

Domagoj Duvnjak war kaum noch in der Lage zu laufen, aber er schleppte sich immer wieder in die Ecke der Arena in Hamburg, in der die Fans des THW Kiel standen. Duvnjak wurde von den Emotionen getragen, und von den Endorphinen, die seinen Körper durchfluteten. Vermutlich wird der Kroate in ein paar Tagen operiert, vielleicht hat der wichtigste Spieler der "Zebras" seiner chronisch entzündeten Patellasehne im linken Knie in den zurückliegenden Wochen zu viel zugemutet.

Es ist nicht absehbar, ob er nach der nötigen OP noch einmal einer der besten Handballer der Welt sein kann, aber das Risiko hatte sich gelohnt: Duvnjak führte den THW Kiel zum Pokalsieg - und gab dem lange erfolgsverwöhnten Klub damit ein zuletzt verloren gegangenes Selbstverständnis zurück. Die Kieler beendeten eine beinahe zweijährige Zeit ohne Titel.

Die Szenen des Jubels, die sich nach dem 29:23 (13:12)-Finalsieg der Kieler im Duell der Erzrivalen gegen die SG Flensburg-Handewitt auf dem Feld abspielten, offenbarten, dass diese Mannschaft mehr erreicht hatte, als den zehnten nationalen Pokalsieg. Sie hatte die Zweifel verjagt, die sich im Umfeld des Klubs aufgebaut hatten - und die Zweifel, die sich auch in der eigenen Kabine breit zu machen drohten. "Es war eine riesige Herausforderung für uns", sagte Duvnjak: "Dieser Titel bedeutet sehr, sehr viel für den ganzen Verein."

Kiel zeigt verloren geglaubte Stärke

Innerhalb von zehn Tagen haben die Kieler die zwei Mannschaften aus Deutschland in Pokalwettbewerben ausgeschaltet, die in der zweiten Spielzeit nacheinander den Titel des Deutschen Meisters unter sich aus machen. Der Sportinformationsdienst hatte im Vorfeld des Achtelfinals in der Champions League zwischen den Kielern und den Rhein-Neckar Löwen eine mögliche neue Tektonik im deutschen Handball vorhergesehen, nachdem der THW fast zwei Jahrzehnte völlig unangefochten die Nummer eins war. In der Liga liegen die Flensburger und die Löwen weiterhin vor dem THW, doch nach dem Viertelfinaleinzug in Mannheim und dem Pokalerfolg gegen die Flensburger haben die Kieler mit diesen großen Siegen verloren geglaubte Stärke gezeigt.

"Das ist ein sehr wichtiger Moment für diese Mannschaft", sagte Alfred Gislason nach der Siegerehrung. Dem Isländer baumelte in den vergangenen Jahren schon oft eine Medaille um den Hals, seit 2008 coacht er den THW Kiel, gewann seither alleine zweimal die Champions League, doch dieses Mal fühlte sich der Triumph anders an. Die Kieler waren jahrelang immer der Favorit, Titel wurden bejubelt, gehörten aber zum Alltag. Nach der gewonnen Meisterschaft 2015 hatte sich das geändert, der THW war die Selbstverständlichkeit des Siegens abhandengekommen. Deshalb fühlte sich der Pokalsieg diesmal wie eine Premiere an.

DPA

Jubelszene der THW-Profis nach dem Abpfiff

Die Flensburger, die sieben Mal hintereinander im Pokalendspiel standen und nur vor zwei Jahren als Sieger die Halle verließen, waren als Favorit ins Finale gestartet und zeigten eine gute Leistung. Doch der Liga-Tabellenführer war der emotionalen Wucht der Kieler nicht gewachsen. Von der ersten Minute an berauschte sich der Rekordmeister an jeder gelungenen Aktion, an jedem eigenen Treffer, an jeder Parade des exzellent haltenden Torhüters Niklas Landin, selbst an jedem gewonnenen Zweikampf. "Wir wollten zeigen, dass wir auch Handball spielen können", sagte Duvnjak. In der Vergangenheit holten die Kieler große Titel, weil sie cooler und selbstbewusster als ihr Gegner waren. Diesmal waren sie heißer.

Duvnjak entscheidet das Finale

In der zweiten Halbzeit stemmten sich die Flensburger gegen die drohende Niederlage, aber zwischen der 35. und 45. Minute waren sie dem Willen und der Leidenschaft des THW nicht mehr gewachsen - Duvnjak und seine Kollegen zogen auf 21:15 davon und sorgten dafür, dass dieses Finale einseitiger als erwartet verlief.

Duvnjak humpelte zwischendurch vom Feld, seine Gesichtszüge verrieten die Schmerzen, die ihn plagten. Doch Augenblicke später warf er sich wieder ins Getümmel. Und mehr noch - Duvnjak entschied das Finale. "Wir haben einen überragenden Kapitän, der sich trotz Schmerzen durchkämpft und in den wichtigen Phasen fast immer die richtige Entscheidung trifft", sagte Gislason über den Auftritt seines wichtigsten Spielers, der mit sieben Treffern bester Torschütze auf dem Feld war. "Ich habe mir vorgenommen, alles zu geben", sagte Duvnjak nach der beeindruckenden Leistung. Die Gegenwart fühlte sich großartig an. Die Zukunft nicht: "Wahrscheinlich werde ich nächste Woche operiert."

insgesamt 1 Beitrag
Manfred Kardel 09.04.2017
1. Nicht ganz richtig
Auch wenn es immer wieder gerne geschrieben wird: der THW hat 2015 die Meisterschaft, 2016 den Supercup gewonnen, war also in beiden Jahren nicht ohne Titel! Und jetzt auch 2017 nicht. Das darf man gerne mal richtig stellen.
Auch wenn es immer wieder gerne geschrieben wird: der THW hat 2015 die Meisterschaft, 2016 den Supercup gewonnen, war also in beiden Jahren nicht ohne Titel! Und jetzt auch 2017 nicht. Das darf man gerne mal richtig stellen.

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