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Sport

Gewichtheber Rudolf Mang

Der Bär ist tot

Rudolf Mang hat das Gewichtheben ins Rampenlicht gebracht. Seine Duelle mit Wassili Alexejew waren legendär. Aber der "Bär von Bellenberg" stand auch für die dunkle Seite dieses Sports.

imago
Von
Mittwoch, 14.03.2018   12:32 Uhr

Gewichtheben ist ein Außenseitersport. Alle vier Jahre, wenn es Olympische Sommerspiele gibt, schaut die Welt mal hin aufs Reißen und Stoßen. Kein Sport für die Massen, zudem vom Doping verunstaltet. Bei der vergangenen WM waren sage und schreibe neun Nationen ausgeschlossen, weil deren Gewichtheber immer und immer wieder als Pillenschlucker aufgefallen waren.

Gewichtheben ist aber auch ein Sport der Typen. Matthias Steiner brachte es bei den Olympischen Spielen von Peking mit einem herzzerreißenden Bekenntnis zu seiner toten Frau zur Prominenz. Oder Wassili Alexejew, der Koloss aus der UdSSR, er war das Urbild eines Gewichthebers, ein Berg aus Fleisch, darin die weit aufgerissenen Augen, wenn er die Hantel wieder einmal auf Weltrekord in die Luft wuchtete.

Alexejew war der ewige Gegenspieler von Rudolf Mang, man kann sagen, er war so etwas wie Mangs Schicksal. Das Duell des Deutschen mit dem Sowjetathleten - es hat die Leute in der Bundesrepublik elektrisiert. Ein Gewichtheber war einer der größten Sportstars des Landes, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Der "Bär von Bellenberg", 22 Jahre jung, vor Kraft und Lebenslust strotzend, gegen den russischen Routinier, der 1970 an einem Abend so eben mal sieben Weltrekorde verbessert hatte. 130 Kilogramm gegen 170 Kilo, Superschwergewicht, der Zweikampf der stärksten Männer der Welt. Das war vor den Sommerspielen von München wie gemalt im Zeichen des Kalten Krieges, Entspannungspolitik hin oder her.

Mang hatte sein Sportlerleben lang auf einen Wettkampf hingearbeitet

Am 5. September 1972 sollte das große Finale starten, Mang hatte jahrelang auf diesen Tag hingearbeitet, er hatte sich die 130 Kilogramm geradezu angefuttert: Täglich ein Kilogramm Fleisch, mehrere hundert Gramm Eiweißpulver, ganz viel Milch, bis das Gewicht stimmte, das hatte ihm sein Trainer Josef Schnell verordnet. Und Mang tat alles, was Schnell sagte. In den letzten Jahren seiner Karriere, so hat er später zugegeben, waren es nicht nur Fleisch und Milch. Die Kügelchen gehörten dazu.

Mit elf hatte der kleine Rudolf angefangen, die Gewichte zu stemmen, mit 15 brachte er schon 100 Kilo auf die Waage, mit der Leistung ging es unter Schnell rasch nach oben: 1966 brachte er in Reißen, Drücken, Stoßen in der Addition 450 Kilogramm zur Hochstrecke, 1968 bei den Spielen in Mexiko schon 525 Kilogramm. Vier Jahre später war Mang auf seinem Höhepunkt angekommen, genau so wie es Schnell und er geplant hatten. Bei der EM in Rumänien kurz vor den Olympischen Spielen hatte er Alexejew am Rand der Niederlage, im Drücken und Reißen war Mang der klar Bessere, der Russe konterte im abschließenden Stoßen und konnte sich so gerade noch den ersten Platz sichern. Mang war bereit für München, er war bereit für den 5. September. Heute würde man sagen, er war komplett auf diesen Tag fokussiert.

Doch an diesem Tag interessierte sich niemand für Gewichtheben. Es war der Tag, an dem palästinensische Terroristen das Olympische Dorf stürmten und israelische Trainer und Athleten als Geisel nahmen: Am Ende des Tages waren 14 Menschen tot, die heiteren Spiele waren nicht mehr. Das Finale im Superschwergewicht wurde zunächst abgesagt, dann um einen Tag verschoben. The Games must go on. Für Trauer hatte das IOC keine Zeit.

Alexejew und Mang traten also gegeneinander an, aber der Deutsche hatte seine Konzentration eingebüßt. Alles war auf den 5. September ausgerichtet gewesen, am 6. September konnte Mang seine Leistung nicht mehr abrufen. Alexejew siegte mühelos. Der Deutsche holte Silber, er konnte sich nicht darüber freuen.

Als Weltmeister abgetreten

Mang hat zwei Jahre später seine Laufbahn beendet, Karriereende mit 24, die Gelenke machten nicht mehr mit, alles tat ihm weh, Tribut des jahrelangen Trainings. Er ist als amtierender Weltmeister abgetreten, aber die Enttäuschung von München bleibt mit seinem Sportlerleben verbunden. Viele Jahre später hat er der "Süddeutschen Zeitung" erzählt, er habe die Erinnerung an die Spiele von 1972 komplett verdrängt: "Wenn ich mir etwas vorgenommen habe und nicht das erreicht habe, was ich hätte erreichen können, verfolgt mich das."

Seinem Heimatort Bellenberg, 4500 Einwohner, durch ihn auf der Landkarte der Sportgeschichte gelandet, ist er ein Leben lang treu geblieben. Nach der Karriere hat er dort ein Fitnessstudio eröffnet. Er hat stets betont, dass bei ihm im Studio keine Pillen geschluckt werden. Dass er selbst als Sportler Anabolika genommen hat, hat er früh eingestanden: "Ich war kein Heiliger." Er sagt auch: "Was ich im Monat eingenommen habe, war bei Anderen eine Tagesration." Das gehört zur Geschichte des Gewichthebens untrennbar dazu.

Von seinem Sport hatte er sich früh verabschiedet, er hat nie wieder einen Wettkampf in der Halle besucht, hat sich Gewichtheben höchstens noch am Fernsehen angeschaut, wenn es denn dort mal zu sehen war. Stattdessen hat er sich am Bierbrauen im eigenen Keller versucht, er hat ständig an neuen Sorten herumgetüftelt, auch da war er ein Perfektionist.

Am Montag ist Mang gestorben, in seinem Fitnessstudio, das Herz wollte nicht mehr, er wurde 67 Jahre alt. Rudolf Mang ist in München kein Olympiasieger geworden, der größte deutsche Gewichtheber war er trotzdem.

insgesamt 3 Beiträge
nadennmallos 14.03.2018
1. Ein großer Sportler ...
... nicht "abgehoben", bescheiden. Keiner der Schlagzeilen machte, aber Leistung lieferte. Zwar immer im Schatten des großen, russischen Widersachers, aber das spielte keine Rolle. Schade.
... nicht "abgehoben", bescheiden. Keiner der Schlagzeilen machte, aber Leistung lieferte. Zwar immer im Schatten des großen, russischen Widersachers, aber das spielte keine Rolle. Schade.
geer-mann 14.03.2018
2. Der Bär von Bellenberg,
Ja ein grosser Meister seiner Klasse war er bestimmt. Leider haben die Medien die Superschweren oftmals den Leichteren Klassen vorgezogen. Dass Superschwergewicht hat eben keine Relativkraft Begrenzung durch dass [...]
Zitat von nadennmallos... nicht "abgehoben", bescheiden. Keiner der Schlagzeilen machte, aber Leistung lieferte. Zwar immer im Schatten des großen, russischen Widersachers, aber das spielte keine Rolle. Schade.
Ja ein grosser Meister seiner Klasse war er bestimmt. Leider haben die Medien die Superschweren oftmals den Leichteren Klassen vorgezogen. Dass Superschwergewicht hat eben keine Relativkraft Begrenzung durch dass Körpergewicht, ist sozusagen ohne Körpergewichtslimit! Damit geht auch ein gewisses Risiko einher, sein Körpergewicht nach seiner Aktiven Zeit wieder ins Lot zu kriegen! Natürlich bedeutet Doping für Alle Gewichtsklassen und Sportarten ein ernstzunehmendes Risiko !
jottwede22 16.03.2018
3. Große Kindheitserinnerung
Da ich am 05.09. Geburtstag habe und die Spiele omnipräsent in meinem Gedächtnis habe, erinnere ich mich an diesen Wettkampf als etwas ganz Großes. Das Gleiche gilt für Wilfried Dietrich im Ringen. Ich habe danach nie wieder [...]
Da ich am 05.09. Geburtstag habe und die Spiele omnipräsent in meinem Gedächtnis habe, erinnere ich mich an diesen Wettkampf als etwas ganz Großes. Das Gleiche gilt für Wilfried Dietrich im Ringen. Ich habe danach nie wieder so eine Erinnerung an diese "merkwürdigen" Sportarten erlebt. Große Persönlichkeiten eben. Ein Beileid an die Familie.

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