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Sport

Missbrauchsskandal im US-Turnen

Ein schrecklicher Ort

Auch Superstar Simone Biles war Opfer im Missbrauchsskandal des US-Kunstturnens. Ihr öffentliches Bekenntnis macht das Versagen des Verbands zum Thema - und die Methoden des berühmtesten aller Trainerpaare.

Getty Images
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Dienstag, 16.01.2018   13:40 Uhr

Die Károlyi-Ranch, gut 75 Kilometer nördlich von Houston in Texas, ist ein mythischer Ort im Kunstturnen. Olympiasiegerinnen und Weltmeisterinnen wurden hier geformt, und man muss diese Formulierung wörtlich nehmen.

Die Ranch ist das größte private Trainingszentrum der USA. Sie gehört dem Ehepaar Béla und Martha Károlyi, berühmt im Turnen für ihre Erfolge, berüchtigt für ihre Trainingsmethoden. Es ist die Trainingsstätte des US-Nationalteams der Turnerinnen, und es war über Jahre der Ort, an dem der Teamarzt Larry Nassar sein Unwesen trieb. Nassar, wegen Besitz von Kinderpornografie unlängst zu einer Haftstrafe von 60 Jahren verurteilt, angeklagt wegen des jahrelangen und massenhaften Missbrauchs von Turnerinnen. Ihm droht dafür eine weitere Strafe von bis zu 125 Jahren Dauer.

Auch Simone Biles hat auf der Károlyi-Ranch trainiert. Hier hat sie sich 2016 fit gemacht, um bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro vier Mal Gold zu holen. Aber hier hat sie auch erlebt, wie Nassar sich an die Turnerinnen herangemacht hat, wie er seine "Spezialbehandlungen" vornahm, wie er es nannte. Biles gehörte zu denen, die sich diesen Behandlungen unterziehen mussten. Das hat sie jetzt öffentlich gemacht.

Mittlerweile Hunderte von Fällen zusammengetragen

Biles ist der Superstar der Szene, spätestens seit Rio kennt sie jeder in den USA. Ihr Bekenntnis, eines der Opfer von Nassar zu sein, hat den Missbrauchsskandal wieder zu einem Top-Thema in den US-Medien gemacht. Biles ist der prominenteste Name, aber die 20-Jährige ist nur eine von vielen. Von ganz vielen. Die Ermittler haben mittlerweile Hunderte Fälle zusammengetragen, darunter sind die Top-Turnerinnen Aly Raisman, McKayla Maroney und Gabby Douglas.

"Lange Zeit habe ich mich gefragt: War ich zu naiv? War es meine Schuld?", hat Biles in ihrem Statement geschrieben, jetzt erst wisse sie die Antwort: "Nein, es war nicht meine Schuld. Ich will nicht die Schuld tragen, die Larry Nassar gehört - und anderen."

Und anderen - das zielt auch in Richtung des Verbands und des früheren Verbandschefs Steve Penny, der beschuldigt wird, schon seit Langem von den Vorwürfen gegen den Arzt gewusst zu haben. Er unternahm nichts. Genauso wenig wie die Károlyis, die Nassar machen ließen. Ob sie davon wussten, was dort auf ihrer Ranch geschah, ist offen. Dass die Károlyis als Trainer selbst ein Regime des Autoritären prägten, weiß dagegen jeder. Sie schufen das Klima, unter dem Nassar das tun konnte, was er tat.

Aufstieg begann mit Nadia Comaneci

Béla Károlyi und Nadia Comaneci - diese beiden Namen sind im Kunstturnen auf ewig verbunden. Der Coach stieg in den frühen Siebzigerjahren zum Cheftrainer der Rumäninnen auf - und veränderte das Kunstturnen grundlegend. Er war der Ansicht, Turnerinnen müssten möglichst klein sein, um die Höchstschwierigkeiten zu bewältigen, also wählte er seine Sportlerinnen danach aus: Aus dem Frauenturnen, das in den Sechzigerjahren noch durch die graziösen Damen Larissa Latynina und Vera Caslavska repräsentiert wurde, wurde Kinderturnen. Comaneci wurde als 13-Jährige Europameisterin, ein Jahr später stieg sie zur Turnkönigin der Sommerspiele von Montreal 1976 auf. Sie war die Erste, die die Traumnote 10.0 am Stufenbarren erhielt. Sie war 14.

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Fotostrecke: Das System Károlyi

1981 flohen die Károlyis in die USA, sie kauften das Grundstück in Houston, und sie bestimmten ab da, was im US-amerikanischen Frauenturnen zu geschehen hatte. Die ewig lächelnde Mary Lou Retton wurde ihr nächster großer Star, Kim Zmeskal, Kerri Shrug, Dominique Moceanu - alle großen Namen des US-Mädchenturnens sind mit dem Ehepaar Károlyi verbunden.

Genauso wie die Vorwürfe gegen sie. Die Karolyis haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihr Motto lautete: "Gelobt sei, was hart macht." Gearbeitet wurde unter höchstem Druck. Biles hat mal gesagt, dass sie "mehr Angst" vor Martha Károlyi habe als vor den Kampfrichterinnen. "Wir treten immer gegen uns selbst an", war Martha Károlyis Wahlspruch. In seiner Zeit als rumänischer Chefcoach habe Béla Károlyi sie wiederholt geschlagen, warf die Silbermedaillengewinnerin von Moskau 1980, Trudi Eberle Kollar, ihrem Ex-Trainer vor.

"Wir wurden überall von Béla geschlagen, auf alle Körperteile. Hinter meinen Ohren löste sich die Haut", hatte sie 2010 ausgesagt. Karolyi hat das damals zurückgewiesen, er habe "keine Schuldgefühle" und verweist darauf, dass Comaneci und Retton ihn stets gegen alle Vorwürfe verteidigt haben. Stattdessen habe er immer versucht, "erst ein Vater, dann ein Trainer zu sein".

Angetreten mit Verletzungen

Wie das in der Praxis aussah, hat er regelmäßig bewiesen. So mussten seine Turnerinnen auch antreten, obwohl sie verletzt waren. Moceanu turnte bei den Sommerspielen 1996 in Atlanta mit einer Stressfraktur am Schienbein, Chellsie Memmel trat bei den Spielen in Peking 2008 an, obwohl sie einen Fußbruch erlitten hatte. In London ging McKayla Maroney mit gebrochenem Zeh an den Start.

2016 trat Martha Károlyi im Alter von 74 Jahren als US-Cheftrainerin ab. Der US-Verband wollte dem Pärchen die Ranch anschließend eigentlich abkaufen, der Deal war schon so gut wie gelaufen, dann kamen die Missbrauchsvorwürfe gegen Nassar an die Öffentlichkeit, und der Verband machte einen Rückzieher.

Da es aber bislang keinen anderen Ort gibt, an dem die Trainingsbedingungen so gut sind wie auf der Károlyi-Ranch, trainieren die US-Turnerinnen auch weiterhin dort. Biles sagt: "Ich werde also kontinuierlich an denselben Trainingsort zurückkehren müssen, an dem ich missbraucht wurde."

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