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Sport

Handball-Europameister Spanien

Das Beste zum Schluss

Leere Hallen, neue und alte Superstars, Christian Prokop: Die Handball-EM in Kroatien hatte viele Gesichter. Das schönste Bild gab es ganz am Ende: Spaniens EM-Sieger beim Tanz mit den 20 mitgereisten Fans.

Foto: AFP
Aus Zagreb berichtet
Montag, 29.01.2018   11:51 Uhr

Die Hand von Ferran Solé wippte von oben nach unten, die Bedeutung seiner Geste: bleibt ruhig, unterlasst den schnellen Gegenstoß. Nachdem die Schweden nur die Latte trafen, gab der Spanier seinen Teamkollegen das Tempo vor. Pass, Pass - erst 30 Sekunden später traf der 36 Jahre alte Routinier Raúl Entrerríos ins Netz.

Ruhe ausstrahlen, das ist die oberste Devise, selbst in einem Endspiel der Europameisterschaft. So funktioniert das System der spanischen Handballnationalmannschaft. Der Gegner aus Schweden wollte sich mit dem gegenteiligen Konzept den EM-Titel im kroatischen Zagreb sichern.

Der Halbzeitpfiff nahte. Schweden lag mit zwei Toren in Führung, es hätten sogar drei oder vier Treffer sein können, wären da nicht die vielen Fehlwürfe nach schnellen Kontern gewesen. Spanien verlor erneut den Ball, und die Schweden bekamen ihre nächste Chance, den Vorsprung auszubauen. Jesper Nielsen stürmte sofort los. Immer volles Risiko - selbst sein Wurf war am Ende seines Tempolaufs gewagt. Per Lupfer erzielte er das 12:9.

Stets am Limit attackieren oder mit Bedacht angreifen - welche Taktik führt zum Erfolg?

AFP

Jubelnde Spanier nach Abpfiff

Dann sprinteten auch Ferran Solé und Co. los. Immer wieder hörte man, wie einer der spanischen Profis "Finalmente" brüllte. Das war bereits nach Abpfiff. Nach vier Silbermedaillen bei einer Handball-EM gelang den Spaniern nun die Gold-Mission - sie sind erstmals Europameister. Schweden konnte sein Powerplay keine 60 Minuten durchziehen und verlor am Ende 23:29 (14:12).

Vielleicht war ein Moment spielentscheidend, dieser: Schwedens Torwart Mikael Appelgren ging für einen Schluck Wasser zur Auswechselbank. Sein Tor war leer, sein Team im Angriff, und es verlor den Ball an Spaniens Aitor Arino. Der wartete nicht, Arino warf sofort und traf aus weiter Entfernung zum 18:15. Es war einer der wenigen Szenen, in der ein Spanier aus dem taktischen Gefüge ausbrach und sofort in den Angriffsmodus überging. Der kurze Moment steht symbolisch für den Verlauf des Endspiels: Spanien war in den entscheidenden Szenen die flexiblere Mannschaft.

Die Momente des Turniers

Ist das die Geschichte dieser Europameisterschaft? Der Sieg der Spanier? Oder ist es Schwedens Rückkehr in die Weltspitze des Handballs mit Tempohandball? Beide Teams hatten in packenden Halbfinals gegen Frankreich und Dänemark für ein Überraschungsfinale gesorgt.

Vielleicht wird man sich in einigen Monaten aber eher an Bundestrainer Christian Prokop erinnern und daran, wie er mit der verunsicherten DHB-Auswahl bereits in der Hauptrunde gescheitert ist. Ist Mikkel Hansen weiter die prägende Figur? Mit 43 Turniertreffern bewies der 30 Jahre alte Däne erneut seine Klasse. Oder gilt dieses Turnier in einigen Jahren als Sternstunde des französischen Nachwuchsstars Dika Mem. Der 20-Jährige könnte mit seiner Wucht und seinem Tempo eine neue Generation von Rückraumspielern prägen.

Es hat in Kroatien viele sportliche Höhepunkte gegeben - und viele schlecht besuchte Hallen. Das ist das andere, das triste Bild der Europameisterschaft. Auch am Finaltag waren nur 9000 Zuschauer in der für 14.500 Zuschauer ausgelegten Arena an der Save. Der europäische Handballverband (EHF) gibt sich damit zufrieden. Er hatte vor dem Finale mitgeteilt, dass über 57 Prozent aller Zuschauer aus dem Ausland angereist seien. Die Stimmung wäre "toll" gewesen. Das kann man behaupten, die Realität war oft eine andere: Die Stimmung kam aus überdrehten Musikboxen und nur selten von den Gesängen der Fans.


Die Highlights des Finals im Video:

Foto: AFP

Am Finaltag gab es bis zum Schluss Karten für 75 Euro an der Abendkasse. Diese Preise sind auch eine Folge steigender Kosten. Veranstalter meinen, das Sportfest müsse über die Stadiondächer hinausgehen. In der Innenstadt am Ban-Jelaviv-Platz hatten die Organisatoren ein großes Partyzelt aufgestellt, wie man es von einer Fanmeile bei einer Fußball-WM kennt. Wer in dieses Zelt hineinblickte, sah wenige Stunden vor Anwurf des Endspiels eine neugierige Reisegruppe aus Asien und ein paar Sicherheitsleute, die sich selbst bewachten. Die Verkäufer lauerten am Eingang mit abgestandenem Bier. Viel Inszenierung, wenig Nachfrage.

Ob das beim nächsten Turnier besser wird?

Vielleicht wird schon bald ein anderer Aspekt diskutiert. Der europäische Fußballverband Uefa hat die Aufblähung der Teilnehmerzahl zur EM 2016 in Frankreich vorgemacht, die Fifa wird ab 2026 mit einer WM für 48 Teams nachziehen. Auch die EHF gibt sich dem Trend der wachsenden Turniere hin: Bei der Europameisterschaft 2020 werden erstmals 24 statt 16 Teams vertreten sein. Österreich, Schweden und Norwegen sind die Ausrichter. Dann können sich die Fans ein Bild von Handballzwergen wie Belgien oder Lettland machen, in Wien, Malmö und Trondheim. Aber die sportliche Verwässerung eines Turniers ist noch einmal ein anderes Thema.

Es war kurz vor 23 Uhr. Der DJ hatte die Musikboxen mittlerweile abgestellt. Es schallte noch einmal laut aus dem Inneren der mittlerweile fast leeren Halle. 20 spanische Fans waren noch da und grölten am Spielfeldrand. Die Handvoll Männer hüpfte kreuz und quer, Arm in Arm mit Ferran Solé, Raúl Entrerríos und vielen anderen spanischen Nationalspielern. Die Fans und die Stars des Teams vereinte in diesem Moment die pure Freude über den Triumph.

Vielleicht war das der Moment der Europameisterschaft.

insgesamt 3 Beiträge
bardolino12 29.01.2018
1. Warnung
Meinen Glückwunsch an die Spanier, das Endspiel haben Sie souverän gewonnen, wenn mein Herz auch für die Schweden schlug. Man kann nur hoffen, dass die Handballer ein bisschen vernünftiger bleiben und sich nicht mit Haut und [...]
Meinen Glückwunsch an die Spanier, das Endspiel haben Sie souverän gewonnen, wenn mein Herz auch für die Schweden schlug. Man kann nur hoffen, dass die Handballer ein bisschen vernünftiger bleiben und sich nicht mit Haut und Haaren dem Kommerz ausliefern. Die Funktionäre werden ihr Ding durchziehen. Allein den Spielern bleibt es zu entscheiden, wie weit sie es mitmachen. Jedes Jahr eine WM oder EM, was soll das. Und diese dann noch aufgebläht mit noch mehr Spielen. Da wenden sich Zuschauer zurecht ab, mich eingeschlossen.
Taugur 29.01.2018
2. Es hat leider schon angefangen
Spätestens seit in dieser Saison die Anwurfzeiten an die Fernsehbedürfnisse angepasst wurden. Wer geht schon Sonntags um 12:30 in die Halle? Ok, mit Dauerkarte evtl. noch. Aber ich habe den Eindruck das die Halle [...]
Zitat von bardolino12Meinen Glückwunsch an die Spanier, das Endspiel haben Sie souverän gewonnen, wenn mein Herz auch für die Schweden schlug. Man kann nur hoffen, dass die Handballer ein bisschen vernünftiger bleiben und sich nicht mit Haut und Haaren dem Kommerz ausliefern. Die Funktionäre werden ihr Ding durchziehen. Allein den Spielern bleibt es zu entscheiden, wie weit sie es mitmachen. Jedes Jahr eine WM oder EM, was soll das. Und diese dann noch aufgebläht mit noch mehr Spielen. Da wenden sich Zuschauer zurecht ab, mich eingeschlossen.
Spätestens seit in dieser Saison die Anwurfzeiten an die Fernsehbedürfnisse angepasst wurden. Wer geht schon Sonntags um 12:30 in die Halle? Ok, mit Dauerkarte evtl. noch. Aber ich habe den Eindruck das die Halle diese Hinrunde leerer war als noch 16/17 - müsste man mal eine Statistik am Ende der Saison sehen.
schueler79 29.01.2018
3. Sinnvoll?
Vielleicht sollten sich die Handballverbände mal fragen wie sinnvoll es ist ein Turnier in einem Land auszutragen, wo sich die Menschen die Tickets kaum leisten können. Was ist überhaupt los in Kroatien? Der Zuschauerschnitt [...]
Vielleicht sollten sich die Handballverbände mal fragen wie sinnvoll es ist ein Turnier in einem Land auszutragen, wo sich die Menschen die Tickets kaum leisten können. Was ist überhaupt los in Kroatien? Der Zuschauerschnitt 2012 in Serbien war ja höher, obwohl die noch ärmer sind. Das müsste sie doch eigentlich wurmen.

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