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Sport

IOC-Entscheidung zu Russland

Das Sowohl-als-auch-Komitee

Das IOC hat zwar Russland strenge Auflagen erteilt, aber eine wirklich konsequente Reaktion gescheut. Den Bruch mit dem Sportsystem von Wladimir Putin riskiert Thomas Bach nicht.

DPA

IOC-Präsident Thomas Bach, Chef der IOC-Untersuchungskommission Samuel Schmid

Ein Kommentar von
Dienstag, 05.12.2017   21:37 Uhr

Auf den ersten Blick hat IOC-Boss Thomas Bach mit der Russland-Entscheidung des Komitees die Argumente auf seiner Seite. Mit dem Beschluss, das russische NOK auszuschließen und den vermeintlichen Drahtzieher, Vizepremier Witali Mutko, zu sperren, hat man eine gewisse Härte gezeigt, hat damit seiner Empörung über Russlands Dopingsystem Ausdruck verliehen. Parallel dazu gibt das IOC sauberen russischen Sportlern die Chance, bei den Winterspielen in Südkorea anzutreten, eine Entscheidung, geprägt von Empathie für die Athleten, die sich über Jahre intensiv auf diesen Karrierehöhepunkt vorbereitet haben.

Aber genau dieses Sowohl-als-auch ist das Problem. Bach und das IOC bleiben mit ihrer Entscheidung auf bestenfalls halber Strecke stehen. Man gibt den Russland-Kritikern mit der Entscheidung Zucker, gibt sich entsprechend erschüttert über die Dimensionen des Betrugs, aber man hält sich zur gleichen Zeit die Hintertür zum Putin-Regime offen. Wirkliche Konsequenz sieht anders aus.

Wirkliche Konsequenz - das wäre ein Komplettausschluss Russlands von diesen Spielen gewesen. In Russland ist flächendeckend gedopt worden, das ist durch den McLaren-Report bewiesen worden. Die Sperren für russische Athleten in den Vorwochen durch das IOC betrafen Langlauf und Biathlon, Bobfahren und Skeleton. Und das dürfte noch nicht das Ende gewesen sein. Bei den Winterspielen in Sotschi ist die "komplette Sportgemeinschaft beschissen worden", wie es der deutsche Biathlet Erik Lesser so treffend formuliert hat.

Es hätte auch unschuldige Athleten getroffen

Flächendeckendes Doping aber hätte auch eine flächendeckende Reaktion verdient gehabt. Eine solche Reaktion hätte dann auch unschuldige Athleten getroffen, das stimmt, und für diese Sportler wäre es bitter. Aber Sanktionen tun nur dann weh, wenn man sie spürt. Nicht die eigene Hymne zu hören, unter neutraler Flagge aufzulaufen, das schmälert sicherlich den emotionalen olympischen Moment und verletzt womöglich die berühmte russische Seele. Eine echte nachhaltige Bestrafung jedoch ist es nicht.

Flächendeckendes staatlich betriebenes Doping muss auch so genannt werden dürfen. Aber Bach vermied es vor der Presse sorgsam, das Wort "staatlich" in den Mund zu nehmen, er sprach lieber von "systemisch". Ein kleiner sprachlicher Unterschied, politisch sehr bedeutsam.

Letztlich bleibt es eine typische "Ja, aber"-Entscheidung, wie sie so oft von Sportfunktionären getroffen wird. Weitergehender als der windelweiche Beschluss aus dem Vorjahr vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro, aber dazu bedarf es auch nicht viel.

Schmerzen wird es den mächtigen Sportfunktionär Mutko, das immerhin. Putins Vizepremier ist nebenbei auch noch der Organisator der Fußball-WM im kommenden Sommer. Fifa-Chef Gianni Infantino hat erst in der Vorwoche demonstrativ den Schulterschluss mit Mutko vollzogen, vor der Presse hat er ihn angekumpelt, ihn als großen Experten gelobt, "von dem man noch viel lernen" könne. Infantino hat bei der Gelegenheit präventiv schon deutlich gemacht, dass die IOC-Entscheidung keinen Einfluss auf die Fifa haben wird.

Mutko, der vom IOC lebenslang Gesperrte, wird vom Fußball-Weltverband hofiert. Was für ein unhaltbarer Zustand. Das zumindest muss man dem IOC also lassen: Es geht anderswo noch schlimmer.

insgesamt 37 Beiträge
sven2016 05.12.2017
1.
Ob das nicht das falsche Zeichen ist? Mit der neutralen Flagge demütigt man die national gesinnten russischen Bürger, mit der Teilnahme als Team lässt man das systematische Doping (wieder) durchgehen. Und der [...]
Ob das nicht das falsche Zeichen ist? Mit der neutralen Flagge demütigt man die national gesinnten russischen Bürger, mit der Teilnahme als Team lässt man das systematische Doping (wieder) durchgehen. Und der Sportminister wird von Olympia gebannt, zur WM aber gefeiert. Das verstehe, wer kann. Dann macht eure Veranstaltungen alleine, liebe Verbänfe.
fliffis 05.12.2017
2. gut so
ich persönlich finde, dass das IOC einen guten Kompromiss gefunden hat! Einen Kompromiss aus Bestrafung des Russischen Sportsystems, während russische SportlerInnen, die noch nie (s.u.) mit Dopingvergehen in Kontakt waren, [...]
ich persönlich finde, dass das IOC einen guten Kompromiss gefunden hat! Einen Kompromiss aus Bestrafung des Russischen Sportsystems, während russische SportlerInnen, die noch nie (s.u.) mit Dopingvergehen in Kontakt waren, die Chance an einer Teilnahme an den Olympischen Spielen haben. Ja, vielleicht hätte man hier einmal knallhart sanktionieren müssen - die Gelegenheit gab es ja nun: Das perfide am hier sanktionierten Vorgehen Russlands war ja, als Gastgeber Möglichkeiten der nachträglichen (!) Manipulation von schon abgegebenen Doping-Proben geschaffen und genutzt zu haben. Das hat dem Hase-Igel Spiel von neuen Dopingmitteln und den wissenschaftlichen Methoden, diese nachzuweisen, auf eine ganz andere Ebene gehoben, als "nur" - und das schreibe ich ganz bewusst in Anführungszeichen, ich lehne jede Form von Doping auf jeder Leistungsstufe ab! - das Doping einzelner Personen (oder meinetwegen auch Personengruppen) und die "Hoffnung", nicht erwischt zu werden. Es ist nun wohl aber auch nicht so, dass Russland (wenn sie denn den Sanktionen zustimmen) nun schicken könnten, wen sie wollten. Einer anderen Online-Zeitung habe ich entnommen (das war mir neu, obwohl ich das Ganze heute verfolgt habe): "Wer in Pyeongchang für das Team der OAR an den Start gehen wird, muss dafür eine Einladung erhalten. Die Gästeliste soll von einer Kommission ausgesprochen werden, die von der früheren französischen Sportministerin Valerie Fourneyron geführt werden wird. Die in Frage kommenden Sportler dürfen nie wegen Doping-Verstößen gesperrt oder disqualifiziert worden sein, müssen gemäß der IOC-Vorgaben im Vorfeld der Spiele getestet worden sein und möglichen weiteren Test-Vorgaben der Kommission genügen." Ich möchte nur nicht wissen, was los ist, wenn einer dieser SportlerInnen dann während oder nach den Spielen als gedopt überführt wird...
goerlitzer 05.12.2017
3. Wann vehilft uns der Autor zu Belegen für das "flächendeckende Doping"
Russland hat von Kaliningrad bis Wladiwostok immerhin 17. Mio. Quadratkilometer Will uns der Autor wirklich erzählen, IOC, WADA usw. hätten ohne politischen Druck gehandelt und würden sich nur der sportlichen Fairness [...]
Russland hat von Kaliningrad bis Wladiwostok immerhin 17. Mio. Quadratkilometer Will uns der Autor wirklich erzählen, IOC, WADA usw. hätten ohne politischen Druck gehandelt und würden sich nur der sportlichen Fairness verpflichtet sehen? Deshalb Kollektiv-Strafe für Russland und deshalb hunderte WADA-Ausnahmengenehmigungen für die Einnahme von leistungsfördernden Medikamenten zugunsten von Athleten vor allem aus angelsächsischen Ländern? Deshalb auch das konsequente Wegschauen der "Anti-Dopingagentur" bei der massenhaften Einnahme von leistungsfördernden Asthmamitteln durch norwegische Skisportler, auf Rat des Skiverbandes, so der norwegische Sender TV2, "prophylaktisch" auch durch gesunde Sportler? O.k. - der neue Kalte Krieg ist fast gewonnen - aber der Sport ist seit heute endgültig zum Polit- und Kommerzzirkus verkommen.
ediart 05.12.2017
4. Spitzensport
na ja, aus meiner Sicht was überflüssigeres gibt es wohl nicht, das der Focus in Sachen Doping auf Russland gerichtet ist verwundert nicht. Einen bösen Buben muss es eben geben, da bietet sich Russland nun mal an. Aber genauer [...]
na ja, aus meiner Sicht was überflüssigeres gibt es wohl nicht, das der Focus in Sachen Doping auf Russland gerichtet ist verwundert nicht. Einen bösen Buben muss es eben geben, da bietet sich Russland nun mal an. Aber genauer betrachtet ist die Sparte Spitzensport international voll verdopt. Also was soll die Aufregung das IOC soll sich zum Doping bekennen und dann ist alles gut. Wer sich puschen will kann das tun mir ist es eh egal dann ist es eben ein Wettkampf um Medallien einer Pharmaindustrie, wer produziert die besten Mittel.
aussiemanx 05.12.2017
5.
Ich kann mich Ahrens nicht anschließen und finde die IOC Entscheidung einen guten Kompromiss, unabhängig davon ob nun politisch motiviert oder nicht. Es kommt nun vor allem auf die IOC Institutionen an, die überprüfen, [...]
Ich kann mich Ahrens nicht anschließen und finde die IOC Entscheidung einen guten Kompromiss, unabhängig davon ob nun politisch motiviert oder nicht. Es kommt nun vor allem auf die IOC Institutionen an, die überprüfen, inwiefern die vermeintlich nicht gedopten russischen Sportler scharf kontrolliert werden und wie viele Augen dabei zugedrückt werden. Wenn das russische Fernsehen schon die Spiele nicht ünertragen möchte und Sportler die Spiele deswegen boykotieren wollen, zeigt das doch, dass die Sanktionen die Russen schon getroffen haben. Und gerade weil Russland so ein riesiges Land ist, wie einer hier bereits richtig angemerkt hat, gibt es auch unterschiedliche Menschen und so kann ich als Außenstehender nicht beurteilen, ob es nicht doch, ähnlich wie es auch Putin kritische Menschen in Russland gibt, Athleten gibt, die beim Staatsdoping nicht teilgenommen haben. Die Chance besteht zumindest. Und diesen Athleten, so es sie gibt, seitens des IOC trotz ihrer sauberen Olympiavorbereitung den Stinkefinger zu zeigen, finde ich auch nicht richtig. Schließlich haben sie sich ja dem staatlich organisiertem System entzogen und man darf dann auch vermuten, dem System Putin. Wieso sollte man diese Athleten als Kollateralschaden bestrafen? Dass die Fifa sich dennoch mit dem russischen Minister ins Bett legt ist umso mehr Charakteristikum der Fifa und wie korrupt dieser Laden nach Blatter immer noch ist. Dies sollte eigentlich Grund sein, die Fußball WM seitens der Fernsehsender und Fussballteams zu boykotieren. Denn man muss ja auch all diejenigen Athleten anderer Nationen, die nicht dopen oder gar einem Staatsdopingsystem angehören ebenfalls fair sein, denn welche Chance haben sie, gegen gedopte Sportler zu bestehen. Auch im Fussball kann duch systematisches Mannschaftsdoping die Ausdauer und Leistungsfähigkeit gesteigert werden. Fatalismus nach dem Motto, dass der Sport dann ein Wettkampf der Pharmakonzerne ist, finde ich mehr als zynisch den Athleten gegenüber. Denn die Langzeitschäden, denen sich Athleten aussetzen, wenn sie dopen und ggf. dopen müssen, sind inakzeptabel und menschenverachtend.

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