Schrift:
Ansicht Home:
Sport

EM-Medaillen für Dutkiewicz und Roleder

Zwei, die Hürden überwinden

Die Hürdensprinterinnen Pamela Dutkiewicz und Cindy Roleder sind in vielem unterschiedlich - erfolgreich sind beide. In Berlin haben sie sich auch dafür belohnt, dass sie nach Verletzungen nicht aufgegeben haben.

AFP
Von , Berlin
Freitag, 10.08.2018   07:08 Uhr

Vor dieser Europameisterschaft hatte DLV-Sportdirektor Idriss Gonschinska über das gesprochen, was die Leichtathletik ausmache. Er sagte: "Die Leichtathletik lebt von den Duellen." Er könnte dabei an Pamela Dutkiewicz und Cindy Roleder gedacht haben.

Beide gehören mittlerweile zu den besten Hürdensprinterinnen, nicht nur Europas, sondern der Welt. Beide haben am Donnerstagabend in Berlin eine Europameisterschaftsmedaille gewonnen, Dutkiewicz Silber hinter der Weißrussin Elvira Herman, Roleder Bronze, und damit haben sich die Gemeinsamkeiten erschöpft.

Die routinierte Cindy Roleder mit ihrer eher raumgreifenden Schritttechnik direkt neben der kleineren Dutkiewicz auf den Bahnen fünf und sechs. Besser hätte es die EM-Regie an diesem späten Abend nicht inszenieren können.

Als wäre das nicht Dramatik genug, wurde noch ein bisschen Donnergrollen aus dem Hintergrund hinzugefügt, die ersten Regentropfen nach den Tagen der Berliner Gluthitze bildeten die Ouvertüre. Ein deutscher Doppelsieg, und der Himmel entlädt sich - das wäre dann aber auch ein bisschen zu viel gewesen.

Mithalten mit der Weltspitze

"Der Druck war riesig. Vor allem der Druck, den ich mir gesetzt habe", sagte Dutkiewicz nach dem Rennen. Druck, der bei den deutschen Hürdensprinterinnen aber auch durch ihre Erfolge entstanden ist: Roleder, die Titelverteidigerin nach ihrem EM-Erfolg vor zwei Jahren und WM-Zweite von Peking 2015, Dutkiewicz, die WM-Dritte, nicht zu vergessen Ricarda Lobe, die Fünfte des Endlaufs - der Hürdensprint, diese anspruchsvolle Sportart, bei der jeder Fehler so schmerzhaft ist, gehört mittlerweile zu den Renommierdisziplinen des DLV.

Es gibt bei den Laufwettbewerben beileibe nicht viele Strecken, auf denen deutsche Athleten mit allen in der Welt mithalten können. Roleder und Dutkiewicz können es.

Und etwas Besseres als zwei unterschiedliche Protagonistinnen kann einem Verband nicht passieren. Beide respektieren sich, die Konkurrenz hat bislang nichts Destruktives, aber Schwestern im Geiste sind Roleder und Dutkiewicz nicht.

Roleder, kurz vor dem Mauerfall in Chemnitz geboren, verwurzelt in den ostdeutschen Sportstrukturen in Leipzig und Halle, keine Glamour-Athletin, eine, die immer wieder auch Verletzungsrückschläge weggesteckt hat, weil sie ihren Sport seriös arbeitet.

DPA

Dutkiewicz (l.) und Roleder (r.) im Ziel

Dutkiewicz, seit sie 16 Jahre alt war in der Trainingsgruppe des TV Wattenscheid zu Hause, sie hat sich selbst mal "ein Klischee-Mädchen" genannt, mit Schminke auf der Laufbahn. Manchmal verdeckt das Extrovertierte, wie ehrgeizig sie an ihren Zielen werkelt. Beide gehen unterschiedliche Wege, bei den Zielen treffen sie sich.

"Dies ist so etwas wie ein wahr gewordener Traum. Ich habe die ganze Zeit von einer Medaille geträumt", sagt Roleder - und noch im Vorjahr sah es auch so aus, als bliebe es ein Traum. 2017 war das Jahr, in dem Dutkiewicz in die Weltspitze lief.

Cindy Roleder, bis dahin quasi Miss Hürdensprint in Deutschland, konnte nur zusehen. Der Ischiasnerv ließ ihr keine Ruhe, den WM-Start musste sie absagen, und nach der WM sprach alles nur über Dutkiewicz. "2017 war für mich ein schweres Jahr."

CHRISTIAN BRUNA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Dutkiewicz (l.) und Ricarda Lobe (r.) nach dem Rennen

Im Frühjahr dann umgekehrte Vorzeichen: Dutkiewicz plagte sich mit Blessuren herum, musste ihren Saisonstart verschieben, am Ende hat es für beide zum Saisonhöhepunkt gereicht.

Verletzungen als Wegbegleiter

Der Hürdensprint - das ist nicht nur ein Kampf mit den zehn verflixten Hindernissen, die den Weg zum Ziel versperren, es ist auch immer ein Duell mit den körperlichen Belastungen, die diese Disziplin mit sich bringt, mit den enormen Kräften, die auf den Körper einwirken, wenn die Hürden im Höchsttempo genommen werden. Dutkiewicz hat sich 2015 an beiden Füßen die Bänder gerissen, Roleder ist im Vorjahr fast verzweifelt, weil die Schmerzen im erwähnten Ischiasnerv einfach kein Ende nahmen.

Alles vergessen, die ganze Plackerei, die Tage, die man mit Grübeln verbringt, die Zeit im Kraftraum, um irgendwas zu tun, das Zugucken, wie die Konkurrenz die Bahn heruntertrommelt. Vergessen, wenn die Medaille um den Hals hängt.

Roleder ist jetzt 29, Dutkiewicz wird 27. Das Gute am Sprint ist, dass die Strecke so kurz ist. Man kann auch mit Anfang 30, vielleicht sogar Mitte 30, noch Topleistungen bringen. Die WM 2019 in Doha, die Olympischen Spiele ein Jahr drauf in Tokio - das Duell kann noch eine Weile weitergehen.

insgesamt 2 Beiträge
spon-facebook-1261351808 10.08.2018
1. Eine wirklich toller Abend!
Ich war gestern live im Berliner Olympiastadion dabei! Gänsehaut pur war das. Eine unheimlich gute Stimmung dort. Da sollte man wieder einmal über Olympia in Deutschland nachdenken...
Ich war gestern live im Berliner Olympiastadion dabei! Gänsehaut pur war das. Eine unheimlich gute Stimmung dort. Da sollte man wieder einmal über Olympia in Deutschland nachdenken...
derjoey 10.08.2018
2.
Extrovertiert zu sein ist ja nichts Negatives an sich. Und wer Tolles leistet, hat auch einen guten Grund, seine Erfolge zu repräsentieren. Nicht alle (vermutlich sogar die wenigsten) Spitzensportler können von ihren Leistungen [...]
Extrovertiert zu sein ist ja nichts Negatives an sich. Und wer Tolles leistet, hat auch einen guten Grund, seine Erfolge zu repräsentieren. Nicht alle (vermutlich sogar die wenigsten) Spitzensportler können von ihren Leistungen allein leben, da gehört auch ein bisschen Trommeln zur Selbstbestätigung und -vermarktung dazu.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP