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Sport

Handball-Sieg über Serbien

Die deutschen Ballermänner

Mit dem Sieg gegen Serbien haben Deutschlands Handballer eine starke Gruppenphase abgeschlossen. Beflügelt wurde das Team durch die Mallorca-Atmosphäre in der Halle. Die allerdings an die Grenze der Fairness geht.

Foto: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX
Von , Berlin
Freitag, 18.01.2019   10:22 Uhr

Vor drei Jahren zur Europameisterschaft hießen sie die Bad Boys, jetzt haben sich die deutschen Handballer zur WM ein neues Etikett gegeben. Sie sind "ein geiles Team". Nach dem 31:23-Erfolg über Serbien, mit dem die DHB-Auswahl die Gruppenphase der Weltmeisterschaft und den Spielort Berlin hinter sich gelassen hat, war es überall und von allen Beteiligten zu hören, ob von Spieler oder Trainer. Sie seien nun einmal "ein geiles Team".

Rückraumspieler Paul Drux betonte das mehrfach in der anschließenden Pressekonferenz, sein Trainer Christian Prokop nahm den Ball gerne auf. "Jeder im Kader hat seine Rolle in dieser Mannschaft", sagt Prokop, das Remis gegen Russland, bei dem der sichere Sieg noch verspielt worden war, habe "uns nur noch enger zusammengeschweißt", sagte Drux. Spätestens nach Abschluss dieser Gruppenphase ist ganz klar, mit welchen Pfunden diese Mannschaft wuchern will: Teamgeist und der Rückenwind durch den Heimvorteil.

Beides hat das Team bisher durchs Turnier getragen, gegen die Serben im sportlich eigentlich unbedeutenden Abschlussspiel durften all diejenigen längere Spielzeit tanken, die bisher im Turnier zu kurz gekommen sind: Von Abwehrchef Finn Lemke über die Außen Matthias Musche und Franz Semper bis Kreisläufer Jannik Kohlbacher. Die zweite Hälfte gehörte ihnen fast zur Gänze, man merkte da allerdings auch schon den Unterschied zur ersten Garde.

Sehen Sie hier ein Fazit zur Vorrunde im Video:

Foto: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX

Wenn die bislang überragenden Hünen in der Abwehr, Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler, pausieren, tun sich in der deutschen Deckung mehr Löcher auf. Die ordnende Hand von Spielmacher Martin Strobel fällt umso mehr auf, wenn sie fehlt. Und auch Silvio Heinevetter lieferte zwar eine gute bis sehr gute Partie im deutschen Tor ab, aber die einschüchternde Präsenz des Andreas Wolff hat er nicht.

Dennoch gab es nachher nur Lob vom Bundestrainer für die Spieler aus der zweiten Reihe zu hören, die neue Harmonie soll in keinem Fall gestört werden. Nicht vor so wichtigen Spielen wie den anstehenden Hauptrunde-Partien gegen Island, Spanien und Kroatien. "Da gibt es keine einfachen Spiele mehr", sagt Prokop, der gleich nach Spielschluss begann, die kommenden Gegner zu analysieren. Der Respekt, vor allem vor dem aktuellen Europameister Spanien, war ihm anzuhören.

Helfen gegen die ausgefuchsten Spanier, gegen die heißblütigen Kroaten, gegen die schnellen Isländer soll vor allem das Publikum. Die deutsche Delegation hat in dieser Woche keine Gelegenheit ausgelassen, von der Atmosphäre in der Berliner Arena zu schwärmen, und tatsächlich kann sich das DHB-Team auch nicht über mangelnde Unterstützung beschweren.

Put your Hands in the Air

Am Donnerstag gegen Serbien herrschte teilweise allerdings schon Ballermann-Stimmung, der Hallensprecher hätte sicher auch auf dem Hamburger Fischmarkt gute Karriereaussichten als Marktschreier. Je länger das Turnier andauert, desto mehr steigert sich die Hallenregie bei den deutschen Spielen in eine "Put-your-hands-in-the-air"-DJ-Ötzi-Euphorie.

Wenn vor einem Siebenmeter Serbiens DHB-Torwart Heinevetter schon lautstark vom Hallensprecher abgefeiert und auf der Gegenseite Deutschlands Strafwurfspezialist Uwe Gensheimer vor dem Wurf mit "Uwe, Uwe" angefeuert wird, geht das in den Grenzbereich der Fairness. "Ich hab den Vorteil, dass ich solche Stimmung gewohnt bin", sagte Serbiens Nationaltrainer Nenad Perunicic anschließend und zuckte die Achseln. Er meinte damit allerdings nicht die Hallenatmosphäre in seiner Heimat, die auch nicht gerade als kühl bekannt ist. Er bezog sich auf seine Zeit als Spieler in Kiel und Magdeburg. "Handball in Deutschland - das ist schon sehr besonders."

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Deutschland bei der Handball-WM: Das ist der DHB-Kader

Das Auffordern zur La Ola und das "Helft unseren Jungs, ihr müsst alle aufstehen", wenn die Prokop-Sechs mal in Unterzahl zu spielen hat, in allen Ehren - ein so international hochkarätiges Turnier wie eine Weltmeisterschaft könnte vielleicht auch einen internationalen neutralen Hallensprecher vertragen. Die deutschen Zuschauer würden sich auch dann genug für das eigene Team ins Zeug legen und sich mit den Klatschpappen die Hände wund schlagen, sie brauchen den emotionalen Beschleuniger nicht.

Nun geht es nach Köln, dort passen noch 6000 Zuschauer mehr in die Halle als in Berlin - "das wird man schon merken", vermutet Drux. Die Spiele von der Heim-WM 2007 in Köln haben schließlich schon fast legendären Status. Die Gegner werden sich darauf einstellen müssen. Die Klatschpappen liegen bereit.

insgesamt 56 Beiträge
Frauenversteher007 18.01.2019
1.
Beschämend schlecht, wie der Bericht hier diese tollen Leistungen der Mannschaft über die Freude der Fans und des Stadionsprechers klein schreibt! Dürfen wir "Deutschen" (oder was ist hier das Problem?) uns [...]
Beschämend schlecht, wie der Bericht hier diese tollen Leistungen der Mannschaft über die Freude der Fans und des Stadionsprechers klein schreibt! Dürfen wir "Deutschen" (oder was ist hier das Problem?) uns eigentlich über gar nichts mehr freuen, gar nicht mehr feiern, gar keinen Stolz auf sportliche Leistungen haben? Dieser Bericht ist für mein Empfinden sowas von krank von falscher, politscher Korrektness, dass es kaum noch auszuhalten ist. (und wahrscheinlich wird diese, meine Meinung jetzt dazu nicht veröffentlich, soviel zum Thema Umdenken beim Spiegel) Glückwunsch jedenfalls an die Mannschaft und weiter machen, trotz so mieser Berichte wie hier.
zauberer2112 18.01.2019
2. Mimimi
Heimspielatmosphäre als Skandal? Jetzt wird's lächerlich. Uns was teilweise woanders (in allen Sportarten) abgeht, da war das gestern Kindergeburtstag.
Heimspielatmosphäre als Skandal? Jetzt wird's lächerlich. Uns was teilweise woanders (in allen Sportarten) abgeht, da war das gestern Kindergeburtstag.
AuslaenderDesDaseins 18.01.2019
3. Zustimmung
Ich bin froh, dass ich mit diesem Empfinden nicht alleine bin. Manchmal hab ich mich an einen ständig reinbrüllenden übermotivierten Vater eines kleinen E-Jugend-Fußballstöpsels erinnert gefühlt. Was der Hallensprecher da [...]
Ich bin froh, dass ich mit diesem Empfinden nicht alleine bin. Manchmal hab ich mich an einen ständig reinbrüllenden übermotivierten Vater eines kleinen E-Jugend-Fußballstöpsels erinnert gefühlt. Was der Hallensprecher da veranstaltet hat, fand ich als Fan der deutschen Mannschaft gegenüber den Serben schon peinlich.
frank57 18.01.2019
4. Abgesehen davon
dass die Handballer einen guten Lauf haben und die LIDL- Werbung auf dem Dress OK ist, aber was wirbt die AOK mit unserem Pflichtgeld auf dem Jersey? Das ist das Geld der Versicherten und gehört nicht in ein Sponsoring!
dass die Handballer einen guten Lauf haben und die LIDL- Werbung auf dem Dress OK ist, aber was wirbt die AOK mit unserem Pflichtgeld auf dem Jersey? Das ist das Geld der Versicherten und gehört nicht in ein Sponsoring!
ulaij 18.01.2019
5. Handball Puklikum
you get the Handball out of the Dorf, but the Dorf not out of the Handball!
you get the Handball out of the Dorf, but the Dorf not out of the Handball!

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