Mavericks-Star Doncic
Nowitzki 2.0
Für die Dallas Mavericks begann kurz nach dem Gewinn der NBA-Meisterschaft 2011 eine schwierige Phase. Nach dem Erfolg ging es abwärts, den Tiefpunkt erreichte das Team in der vergangenen Saison, als am Ende nur 24 Siege aus 82 Spielen standen. Der mittlerweile 40 Jahre alte Dirk Nowitzki kann das Team seit einigen Jahren nicht mehr schultern, sondern fungiert als Ergänzungsspieler. Seit Saisonbeginn läuft es jedoch besser. Dallas ist wieder konkurrenzfähig und steht derzeit auf einem Playoff-Platz.
Den Fortschritt haben die Dallas Mavericks in erster Linie ihrem neuen Spielmacher Luka Doncic zu verdanken - ein 2,01 Meter großer Slowene. Obwohl es seine erste NBA-Saison ist, übernimmt er schon Verantwortung, so wie beim Heimspiel gegen die Portland Trailblazers vor wenigen Tagen. Zunehmend wird deutlich: Er ist die Zukunft dieser Mannschaft.
Aus den ersten elf Saisonspielen holte Dallas bloß drei Siege. Das Team wirkte unkoordiniert, die Rollen waren nicht klar verteilt. Nach dem missglückten Start haben die Mavs jedoch neun der vergangenen zwölf Spiele gewonnen. Auch wenn es vergangene Nacht bei der 132:106-Niederlage in New Orleans einen Dämpfer setzte: Die Mavericks sind derzeit in hervorragender Form und dürfen sich realistische Hoffnungen auf die Playoffs machen. Dabei sticht der Rookie Doncic besonders heraus. Mit 18,6 Punkten pro Spiel ist er Top-Scorer und zudem hauptverantwortlich für den Spielaufbau.
Skepsis gegenüber europäischen Talenten
Im Vorfeld der diesjährigen NBA-Draft im Juni war Doncics großes Potenzial zwar bekannt - trotzdem gab es noch Vorbehalte gegenüber dem 19-Jährigen. Unter Experten und Funktionären in der NBA ist noch immer der Glaube weit verbreitet, europäischen Spielern fehle es an Athletik und Härte, um in der NBA zu bestehen. Erfolge und Auszeichnungen in Europa werden weiter mit Skepsis beäugt. Dabei gilt die Euroleague mittlerweile als zweitstärkste Liga der Welt.
In Europa hätte Luka Doncics Karriere kaum besser laufen können. Mit 16 Jahren debütierte er für Real Madrid. In den Jahren darauf folgten viele Titel und Auszeichnungen. Er gewann die Euroleague, wurde zum wertvollsten Spieler des Wettbewerbs gewählt und holte mit Madrid dreimal die spanische Meisterschaft. Zudem wurde er 2017 mit Slowenien Europameister. Nach seinem NBA-Debüt sagte der 19-Jährige: "Ich spiele schon seit langer Zeit professionellen Basketball. Ich war bereit für den Moment."
Dass die Dallas Mavericks Doncic überhaupt verpflichten konnten, ist die größere Überraschung als sein früher Erfolg. Für Rick Carlisle, den Cheftrainer der Mavs, war die Personalie wichtig. Als im Juni die Teams die besten Spieler auswählten, sagte er: "Falls irgendwie möglich wollten wir Luka Doncic in dieser Draft bekommen. Kurz dachten wir, er könnte vielleicht bis zu uns durchrutschen. Aber vor ein paar Tagen wurde klar, dass das nicht passieren wird. Er ist einfach zu gut." Die Mavericks waren bei der Draft erst an fünfter Stelle am Zug. Also handelten sie und fädelten einen Tausch mit den Atlanta Hawks ein. Inzwischen ist Doncic einer der Besten der Liga - und er steht für einen Trend.
Die NBA wird internationaler
Europäer, die es in die NBA schaffen und sich dort durchsetzen, sind längst keine Seltenheit mehr. Der Grieche Giannis Antetokounmpo von den Milwaukee Bucks ist ein heißer MVP-Kandidat. Nikola Jokic ist der wichtigste Spieler bei Denver, dem Tabellenersten im Westen. Mit seinen Spielmacherqualitäten revolutioniert der Serbe aktuell die Center-Position. Zum besten Defensivspieler der Vorsaison wurde Rudy Gobert gewählt, ein Franzose. Die Liste ist lang.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Das Spiel ist feiner geworden. Die Golden State Warriors setzten historische Maßstäbe für Dreipunktewürfe und gewannen damit drei der letzten vier Meisterschaften. Ihr Spielstil wurde zum Trend.
In der Folge haben Spieler mehr Raum für ihre Aktionen, da auch die großen Spieler an der Dreipunktelinie gedeckt werden müssen. Zudem gab es im Verlauf der Jahre eine Reihe von Regeländerungen, die diesen Prozess verstärkten. Finesse und gutes Passspiel haben die Härte und die individuelle Klasse der Neunziger verdrängt.
Diese Tendenz kommt zum Teil aus Europa. "Big Men" wie Dirk Nowitzki und Pau Gasol machten Distanzwürfe und eine filigrane Spielweise populär. Einige Teams, wie die San Antonio Spurs oder die Dallas Mavericks, adaptierten früh taktische Elemente aus Europa und legten den Fokus auf ein gutes Pass- und Raumspiel.
Der Erbe von Dirk Nowitzki
Doch selbst in der aktuellen Welle europäischer Talente sticht Luka Doncic heraus. Dass ein Rookie mit solcher Souveränität auftritt, geschieht nur selten. Superstars wie Dirk Nowitzki oder Giannis Antetokounmpo brauchten ihre Zeit und mussten sich erst entwickeln. Im Alter von 19 Jahren überzeugt Doncic bereits mit eleganten Bewegungen und einer sehr guten Spielübersicht. Auf die Frage, auf welcher Position er den 2,01 Meter großen Spielmacher sieht, antwortete Carlisle: "Er spielt einfach sein Spiel und macht dabei seine Mitspieler besser. Er hat ein gutes Spielverständnis und ist ein guter Schütze, was Raum für die anderen Spieler schafft."
Auch Nowitzki lobt den Rookie: "Für so einen großen Typen ist er unglaublich mit dem Ball und im Pick-and-Roll. Seine Übersicht ist jetzt schon unfassbar. [... ] Er ist ein guter Schütze und ich glaube, er wird uns noch sehr lange Spaß machen." In Dallas trifft das womöglich größte europäische Talent der Geschichte auf den wohl größten europäischen Spieler. Einen besseren Mentor könnte sich Doncic kaum wünschen.
Nowitzki ist der erste und einzige Europäer, der als Star seines Teams die Meisterschaft holte. Doncic könnte der Zweite sein und das ebenfalls bei den Dallas Mavericks. Er befindet sich auf gutem Weg, in Nowitzkis Fußstapfen zu treten.