Schrift:
Ansicht Home:
Sport

DFB-Stars bei Erdogan

Was Deutschsein bedeutet

Zwei deutsche Nationalspieler haben sich mit dem türkischen Präsidenten fotografieren lassen. Klug? Nein. Sympathisch? Nein. Aber auch kein Grund, ihren Status als DFB-Auswahlspieler infrage zu stellen.

DPA

Ilkay Gündogan (links) mit Recep Tayyip Erdogan

Ein Kommentar von
Montag, 14.05.2018   16:41 Uhr

Die klügste Idee war es vermutlich nicht. Aber aus irgendeinem Grund haben sich die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren lassen. Gündogan signierte sogar ein Trikot seines Klubs Manchester City mit persönlicher Widmung für das Staatsoberhaupt.

Das alles schlägt einen Tag vor der Bekanntgabe des deutschen Kaders für die Fußball-Weltmeisterschaft Wellen in der deutschen Öffentlichkeit. Viele Beobachter scheinen es für unvereinbar zu halten, für die deutsche Fußballauswahl zu spielen und zugleich einem ausländischen Staatsoberhaupt beim Wahlkampf zu helfen - in der Türkei finden im Juni vorgezogene Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt.

Aber ist das wirklich der Grund der Empörung? Lothar Matthäus, immerhin deutscher Rekordnationalspieler, besitzt seit seiner Amtszeit als ungarischer Nationaltrainer beste Kontakte zum ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. 2006 hielt Matthäus eine Rede bei einer Veranstaltung der Jugendorganisation von Orbáns nationalkonservativer Partei Fidesz. "Ich spüre den Geruch von Schießpulver", sagte Matthäus den jungen Delegierten damals. 2014 saß er als Ehrengast bei der Eröffnung eines Fußballstadions neben Orbán auf der Tribüne.

Was Matthäus recht war, kann Özil billig sein

Ist das ein Skandal? Nein. Es ist das gute Recht von Matthäus, sich politisch zu betätigen, ob man seine Ansichten nun sympathisch findet oder nicht. Niemand forderte damals, Matthäus solle die DFB-Ehrenspielführerbinde aberkannt werden. Auch wenn Per Mertesacker sich mit der britischen Premierministerin Theresa May fotografieren ließe, würde wohl niemand sein Deutschsein in Frage stellen.

Der Grund, warum es jetzt bei Özil und Gündogan anders gesehen wird, berührt Fragen, die über den Sport hinausgehen. Dass seit Beginn des 21. Jahrhunderts vermehrt auch Migranten und ihre Kinder in den DFB-Auswahlmannschaften mitspielen, haben Teile der deutschen Öffentlichkeit nie ganz akzeptiert. 2006 hetzte die NPD gegen den schwarzen Hamburger Patrick Owomoyela, der im deutschen WM-Aufgebot stand.

AfD-Politikerin Beatrix von Storch, die das Ausscheiden der DFB-Elf bei der EM in Frankreich damit begründete, es sei nicht die "deutsche Nationalmannschaft" gewesen, forderte auch jetzt Gündogan auf, für die Türkei zu spielen.

Das sind nicht nur Stimmen vom rechten Rand. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir sagte: "Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier". Unabhängig davon, ob Özil und Gündogan einen türkischen, einen deutschen oder beide Pässe besitzen: Wenn man fordert, sie müssten sich mit "ihrem Präsidenten" zugleich auch für eine Nationalmannschaft entscheiden, dann lehnt man in der Konsequenz letztlich das Konzept der doppelten Staatsangehörigkeit ab.

Die "Entscheidung für ein Land" fordern meist aber Menschen, deren Familiengeschichte sich nicht in verschiedenen Staaten zugetragen hat. Und sie wird ohnehin nur Personen abverlangt, die nicht aus der EU stammen. Miroslav Klose, Deutschlands Rekordtorschütze, ist übrigens auch Pole - was selten jemanden gestört hat.

Vor allem aber liegt der Forderung, ein deutscher Nationalspieler müsse die Hymne mitsingen und deutsche Politiker unterstützen, eine Vorstellung von Homogenität zugrunde, die den Sport überhöht und mit nationalem Pathos auflädt. Für die Fußballauswahl des DFB zu spielen, bedeutet einfach, dass man zu den besten deutschen Fußballern gehört.

Deutscher zu sein bedeutet nicht, dass man bestimmte Politiker unterstützen darf und andere nicht. Es schreibt einem nicht vor, welche Sprache man sprechen muss, welche Musik man hören darf, was man essen und wo man urlauben darf. Dass es das alles nicht bedeutet, sind übrigens ganz gute Gründe dafür, dass man gerne deutscher Staatsbürger sein kann. Das sehen vermutlich auch Özil und Gündogan so.

insgesamt 371 Beiträge
lollopa1 14.05.2018
1. nicht ganz so simpel Herr Raecke
Teresa May sperrt keine Journalisten grundlos ein. Özil und Gündugan haben jetzt ein klassisches Eigentor geschossen, passiert halt wenn man nicht die hellste Kerze auf dem Weihnachtsbaum oder der Palme ist. Wenn Herr Gündugan [...]
Teresa May sperrt keine Journalisten grundlos ein. Özil und Gündugan haben jetzt ein klassisches Eigentor geschossen, passiert halt wenn man nicht die hellste Kerze auf dem Weihnachtsbaum oder der Palme ist. Wenn Herr Gündugan den türkischen Präsidenten als "seinen Präsidenten" betitelt sollte er auch sofort seine Konsequenzen ziehen. Gilt dann auch für Özil....
jan07 14.05.2018
2.
Der DFB nennt das Nationalteam ja auch nur noch 'Die Mannschaft'. Auf eine gewisse Weise ist das ja auch ehrlich. Man weiß, woran man ist und woran nicht. Mit 'deutsch' hat das alles nichts mehr zu tun. Da bietet die Türkei [...]
Der DFB nennt das Nationalteam ja auch nur noch 'Die Mannschaft'. Auf eine gewisse Weise ist das ja auch ehrlich. Man weiß, woran man ist und woran nicht. Mit 'deutsch' hat das alles nichts mehr zu tun. Da bietet die Türkei offensichtlich mehr Identifikationsmöglichkeiten, wie man nicht nur an der Reaktion von Özil und Gündogan sieht. Die meisten Türken sehen es genau so. Für sie ist Erdogan 'ihr' Präsident.
solltemanwissen 14.05.2018
3.
Ich mag Erdogan wirklich nicht und halte es für ziemlich grenzwertig, ihm diese Bühne zu geben - aber die Kritik vom DFB ist maximal lächerlich! In einem Monat fährt man als DFB auf eine 6 wöchige Wahlkampfhilfe für Putin, [...]
Ich mag Erdogan wirklich nicht und halte es für ziemlich grenzwertig, ihm diese Bühne zu geben - aber die Kritik vom DFB ist maximal lächerlich! In einem Monat fährt man als DFB auf eine 6 wöchige Wahlkampfhilfe für Putin, einem Diktator, der Erdogan in nichts aber auch gar nichts nachsteht. Und ich hoffe die CSU erinnert sich an ihre kriecherische Veranstaltung mit dem Diktator Orban! Auch der unterscheidet sich in keiner Weise von Erdogan.
Charlie Whiting 14.05.2018
4. Falsch!
Es geht nicht darum was grundsätzlich zu dürfen, sondern dass man als Mit-Repräsentant der deutschen Nationalmannschaft (und des grössten Fussballverbandes der Welt) jemanden unterstützt der die Menschenrechte seit Jahren mit [...]
Es geht nicht darum was grundsätzlich zu dürfen, sondern dass man als Mit-Repräsentant der deutschen Nationalmannschaft (und des grössten Fussballverbandes der Welt) jemanden unterstützt der die Menschenrechte seit Jahren mit Füssen tritt. Geht gar nicht. Die andere Frage ist ob sie eine Wahl hatten da sie ja wahrscheinlich viele Verwandte in der Türkei haben (Druckmittel).
yoda56 14.05.2018
5. Vergessen wir bitte nicht, dass "Gündogans Präsident"...
alle Deutschen (vielleicht also auch Gündogan und Özil?) als Nazis beschimpft hat, noch immer Zehntausende, darunter einige Deutsche, unschuldig in seinen Folterkammern quält und so ziemlich gegen alle Menschenrechte [...]
alle Deutschen (vielleicht also auch Gündogan und Özil?) als Nazis beschimpft hat, noch immer Zehntausende, darunter einige Deutsche, unschuldig in seinen Folterkammern quält und so ziemlich gegen alle Menschenrechte verstößt. Und dann soll dieses widerwärtige Schauspiel "unserer" Nationalspieler ohne Konsequenzen bleiben, oder in einem netten Gespräch geklärt werden? Ich fasse es nicht. Und der Loddar als Beispiel, soll der jetzt nochmal auflaufen, oder Bundestrainer werden? Dummer Vergleich. Ich finde es fast unerträglich, mit Frau Storch in etwa die gleiche Aussage treffen zu müssen - dafür sind jedoch Gündogan und Özil verantwortlich - letzteres nehme ich ihnen besonders übel.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP