Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Die Rückkehr des Sprinters

Tour de Kittel

Marcel Kittel ist der Star der diesjährigen Tour de France. Der Sprinter hat bereits fünf Etappen gewonnen und einen deutschen Rekord gebrochen. Dabei wäre er fast Leichtathlet geworden.

Getty Images
Von Eike Hagen Hoppmann
Dienstag, 18.07.2017   09:16 Uhr

Jura, Pyrenäen und Zentralmassiv haben die Fahrer hinter sich gelassen, bald geht es in die Alpen. Doch zunächst steht nach dem Ruhetag eine flache Etappe an, es könnte die Stunde der Sprinter schlagen. Bisher hieß das bei dieser Tour de France: die Stunde des Marcel Kittel.

Fünf Etappensiege hat Kittel vom belgischen Rennstall Quick-Step Floors bei dieser Tour schon eingefahren. An diesem Dienstag (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) könnte er zum sechsten Mal triumphieren. Und dann ist da natürlich noch der Sonntag, wenn der Wettbewerb auf den Pariser Champs-Élysées traditionell mit einem Massensprint zu Ende geht. Die Tour de Kittel ist noch lange nicht beendet.

Kittel, 29, Kinderschokoladen-Lächeln, das blonde Haar nach hinten gegelt, ist der Mann dieser Tour. Er gewann bisher die Abschnitte zwei, sechs, sieben, zehn und elf. Außerdem trägt er mit 79 Punkten Vorsprung das Grüne Trikot des Punktbesten und hat gute Chancen, es bis Paris zu behalten. Auch wenn sein größter Konkurrent Michael Matthews bei den vergangenen beiden Etappen 49 Punkte aufholte.

Beispielhaft für seine Leistungen war sein Auftritt auf der sechsten Etappe. Knapp 600 Meter vor dem Ziel, lag Kittel eigentlich viel zu weit zurück, um noch zu gewinnen. Er lag auf Platz zwölf. Weitere 300 Meter später hatte er sich gerade mal auf Platz neun vorgearbeitet. Dann ging er in den Wind und sprintete los. Es wirkte plötzlich, als würde ein Adler an einer Gruppe Schildkröten vorbeiziehen. Im Ziel hatte Kittel über eine Radlänge Vorsprung.

"Er ist von einem anderen Planeten", sagt sein ehemaliger Teamkollege John Degenkolb mit einer Mischung aus Anerkennung und Neid. Kittel selbst scheint sein Erfolg etwas unheimlich zu sein. "Das ist ja nicht irgendein Rennen, das ist die Tour de France", sagt er. Aber eine Tour de France light.

Denn drei der aktuell fünf besten Sprinter sind nicht mehr dabei. Als Peter Sagan und Mark Cavendish beim Zielsprint der vierten Etappe kollidierten, brach sich Cavendish das Schulterblatt und musste aufgeben, Sagan wurde disqualifiziert. Der Franzose Arnaud Démare, der diese vierte Etappe gewann und in hervorragender Form war, blieb bei der neunten Etappe nicht im Zeitlimit und wurde ebenfalls ausgeschlossen.

André Greipel fährt zwar noch mit, ist aber nach einer hartnäckigen Viruserkrankung im Frühjahr nicht in Top-Form. Auf Flachetappen hat Kittel derzeit keine echte Konkurrenz.

Vom Leichtathleten zum Sprintkönig

Wie konnte Kittel der beste Sprinter werden? Kittels Mutter Elke war DDR-Meisterin im Hochsprung und so betrieb auch Marcel Kittel zunächst bis zu seinem 13. Lebensjahr Leichtathletik. Erst dann wechselte er zum Radsport. Dort feierte sein Vater in der DDR Erfolge.

Im Junioren-Bereich wurde Kittel zweimal Weltmeister im Zeitfahren. Stark gemacht hat ihn Jochen Wilhelm, der in Erfurt zahlreiche gute Radsportler hervorbrachte. Wilhelm war für Kittel Trainer und Freund. Als er während der ersten Woche der diesjährigen Tour starb, startete Kittel am nächsten Tag mit Trauerflor.

Der Durchbruch gelang Kittel bei der Tour de France 2013. Damals sowie im Folgejahr gewann er jeweils vier Etappen. Darunter waren beide Male sowohl die erste als auch die letzte Teilstrecke. Kittels Karriere verlief fast zu gut.

Doch ein knappes Jahr später folgte der Einbruch: Eine Virusinfektion setzte Kittel 2015 lange außer Gefecht, er wurde nicht rechtzeitig fit, sein Rennstall Giant-Alpecin nahm ihn nicht mit zur Tour. Kittel sprach von der "mit Abstand schwierigsten Phase meiner Karriere". Er flüchtete zu Quick-Step, kehrte 2016 zur Tour de France zurück und gehörte wieder zum Kreis der besten Sprinter - gewann aber nur eine Etappe.

Jetzt hat Kittel wieder zu alter Tour-Form zurückgefunden. Das musste er auch: Sein Teamkollege Fernando Gaviria, erst 22 Jahre alt, hatte beim Giro d'Italia vier Etappensiege eingefahren und gilt als Sprinter der Zukunft. Bei der Tour steht Gaviria nicht im Aufgebot, bei Massenankünften vertraut das Team Kittel - und erwartet dafür Siege.

Was kann Kittel noch erreichen?

Das Vertrauen zahlt Kittel bisher zurück. Schon beim ersten Massensprint gewann er, da waren Cavendish und Sagan noch dabei. Mit insgesamt 14 Etappensiegen bei der Frankreich-Rundfahrt hat Kittel mittlerweile sogar den deutschen Tour-Rekord von Erik Zabel (zwölf) gebrochen. "Ich habe mich nie besser gefühlt", sagt Kittel.

Was kann er in dieser Form noch erreichen? Der Rekord für die meisten Etappensiege bei einer Tour liegt bei acht. Das wird selbst für Kittel schwer. Doch auch sechs oder sieben Tageserfolge haben erst zehn Fahrer in der über hundertjährigen Tourgeschichte geschafft. Einem Deutschen ist das noch nie gelungen.

Andere Teams haben deshalb längst Interesse an Kittel. Besonders intensiv soll Katusha Alpecin um die Dienste des Fahrers werben. Der Rennstall mit Schweizer Lizenz und russischer Vergangenheit hat nach zahlreichen Dopingfällen in den vergangenen Jahren ein angekratztes Image. Sympathieträger Kittel wäre da eine ideale Besetzung. Was Katusha für Kittel interessant macht: Dort fährt bereits sein enger Freund Tony Martin.

Kittels Vertrag bei Quick-Step läuft Ende des Jahres aus. Auch der Kontrakt von Gaviria endet dann. Dass beide beim belgischen Rennstall bleiben werden, gilt als unwahrscheinlich. Mit jedem weiteren Sieg bis Paris verbessert sich Kittels Verhandlungsposition.

insgesamt 21 Beiträge
Le Commissaire 18.07.2017
1.
Ich denke auch, dass die Konkurrenz mit Gaviria Kittel beflügelt hat. Dennoch sind Kittels Chancen für eine weitere Verpflichtung bei Quick-Step nicht optimal, weil er für die Klassiker-Rennen nicht geeignet ist, für die sich [...]
Ich denke auch, dass die Konkurrenz mit Gaviria Kittel beflügelt hat. Dennoch sind Kittels Chancen für eine weitere Verpflichtung bei Quick-Step nicht optimal, weil er für die Klassiker-Rennen nicht geeignet ist, für die sich das Team nach einem schwachen Jahr und dem Abgang von Tom Boonen sicherlich neu aufstellen möchte. Ein Wechsel zu Katusha wäre zwar schön, weil Kittel dann wieder mit Tony Martin in einen Team wäre, allerdings bringt, wenn ich das richtig beobachtet habe, Katusha nicht so gute Sprintzüge hin wie Quick-Step, zumindest derzeit. Aber oftmals bringen ja Sprinter bei einem Teamwechsel ihren besten Anfahrer mit.
Trockenfisch 18.07.2017
2. Ahhhh
Die Werbetout für die Pharmaindustrie läuft auch wieder. Das eigentlich spannende daran ist doch ob der Dopingskandal schon vor Paris auffliegt oder erst danach.
Die Werbetout für die Pharmaindustrie läuft auch wieder. Das eigentlich spannende daran ist doch ob der Dopingskandal schon vor Paris auffliegt oder erst danach.
ronputtendoerfer 18.07.2017
3. Ein neuer Stern
Schön, solche Erfolge miterleben zu dürfen - hoffentlich bleibt das so; oder heften die Logos pharmakologische Sponsoren schon an ihm. Das ist kein Unken, aber von Pinkelproben und Ergebnissen war jetzt noch keine Rede. Ich [...]
Schön, solche Erfolge miterleben zu dürfen - hoffentlich bleibt das so; oder heften die Logos pharmakologische Sponsoren schon an ihm. Das ist kein Unken, aber von Pinkelproben und Ergebnissen war jetzt noch keine Rede. Ich wünsche uns da keine Überraschung.
Rennfahrer 18.07.2017
4. @Trockenfisch
Na dann schauen Sie mal lieber weiter Fußball, Leichtathletik, Schwimmen o.ä....da geht es ja nachweislich sauber zu. So ein Blödsinn. Selbst die öffentlichen haben mittlerweile erkannt, dass der Radsport das beste [...]
Na dann schauen Sie mal lieber weiter Fußball, Leichtathletik, Schwimmen o.ä....da geht es ja nachweislich sauber zu. So ein Blödsinn. Selbst die öffentlichen haben mittlerweile erkannt, dass der Radsport das beste Antidoping-System hat und ALLE anderen Sportarten weit hinterher hinken. Heißt nicht das alles sauber ist, aber es sollten mal langsam andere in den Fokus gerückt werden. Nur an Fußball traut sich wieder keiner ran als liebstes Kind der Sportwelt. Was gäbe das nur für einen Aufschrei. Und das viele Geld. Um Himmels Willen. Nee dann lieber weiter auf den Radsport eindreschen, funktioniert ja bestens seit Jahren. Armes Sport-Deutschland...
fisschfreund 18.07.2017
5. Überschrift
Hoffentlich hat er seinen Doping Kram rechtzeitig abgesetzt. Würde mich nicht wundern, wenn am Ende diese Siege alle aberkannt werden.
Hoffentlich hat er seinen Doping Kram rechtzeitig abgesetzt. Würde mich nicht wundern, wenn am Ende diese Siege alle aberkannt werden.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP